Neue Alben: Die Nerven, Sunn O))) & Ulver, Kalle Mattson

Großes Staunen über die Vielfältigkeit: Die neuen Alben von Die Nerven, Kalle Mattson und Sunn O))) & Ulver vollziehen den Beweis, dass neue Musik durchaus möglich ist. profil unerhört präsentiert die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle, Sebastian Hofer und Stephan Wabl

Die Nerven: Fun (Cargo Records/This Carming Man)

Der Albumtitel darf als reiner Sarkasmus verstanden werden: auf eindringlichen 36 Minuten Spielzeit oszilliert „Fun“ zwischen Albtraumphantasien, Wut, Resignation und Euphorie – aber auch zwischen „Angst“, „Girlanden“ und „Blauen Flecken“, um einige Songtitel zu zitieren. Das offiziell zweite (inoffiziell bereits fünfte) Album des schwäbischen Noiserock-Trios Die Nerven wird von deutschen Medien bereits als eines der wichtigsten der Zehnerjahre gefeiert. Das liegt neben dem unmissverständlich rohen Duktus der zehn Songs auch darin begründet, dass Die Nerven eben nicht den aktuellen Zeitgeist zwischen Instagram-Gemütlichkeit, Work-Life-Balance und gemütlicher Bausparvertrag-Glückseligkeit bedienen. Lieber singen und schreien sie über die „Dinge in ihren Köpfen“, die keiner verstehen will (erschütternd dargeboten in dem Song „Angst“) und dabei ihrem Welt- und Menschenekel freien Lauf lassen. Natürlich kommen auch Die Nerven nicht ganz ohne Referenzen aus, orientieren sich musikalisch an Fehlfarben und Joy Division, aber auch an aktuelleren Schmerzensgenossen wie Cloud Nothings, Iceage und Metz. Dass sie, einem alten Joy-Division-Credo folgend, Musik nicht aus einer Rockstar-Laune heraus machen, sondern einfach keine andere Wahl haben, wird spätestens in dem zentralen Stück „Ich erwarte nichts mehr“ klar: Die Nerven malträtieren Gitarre, Bass und Schlagzeug mit soviel Euphorie und Herzschmerz, dass der Verstärker sprichwörtlich zu zerbersten droht. Als Hörer fühlt man sich mittendrin im Leben, zwischen Dosenbier, Tschick und grindigen Proberäumen, den Schmerz lauthals rausschreiend. (9.0/10) Ph. D.

Kalle Mattson: Someday The Moon Will Be Gold (Parliament of Trees)

Kalle Mattson hat ein großartiges Album veröffentlicht. Die Stimme des jungen Kanadiers schwankt auf „Someday, The Moon Will Be Gold“ ( Stream zum Album ) wunderbar zwischen zerbrechlicher Melancholie (The Living & the Dead, Amelie) und selbstbewusstem Aufbruch (Sound & Fury, Pick Me Up). Hörner-, Keybord- und Geigenklänge weben Mattsons fein gesetzte Gitarrentöne in einen feinschichtigen Nebel, der jedoch immer wieder von der Sonne durchbrochen wird. Mit seinem dritten Album emanzipiert sich der 22-jährige Indie-Singer-Songwriter endgültig von seinen Vorbildern John K. Samson oder Wilco, Vergleiche mit Bob Dylan werden obsolet und die eigene Handschrift deutlich hör- und spürbar. Der Hintergrund dieser Entwicklung ist allerdings ein trauriger: Mattson verarbeitet auf diesen zwölf Liedern den Tod seiner Mutter, der mittlerweile sechs Jahre zurückliegt. „Ich wusste lange nicht, wie ich damit umgehen soll,“ erzählt er im Interview mit profil online. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Dokument von Mattsons Trauerarbeit zwischen Abschied und Hoffnung, das ihm heuer einiges an Aufmerksamkeit bescheren sollte. (8.5/10) S. W.

Sunn O))) & Ulver: Terrestrials (Southern Lord)

Geschwindigkeit ist natürlich ein Thema, wenn auf einer Platte Sunn O))) steht. Wenn aber auch noch Ulver als Kollaborateure ausgewiesen sind, bleibt selbst der gefestigtsten Standuhr das Pendel im Bauch stecken. Große Frage: Ist das noch Sekundenschlaf oder schon die Ewigkeit? Insofern verwundert es überhaupt nicht, dass „Terrestrials“, das Ergebnis einer bereits im August 2008 aufgenommenen Improvisations-Session, erst fünfeinhalb Jahre später erscheint. Gut Drone braucht Weile, vor allem, wenn da zwei Gruppen dröhnen, die eine aus den USA, die andere aus Norwegen, die, jede auf ihre ganz eigene, verwegene Art und Weise, aus dem Stahlkern von Metal die unfassbarsten Sounds herausschlagen, die Grenzen zur neuen Musik konzentriert in Richtung ganz neuer Zeit- und Klangformationen abschreitend. Insofern verwundert es dann aber doch, dass „Terrestrials“ weder Herzstillstand noch –rasen auslöst, sondern in erster Linie ein großes Staunen über die Vielfältigkeit, mit der hier durch nur drei Stücke gewabert wird: Gitarren, natürlich, Bass, Trompete, Violine, Elektronika, frei flottierend, minutenlang, und irgendwann sogar: Fanfare, Stimme. „Terrestrials“ kitzelt weniger das Zwerchfell als die Hirnrinde. Fühlt sich gut an. Lautstärke ist natürlich trotzdem ein Thema. (8.2/10) S. Ho.

profil-Wertung:
Von "0" (absolute Niederlage) bis "10" (Klassiker)