So entstanden Chansons wie „Merci Chérie“, „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ (inspiriert von einer Ampelbegegnung in Schwabing, wo Jürgens aus dem Auto eine junge Passantin fixierte und Hörbiger sofort den passenden Reim dazu hatte) oder „Immer wieder geht die Sonne auf“. Heute, in Post-Epstein-Tagen, ginge es wohl nicht mehr so locker durch, solche dann doch „etwas creepy Zeilen“ zu verfassen, in denen ein älterer Mann ein so junges Mädchen anbaggert.
„Beide sahen ja Bombe aus, hatten einen echten Filmstar-Look“, erzählt Mavie Hörbiger, „und bevor mein Vater meine Mutter, die 30 Jahre jünger war, heiratete, war bei beiden Herren einiges los.“ Als Mavie Hörbiger vor 16 Jahren zum Ensemblemitglied des Burgtheaters wurde (wo sie aktuell in den Proben zur Elfriede-Jelinek-Uraufführung „Unter Tieren“ steht), erlebte sie des Öfteren sehr viel ältere Damen, die mit roten Backen zu ihr kamen und ihr aufgeregt zuflüsterten: „Ich habe ja noch Ihren Vater sehr gut gekannt.“ „Wie gut genau, wollte ich gar nicht so exakt wissen.“
„Merci Chéri“, die melancholische Ballade über eine zerbrochene Liebe, in der der Mann die Frau zurücklässt („… zwingen kann man kein Glück“), bescherte Österreich 1966 den ersten und bis Conchitas Triumph 2014 einzigen Sieg in der Geschichte des Song Contests. Der davor vom Lampenfieber gebeutelte Udo Jürgens bedankte sich in Luxemburg nach der Punktevergabe mit den legendären Worten: „Merci Jury.“ Es war sein dritter Anlauf auf das Siegerpodest gewesen: 1964 hatte Kopenhagen seine Frage „Warum nur, warum?“ mit einem sechsten Platz beantwortet, ein Jahr später landete er in Neapel mit „Sag ihr, ich lass sie grüßen“ auf dem vierten Platz. Vor dem dritten Versuch, von dem er sich selbst wenig erhofft haben soll, titelte die „Bild“-Zeitung noch in derber Überzeugung: „Udo Jürgens chancenlos!“
Laut der Überlieferung des Vaters, so erzählt Mavie Hörbiger, „war Udo damals so nervös, dass er bei seinem Auftritt die ersten drei Akkorde viel zu schnell spielte. So ging der ganze Zauber des Songs verloren. Mein Vater rannte auf die Bühne und stoppte ihn, damit er noch einmal von vorn beginnen konnte. Das war damals so möglich. Danach lief alles nach Plan.“
Als Udo Jürgens’ Karriere wenig später in bombastische Höhen abhob, drifteten die Wege von Sänger und Texter auseinander. Hörbiger hatte noch einen Textentwurf für „Griechischer Wein“ geschrieben, der aber jenem von Michael Kunze, Jürgens’ späterem langjährigen Textdichter, unterlag. Der in den Archiven häufig als „Nachtclub-König“ geführte frühere Schauspieler entschied sich, völlig zum Familienmenschen zu werden: Die Geburt von Mavie und ihrem neun Jahre jüngeren Bruder Hans machten ihn „zu einem echten Hausmann, der kochte und putzte. Er hat diese Entscheidung einfach getroffen, weil er davor so viel erlebt hatte. Außerdem driftete das Nachtleben in den 1980er-Jahren stark in Richtung Drogen, vor allem Kokain ab. Mein Vater verachtete Drogen aus tiefstem Herzen. Er hat sogar Falco einmal deswegen aus einem seiner Clubs geworfen. Dieses München war einfach nicht mehr seine Welt.“
Der Song Contest war im Familienleben der Hörbigers in ihrem Bungalow in Baldham, einer Art Promidorf außerhalb von München, ein Pflichttermin, erinnert sich Mavie Hörbiger: „Wir fieberten immer mit und entwickelten sogar ein eigenes Punktesystem.“ Zum Familienbrauch gehörte es auch, „dass der Papi am Sonntag sich die Filme meines Großvaters Paul im Fernsehen ansah und dabei immer weinte. Das gehörte dazu, darüber hab ich als Kind nicht viel nachgedacht.“ Thommy Hörbiger war nach einer kurzen Karriere mit Rollen in Filmen wie „Lügen haben schöne Beine“ oder „Die Winzerin von Langenlois“ schon in frühen Jahren freiwillig aus dem Schauspielerberuf ausgeschieden. Seine Tochter freut sich, wenn sie nachmittags ihren Vater im Fernsehen finden kann : „Erst kürzlich hab ich ihn in dem Film ‚Das schwarze Rössl‘ gesehen. Etwas hölzern, aber Gott sei Dank mit einem Instrument. Er konnte ja wirklich jedes Instrument spielen, war supermusikalisch.“
Nur lauschig ging es bei den Hörbigers aber auch nicht zu, trotz des Rückzugs ins Grüne: „Bei uns herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, dauernd kamen Leute, die Nächte wurden nach wie vor durchgefeiert.“ Vor Jahren hat ihr der Schauspieler Götz George einmal auf einem Flughafen erzählt, dass sie als Schulkind, mit geschultertem Ranzen, sich morgens den Weg durch die Partymenge pflügte und auf die bescheuerte Frage eines Gastes „No, wohin gehst denn du?“ geantwortet haben soll: „In die Schule, du Arschloch!“