Eine Überdosis Barbiturate gilt auch als offizielle Todesursache vom 5. August 1962. Ob Suizid oder nicht, ist bis heute ungeklärt.Dass die als Norma Jean Baker Geborene, Tochter einer Cutterin, die an Schizophrenie litt, und eines Vaters, der eine unbekannte Sehnsucht blieb, sich aus dem Heer der 90-60-90-Blondinen, die in den Kantinen der Studios herumlungerten, zum bis heute größten Star der Filmgeschichte hochhauchen konnte, ist nachvollziehbar. Natürlich beherrschte sie den „wiggle“ (den Hüftschwung) wie keine Zweite, aber ein hochtouriger Motor war auch ihre unbändige Gefallsucht, ein Relikt aus den brutalen Waisenhaustagen. Sie „brachte die Kamera zum Orgasmus wie nie jemand vor oder nach ihr“, erklärte einer ihrer Setfotografen, Lawrence Schiller, in einem profil-Interview. Und sie revoltierte intuitiv gegen das Starsystem, indem sie sich in all ihrer Verletzlichkeit und Dysfunktionalität auf den Wühltisch der Klatschpresse legte und so ihr Publikum zu ihrem Verbündeten machte. Der Schriftsteller Truman Capote beschrieb diese Kraft so: „Sie ist umstrahlt vom Stigma des unbehausten Waisenkinds. Und was könnte mächtiger und entwaffnender sein als ein Weltstar, den man bedauern muss?“
Viele ihrer Filme wie etwa „Wie angelt man sich einen Millionär?“ (1953) waren leicht verderbliche Unterhaltungsware. Die Monroe-Aura, „der unruhige Flaschengeist ihres Talents“ (so ihre Schauspiellehrerin Constance Collier) blitzte in Streifen auf wie dem Psychothriller „Don’t Bother to Knock“ (1952), in dem sie eine psychotische Babysitterin spielte, oder dem Außenseiter-Western „The Misfits“ (1961) von John Huston (für den ihr dritter Ehemann Arthur Miller das Script schrieb). Die Tänzerin auf Sinnsuche in „Nicht gesellschaftsfähig“ (so der deutsche Titel) sollte Monroes letzte vollendete Rolle werden; ihr Filmpartner Clark Gable starb nur wenige Tage nach Abschluss des Drehs, und ganz Hollywood machte Marilyns berüchtigte Unpünktlichkeit und ihre Forderungen nach bis zu 80 Takes einer Szene in der Wüstenhitze von Nevada für Gables Tod verantwortlich.
Der Regisseur Billy Wilder war einer der wenigen, die der Monroe zu deren Lebzeiten die Stange hielten. In seinem „Some Like It Hot“ (1959), für viele die beste Komödie aller Zeiten, persifliert Monroe als naiv-laszive Ukulele-Spielerin ihr Image bis über den Anschlag hinaus: „Natürlich war sie entsetzlich unverlässlich und anstrengend. Aber der 81. Take war dann tatsächlich sensationell. Abgesehen davon: Meine Tante Rita aus Ottakring war immer pünktlich, nur die wollte keiner sehen.“
Ihre größte Wunde, neben einer traumatisierenden Kindheit in Waisenhäusern und Pflegefamilien, war die Angst, als Schauspielerin nicht ernst genommen zu werden. Möglicherweise hat Constance Collier, eine der vielen Schauspielcoaches, die für die Monroe ebenso wichtig waren wie die Friseure, die ihre Kopf-Zuckerwatte zurechtzupften, die Magie „meines Sorgenkinds“ am besten beschrieben: „Sie besitzt dieses innere Strahlen, diese plötzlich aufblitzende Intelligenz. In dieser Hinsicht ist sie wie ein fliegender Kolibri, die Poesie solcher Flügelschläge kann nur eine Kamera einfangen.“
„Sie ist das traurigste Mädchen, das ich je kennengelernt habe“, schrieb Arthur Miller in seinen Memoiren „Zeitkurven“. Das Drama der Monroe beleuchtet ein Dialog zwischen ihr und ihrem Setfotografen Lawrence Schiller, heute 89 Jahre alt, den er im profil-Interview so schilderte: „Marilyn sagte: ‚Ich kann dir alles über Ablehnung erzählen, Larry. Manchmal habe ich das Gefühl, mein ganzes Leben ist eine einzige Ablehnung.‘ Und ich rief: ‚Aber Sie sind ein Star, Ihr Gesicht ist auf jedem Magazin auf diesem Planeten zu sehen!‘ Ihre Gegenfrage: ‚Und wie viele Oscar-Nominierungen habe ich?‘ Ich hatte keine Ahnung. Ihre Antwort: ‚Aber ich weiß es, Larry, ich habe keine einzige.‘“