Nazar: "Ich bin kein Freund von Flaggen und falschem Nationalstolz"

Nazar: "Ich bin kein Freund von Flaggen und falschem Nationalstolz"

Der Wiener Rapper Nazar gilt als erfolgreichster Rapper Österreichs und sorgt mit seiner Musik und Haltung regelmäßig für Irritationen. Im Gespräch mit profil online spricht der 30-Jährige von der Ahnungslosigkeit der heimischen Musikbranche, dem Schüren von Hass durch die FPÖ, Falco und seinem Auftritt beim Popfest in Wien.

Interview: Sara Hassan

profil online: Was macht der Rapper Nazar beim Popfest?
Nazar: Einerseits wegen der Kulisse vor der Karlskirche, das ist wunderschön. Es ist auch das erste Mal mit Band – da kann man nicht nein sagen. Außerdem habe noch nie bei einem Festival in meiner Heimatstadt Wien gespielt.

profil online: Wie kommt es, dass es dein erstes Festival in Österreich ist?
Nazar: Weil alle, die in der österreichischen Musikbranche was zu sagen haben, keine Ahnung von Musik haben.
Obwohl ich seit vier Jahren der erfolgreichste Rapper Österreichs bin, wurde ich nicht fürs Donauinselfest gebucht - natürlich tut mir das weh. So lange ich von der Musik leben kann und mehr verdiene als jeder andere Musiker in Österreich, ist es mir aber relativ egal, was die Presse mit Gabalier oder Stürmer für Coverstories macht.

profil online: Ist das ein österreichisches Problem?
Nazar: Wenn ich zum Beispiel in Berlin die Leute sehe, die in Führungspositionen sitzen, sind das junge Bobo-Hipster.
Hier sind das Schlipsträger, die ihre Freunderlwirtschaft abziehen und dann nur ihre Unterschriften druntersetzen. Wenn Leute nicht mal wissen, wer Cro ist, ist das ein gefährliches Signal. Trotzdem freue ich mich, dass Leute wie Cro die Tür geöffnet haben für HipHop und Leute wie mich, die man eher nicht zu „Wetten, dass...“ einlädt.

profil online: Einem breiteren Publikum bleibst du in Österreich verwehrt?
Nazar: Wichtig ist mir eigentlich, dass HipHop in Österreich viel präsenter und stärker wird. Was mit Nazar passiert, ist mir eigentlich nicht so wichtig – weil ich ja Gott sei Dank von der Musik leben kann. Ich habe meinen Weg mit YouTube und Facebook gemeistert. Ich bin auf niemanden angewiesen.

profil online: Von Social Media zum Major-Label Universal.
Nazar: Ich bin eben ein extrem ehrgeiziger Typ und möchte noch mehr erreichen, bevor ich irgendwann mit der Musik aufhöre oder sterbe – Ich möchte einfach irgendetwas hinterlassen. Ich habe am Anfang meiner Karriere Privatkredite aufgenommen, um Videos machen zu können. Und dann ist da noch der Faktor, dass sehr viel Geld im Spiel ist.
Und es passt: Nach sechs Alben – Camouflage ist mein siebtes Album – sind wir an diesem Independent-Zenit angekommen.

profil online: "Borderliner", Das erste Stück deines neuen Albums, ist ein ziemlich persönliches Bonny&Clyde- Stück – Rappst du doch mit offenem Visier?
Nazar: Nein, ich hatte eigentlich auf jedem Album immer sehr, sehr persönliche Songs. Weil mir das eben auch am Leichtesten fällt, über mein eigenes Leben zu schreiben. Du könntest mir nie Geschichte erzählen, die du erlebt hast und ich würde dir einen Song dazu schreiben - das kann ich einfach nicht. Durch Universal kommt es eben dazu, dass Songs wie Borderliner viel stärker wahrgenommen werden.

profil online: Wie hat sich der Titel Camouflage ergeben?
Nazar: Nazar lässt sich nicht mit einem Schlagwort zusammenfassen: Bei Cro ist es der Panda, Sido ist der Maskenrapper. Bei mir gibt’s das eben nicht. Weil mein Aussehen des Straßentürken und meine Musik nicht zusammenpassen. Darum habe ich den Titel gewählt, weil ich hoffe, dass wenn Leute meine Platte kaufen, sie nicht voreingenommen sind.

