© Monika Saulich

Gesellschaft
11/15/2020

Nachruf: Helga Pollak-Kinsky, Holocaust-Überlebende

Helga Pollak-Kinsky, eine der letzten Zeitzeuginnen in Österreich, ist am 14. November 2020 von uns gegangen. Mit ihrem Tagebuch aus Theresienstadt hinterlässt sie ein einzigartiges persönliches und historisches Dokument.

von Edith Meinhart

Als sie am 17. Jänner 1943 das erste Mal in das schwarze Notizbuch schrieb, das der Vater ihr geschenkt hatte, sechs Tage vor ihrer Deportation nach Theresienstadt, war sie zwölf Jahre alt. "Denik" hatte das Mädchen mit Schönschrift darauf geschrieben, tschechisch für Tagebuch. Vor sechs Jahren machte Helga Pollak-Kinsky dieses persönliche und historische Dokument der Nachwelt zugänglich. Sie widmete es Eva, Eric und Sara - ihren Kindern und ihrer Enkelin - "und allen Kindern".

Geschenk an die Nachwelt

Ihre Aufzeichnungen aus dem Ghetto sind ein einzigartiges Geschenk an die Nachwelt, das sich - mit dem Tagebuch der Anne Frank - von vielen Erinnerungen abhebt, die großteils nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes verfasst wurden. Ihr Vater, Otto Pollak, hatte ihr das in schwarzen Karton gebundene Heft mit den Worten überreicht: "Schreib hinein, was du erlebst, was dich bewegt." Wie viele Überlebende konnte Helga Pollak-Kinsky lange nicht über Theresienstadt und Auschwitz reden. Doch als sie damit anfing, zuerst in Deutschland, mit einiger Verzögerung auch in Österreich, wurde sie zu einer der wichtigsten Zeitzeuginnen. Und eine der letzten.

Die Welt, in die Helga Pollak-Kinsky 1930 hineingeboren wurde, war von Kunst und Kultur geprägt, Religion spielte kaum eine Rolle. Ihr Vater, ein mit Tapferkeitsmedaillen geehrter Feldkanonier, war im Ersten Weltkrieg verwundet worden und 1916 aus Südmähren nach Wien gekommen. Gemeinsam mit seinem Bruder Karl führte er in der Mariahilfer Straße 135 das Konzertcafé Palmhof. Es war der Treffpunkt von Künstlern, Musikern und Intellektuellen in der Wiener Vorstadt. Der Operettenkomponist Franz Léhar, der Sänger Richard Tauber, die Schauspieler Hans Moser, Fritz Imhof und Hans Thimig verkehrten hier. Jeden Mittwoch übertrug das Radio swingende Tanzmusik aus dem Palmhof.

Als der Schrecken näher kam

Das änderte sich, als am 20. Mai 1938 die Nürnberger Rassengesetze in Kraft traten und Juden auf offener Straße misshandelt und gedemütigt wurden. Hunderte waren kurz nach dem Einmarsch Hitlers nach Dachau und Buchenwald deportiert worden, tausende flüchteten außer Landes. Die Sommerferien 1938 verbrachte die damals achtjährige Helga bei Verwandten in Südmähren. Dort war es noch einigermaßen ruhig, als im "Großdeutschen Reich" in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Synagogen brannten. Doch der Schrecken kam immer näher.

Helgas Mutter entkam dem NS-Terror im März 1938 mit einem Dienstbotenvisum nach Großbritannien. Ihre Tochter sollte ihr nachfolgen. Doch dazu kam es nicht mehr. Ab 21. Juni 1939 galten die Rassengesetze auch im Protektorat" Böhmen und Mähren. Am 1. September brach der Zweite Weltkrieg aus. Als Helga Pollak ihre Papiere für den Kindertransport beisammen hatte, waren die Grenzen dicht. Ihrem Vater gelang es im September 1941 mit Mühe zu ihr nach Südmähren zu gelangen. Hier fassten sie die NS-Schergen.

"Da drinnen ist Musik. Und hier draußen ist das Gefängnis"

Am 23. Jänner 1943 trafen Otto und Helga Pollak mit ihren Verwandten in Theresienstadt ein. Ihr Vater wurde ins Invalidenheim L 231 gebracht, Helga Pollak kam in das Mädchenheims L 410, wo sie zwei Jahre lang in ihrem Tagebuch notiert, was sie erlebt und was sie bewegt. Ihre Lehrmeister und Betreuerinnen in Theresienstadt sind die geistige und künstlerische Elite, Künstlerinnen, Intellektuelle, Uni-Professoren, Malerinnen, Musiker, überzeugte Zionisten und Kommunisten, die ihr Letztes geben, um die Kinder in Theresienstadt von der mörderischen Wirklichkeit abzuschirmen. Sie proben Bühnenstücke, singen tschechische, deutsche und hebräische Lieder, besuchen Konzerte und Theateraufführungen.

