Marcel Reif: Der Fluch der guten Tat

Marcel Reif: Der Fluch der guten Tat

UEFA-Präsident Michel Platini hatte bekanntlich die großartige Idee, eine Europameisterschaft, die wunderbar funktionierte, auf ein Turnier mit 24 Teilnehmern aufzublasen.

Davon profitieren natürlich Nationen wie Nordirland, Wales, die Slowakei, Norwegen oder Island, die sich entweder bereits für die Endrunde in Frankreich qualifiziert haben oder kurz davor stehen.

Aber man muss das differenziert sehen, und es ist auch in diesem neuen System nicht verboten, grandios zu scheitern, wie uns das die Niederländer gerade eindrucksvoll demonstrieren. Österreich hätte sich ohne Zweifel auch bei nur 16 Teilnehmern qualifiziert.

Haben die "Kleinen“ wirklich aufgeholt und die Schere zu den Kapazundern geschlossen? Oder sind die mehrheitlich aus der zweiten, ja dritten Liga stammenden Spieler von Nordirland und Wales einfach gieriger auf den Erfolg und wollen unbedingt die Gunst der Stunde nutzen? Sie punkten mit Herz und Leidenschaft und sagen sich: Wenn wir alles richtig machen, ist die Hierarchie im europäischen Fußball längst nicht zementiert. England hat locker das Ticket nach Frankreich gelöst, aber ich bin überzeugt, dass ihre mittelmäßigen, satten Stars dort nicht sonderlich reüssieren werden.


Es ist nicht so einfach für junge Menschen, sich neue Ziele zu stecken und frische Motivation zu finden, wenn man bereits das Höchste erreicht hat.

Die deutschen Weltmeister haben Zeit gebraucht, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Es ist nicht so einfach für junge Menschen, sich neue Ziele zu stecken und frische Motivation zu finden, wenn man bereits das Höchste erreicht hat. Und es ist das Natürlichste der Welt, dass dann der Motor ins Stottern gerät, aber jetzt haben die Herren Müller, Götze und Gündogan wieder die Leichtigkeit und Unbekümmertheit gefunden. Der Fluch der guten Tat ist verblasst.

Die glorreiche Reise der Elf von Marcel Koller durch Europa ist für mich gar nicht so überraschend. Österreich hat bei der Trainerausbildung und Nachwuchsförderung enorm aufgeholt und steht heute auf Augenhöhe mit der Schweiz. Und das meine ich als Kompliment.

Auch wenn sich viel um David Alaba dreht, ist Österreich doch weit davon entfernt, auf einen "FC Alaba“ reduziert zu werden. Aber jeder Trainer wird es dem Herrgott danken, einen solchen Alleskönner in der Mannschaft zu haben. Sogar wenn Pep Guardiola ihn ins Tor stellen sollte, würde David freundlich lachen und sagen: "Ja, dann mach ich es halt.“ Alaba bringt den Unterschied und besitzt trotz seiner Jugend etwas, das man sich nicht kaufen, nicht trainieren kann: Charisma.

Eine Geschichte, die wir alle herbeigesehnt haben, ist Island. Ein Land, in dem mehr Schafe als Menschen leben, ist in Frankreich mit dabei: mit kaum bekannten, aber gut ausgebildeten Spielern aus kleineren Ligen, die sagen, wir müssen uns nicht von vornherein auf den Rücken legen. Wunderbar, dass man sich im Gegensatz zum Klubfußball auf der Ebene der Nationalmannschaften doch nicht alles kaufen kann. Bei dem ganzen Müll der korrumpierten FIFA in den vergangenen Monaten und dem obszönen Transferwahnsinn schenkt mir dieses Märchen den Glauben an das Spiel wieder. Es gibt sie also doch noch, die so schmerzlich verloren geglaubte Fußballromantik.

Jetzt müssen wir nur noch hoffen, dass Platini nicht auf die waghalsige Idee verfällt, die Zahl der EM-Finalisten auf 36 zu erhöhen - weil er auch die Niederlande unbedingt dabeihaben will.

Marcel Reif ist Grimme-Preisträger und kommentiert wöchentlich die Topspiele der Deutschen Bundesliga und der UEFA Champions League live auf Sky.