profil online: Du äußerst dich auch parteipolitisch, ziemlich ungewöhnlich für einen Rapper. Vor ein paar Jahren hast du in einem Songtext Heinz-Christian Strache angegriffen. Was hat das für deine Karriere bedeutet?
Nazar: Das mit Strache war kein Move, um in Österreich zu polarisieren oder Gehör zu finden. Es war eine Sache, die mir persönlich richtig viele Probleme verursacht hat. Das hängt mir bis heute nach.
Ich bin politischer Flüchtling aus dem Iran, und habe es in Österreich, dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, als meine Pflicht gesehen. Kein Migrant aus Floridsdorf oder Favoriten hat die Möglichkeit, so breitenwirksam zu sagen, was er über diesen Menschen denkt.

profil online: Das war 2010. Würdest du heute dasselbe tun?
Nazar: Gerade ist die FPÖ eben ruhiger geworden. Wenn sie wieder offensiv gegen fremde Religionen auftreten, werde ich auch wieder dagegen halten. Sie haben es geschafft, auch bei jungen Kids, die dabei sein sollten, weltoffen zu sein und eigentlich auch fremde Musik hören, Hass aufzubauen. Das halte ich für enorm gefährlich. Wenn mir alte Leute ausländerfeindlich begegnen, kann ich das mittlerweile ignorieren.
Wenn aber die heutige Jugend wieder beginnt, solche Vorurteile zu übernehmen, und solcher Hass wieder geschürt wird, ist das der gefährlichste Punkt für mich. Ich verstehe nicht, wie es gerade in einem Land, das so eine schlimme Geschichte hat, was Rassismus betrifft, wieder möglich ist, in solch eine Richtung abzuschweifen.

profil "Wien 10" - Was heißt es für dich aus Favoriten zu kommen?
Nazar: Das ist natürlich meine Heimat. Ich habe die letzten Jahre permanent Angebote bekommen, nach Deutschland zu ziehen, aber der Legendenstatus, den ich mir hier aufgebaut habe ist daraus entstanden, dass ich hier in Österreich geblieben bin und es mir eben nicht einfach gemacht habe, indem ich nach Berlin gegangen bin. Ich bin Favoritner und werde den Bezirk auch so schnell nicht verlassen.

profil online: Wie singst du die Hymne – mit oder ohne „Töchter“?
Nazar: Ich singe die Hymne gar nicht, weil ich einmal ein sehr schlechtes Erlebnis hatte. Ich bin ja leidenschaftlicher Fußballfan und habe die Hymne als Kind auch gerne gesungen - Bis ich einmal im Stadion war. Ein ganzer Block Österreicher hat meine Brüder und mich beim Singen der Hymne angefeindet - und dann wurde auch noch dieses verdammte „I am from Austria“ angestimmt. Seither habe ich mich davon abgewendet. Ich bin auch prinzipiell kein Freund von Flaggen, Nationalismus und dem ganzen falschen Nationalstolz.

profil online: Aber du bist überzeugter Wiener – wie Falco. Auf deinem neuen Album gibt es ein Falco-Feature.
Nazar: Ich habe bereits als Kind Fendrich und Falco sehr geliebt. Dann habe ich mit den Veranstaltern des Popfests über den Auftritt von Sido auf dem Donauinselfest geredet. Da war dieser Moment, wo Sido Falco-Songs in seiner Jacke gespielt hat. Das war einerseits sehr krass, andererseits hat es mir wehgetan, dass wieder ein Deutscher das Privileg hat, so etwas zu tun. Typisch Österreich! Ich wollte kein Falco-Cover machen, sondern etwas, das es noch nicht gab. Dann folgte ein monatelanges Hin- und Her. Und heute steht das Ding. Und ich bin einfach unfassbar stolz, weil ich das beste Feature auf der ganzen Welt auf meinem Album habe.

Zur Person: Nazar, 29, ist einer der bedeutensten Rapper Österreichs. Er tritt am 24.7. um 20:00 gemeinsam mit der Raperin Yasmo und Ski feat. Blak Twang Popfest Wien auf
Sein neues Album "Camouflage" ist ab 22. August im Handel.

Mitarbeit: Christoph Schattleitner