Die Bauhaus-Künstlerin Friedl Dicker-Brandeis ermuntert die Kinder, ihre Gefühle mit Pinsel und Farbe zu Papier zu bringen. Für Helga fügt sich in ihren Stunden alles zum Guten fast wie von selbst", wie sie ihrem Tagebuch anvertraut. Am 5. April 1944 notiert sie nach einem Beethoven-Konzert: Taussig spielte Violine, am Klavier war Prof. Kaff. Danach folgte nur noch Klavierspiel. Kaff spielte das Stück auswendig. Er lebte in der Musik. Kurze Partien spielte er mit geschlossenen Augen. Für mich war es wie ein Märchen." Als der letzte Ton verklingt, möchte sie in das Klavier hineinschlüpfen. Da drinnen ist Musik. Und hier draußen ist das Gefängnis."

Eine Kameradin nach der anderen verschwindet

15.000 Kinder lebten zwischen 1941 und 1945 im Ghetto. Über 14.000 von ihnen kommen ums Leben, in Auschwitz und anderswo. Rund um Helga sterben Menschen an Hunger, Krankheit, Hitze, seelischem Leid. Das Mädchen bekommt Angina, Enzephalitis, sie leidet an Wanzen und ist bald nur mehr Haut und Knochen. Aus ihrem Zimmer verschwindet eine Kameradin nach der anderen, auch sechs ihrer besten Freundinnen werden nach Auschwitz abtransportiert. Im Oktober 1944 steht auch sie auf der Liste. Helga und ein zweites Mädchen machen sich um vier Jahre älter und werden zur Zwangsarbeit in eine Munitionsfabrik beordert. Das rettet ihnen das Leben. Von Helga Pollak gibt es aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen. Ihr zweiter Tagebuchband endet im April 1944, der dritte ging verloren.

Im April 1945 wird Helga Pollak nach Theresienstadt zurückgebracht. Am 2. Mai hingen die SS- und Hakenkreuzfahnen auf Halbmast. Hitler hatte Selbstmord begangen. Tags darauf kam das Ghetto unter den Schutz des Roten Kreuzes. Von 55 Kindern, die durch das Zimmer 28 des Mädchenheims gegangen waren, erlebten nur 15 das Ende des Krieges. Auch ihr Vater überlebt. Nach dem Krieg geht Helga Pollak mit ihm nach Südmähren zurück. 63 Verwandte hatte die NS-Vernichtungsmaschine ihnen entrissen. Am 4. April 1946 trifft Helga Pollak auf dem Croydon Airport ihre Mutter wieder. In England holt sie das Abitur nach und heiratet 1951 den aus Ostpreußen stammenden Emigranten Gerhard Kinsky. Mit ihm geht sie nach Bangkok und später weiter nach Addis Abeba. Bei der Schifffahrt 1956 zurück nach Europa bricht im Laderaum ein Feuer aus. Der Container, in dem sich der dritte Band ihres Tagebuches befand, brennt ab.

"Die Mädchen von Zimmer 28"

1957 kehrte Helga Pollak-Kinsky mit ihrem Mann und ihren Kindern in ein Österreich zurück, das von seiner Vergangenheit nichts mehr wissen wollte. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder Deutsch sprechen wollte, und noch länger, bis sie über Theresienstadt, Auschwitz und ihr Überleben zu erzählen begann. Die amerikanische Filmemacherin Zuzana Justman stützte den Film Terezín Diary (1989) und die mit einem Emmy ausgezeichnete Theresienstadt-Dokumentation "Voices of the Children" (1997) auf Pollak-Kinkys Vermächtnis. Anfang der 1990er hatte sie begonnen, sich mit anderen überlebenden Bewohnerinnen des Zimmers 28 im Mädchenheim in Theresienstadt zu treffen. Daraus entstand 2004 das von Hannelore Brenner-Wonschick im Droemer Verlag herausgegebene Buch "Die Mädchen von Zimmer 28". Damit beginnt auch ihre Zeitzeugenschaft. Der deutsche Bundestag widmete ihnen eine Ausstellung. Zehn Jahre später folgte das "Theresienstädter Tagebuch 1943-1944" (Edition Room 28). Deutschland ehrte Helga Pollak-Kinsky 2013 für ihre Erinnerungsarbeit mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande. Im Jahr darauf sprach sie vor den Vereinten Nationen bei der Holocaust-Gedenkfeier in Genf. 2015 war sie eine von 19 Überlebenden des KZ Auschwitz, die in der Spiegel-Reportage "Die letzten Zeugen" gewürdigt wurden. Das offizielle Österreich nahm erst spät von ihr Notiz. Im April 2016 wurde sie mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien ausgezeichnet.

Bis zuletzt für alle Nachkommen da

Es wäre allmählich Zeit aufzuhören, sagte Helga Pollak-Kinsky im privaten Rahmen manchmal. Das Reisen fiel der 90-jährigen zunehmend schwer. Doch sie ließ sich immer wieder überreden. Bis zuletzt arbeitete sie an einem Film über ihr Leben. Er wurde eben fertig, dieser Tage hätte sie ihn zum ersten Mal gesehen. Als Mutter, Großmutter und Urgroßmutter war Helga Pollak-Kinsky immer für ihre Liebsten da; als Zeitzeugin war sie buchstäblich bis zuletzt für alle Nachkommen da. Es ist, als hätte sie alle Weisheit, Liebe und Hingabe, die sie von ihren Betreuerinnen und Lehrmeistern in Theresienstadt erhalten hat, an die Welt nach ihr weitergeben wollen, damit sich der Schrecken nie mehr wiederholt.

 

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