Mehr Mode-Masochistinnen seit "Fifty Shades of Grey"

Mehr Mode-Masochistinnen seit "Fifty Shades of Grey"

Wie selbstbestimmte Frauen nach Büroschluss zu Sklavinnen werden - Reportage aus einer Nischenkultur.

Alfred, der "Herr“, empfängt im langen Ledermantel, er spricht in tiefem Bass. Das kleine Mietapartment in der Wiener Innenstadt ist klinisch weiß und spärlich möbliert. Seine zwei Sklavinnen sitzen bereits beim Tisch - Fräulein Bunt am Sessel, die zweite Dame, sie nennt sich No. 107, auf dem Boden, denn sie ist "das unterste Glied der Nahrungskette“. Ihre Aufgabe, eine neue Sklavin anzuwerben, die sie in dieser Funktion ersetzt, hat No. 107 noch nicht erfüllt.

Dreierkonstellation

Alfred, Fräulein Bunt und No. 107 leben seit einigen Jahren in dieser Dreierkonstellation. Das Trio kennt sich aus dem Internet. "Davor konntest du höchstens fremde Frauen auf der Mariahilfer Straße fragen, ob du sie schlagen darfst. Das hat vielleicht in acht Prozent der Fälle geklappt“, schmunzelt Alfred. Mit den Errungenschaften des digitalen Zeitalters hat sich alles geändert.

"Lust und Schmerz schaukeln sich gegenseitig auf. Mich nur schlagen zu lassen, klappt nicht. Wenn es aber mit der richtigen Chemie passiert, kann das sehr weit gehen“, erklärt No. 107.


Am liebsten weiß ich gar nicht, was auf mich zukommt

Fräulein Bunt erläutert die richtigen Rahmenbedingungen: "Manche meiner früheren Herren verlangten nach einer ‚Session’ ein Feedback, in dem ich beschreiben sollte, was ich mochte und was nicht. Aber in dem Moment waren für mich Reiz und Respekt verschwunden. Am liebsten weiß ich gar nicht, was auf mich zukommt.”

Durch Schmerzen erlebe sie einen Kick, der ihr hilft, sich lebendig zu fühlen, manchmal empfindet sie auch Spaß "am widerspenstig sein“. No. 107 hingegen ist ausschließlich "devot“: "Bereits in der Schule erfüllte es mich, mich nach anderen zu richten.“

Ihre sexuelle Neigung habe sich "so ergeben“: "Ich komme aus einem konservativen Elternhaus, hatte eine glückliche Kindheit - aber bereits als Mädchen war ich in Burgruinen am meisten von Kerkern und Verliesen angezogen. Einmal sah ich in einem Bauernhof einen riesigen Käfig, in dem einst untreue Bauersfrauen zur Strafe nackt ausgestellt wurden. Die Vorstellung, darin gefesselt zu sein und von Leuten durch die Gitterstäbe angegriffen zu werden, hat mich schon damals fasziniert.“

"Deutlich mehr Mode-Masochistinnen”

Seit dem Romanerfolg von "Fifty Shades of Grey“ gäbe es "deutlich mehr Mode-Masochistinnen”. Doch diese hätten in der Regel den wahren Sinn von SM nicht verstanden. Herr Alfred macht mit solchen "Pseudosubs“ meist kurzen Prozess: "Wenn mir eine erklärt, am Haar dürfe ich sie zwar ziehen, aber bitte nicht so fest, und ich möge darauf achten, ihr Make-up nicht zu verschmieren - dann ist es besser für uns beide, wenn sie wieder geht.“

No. 107 und Fräulein Bunt legen Wert auf die Feststellung, ihr Leben als "freie, selbstbestimmte Frauen“ zu führen. Die Lust am Unterwerfung-Spielen hätte absolut nicht damit zu tun, dass sie ein absolut emanzipiertes Leben führen.

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