Neurologe Christof Kessler: „Die Grenzen des Menschseins werden aufgezeigt“

Neurologe Christof Kessler: „Die Grenzen des Menschseins werden aufgezeigt“

Seit Jahrzehnten arbeitet Christof Kessler als Neurologe und Spezialist für Schlaganfälle an Kliniken in Berlin, Heidelberg und Greifswald. Nun hat er seine Erfahrungen mit hirnkranken Patienten in dem Kurzgeschichtenband „Wahn“ literarisch verwertet: Geschichten vom Anderssein, vom Verrücktwerden und der Angst davor. Ein Gespräch über die Grenzen der Wahrnehmung.

Interview: Sebastian Hofer

profil: Hat Ihre Arbeit Ihre Ansicht darüber verändert, was es heißt, „normal“ zu sein?
Christof Kessler: Mit Sicherheit. Die Grenzen des Menschseins werden einem aufgezeigt. Im normalen Leben ist das Verhalten des Menschen vorhersehbar. Aber jemand, der eine Gehirnerkrankung hat, verhält sich oft ganz anders, als man erwarten würde, zum Teil ganz skurril. Ein Patient von mir ging einmal nackt auf den Bahnhof und versuchte dort, Türbeschläge zu verkaufen. So etwas verändert die Sicht auf den Menschen. Alles ist möglich.

profil: Muss auch alles behandelt werden?
Kessler: Jeder Mensch ist anders, es gibt immer ein Spektrum zwischen Gesundheit und Krankheit. Nehmen Sie zum Beispiel die Zwangskrankheit. Es gibt ordentliche Menschen, unordentliche Menschen, extrem penible Menschen und Zwangskranke, die sich die Hände waschen, bis sie keine Haut mehr haben. Ich würde meinen Nachbarn nicht einweisen, nur weil er seine Hecke mit der Nagelschere schneidet – was er übrigens wirklich macht. Aber skurrile Menschen sind auch eine Bereicherung.

profil: Grundsatzfrage: Kann man die Persönlichkeit eines Menschen im MRT sehen?
Kessler: Man kann sehr viel im MRT sehen, aber die Persönlichkeit wohl nicht. Bestimmte Strukturen und Defizite, Gedächtnisstörungen etwa, kann man bildhaft darstellen, aber nicht, ob jemand ein guter oder böser Mensch ist.

profil: Dennoch hat die Hirnforschung von der Psychologie zunehmend den Anspruch übernommen, den Menschen zu erklären.
Kessler: In meinem Fach, der Neurologie, ist das weniger ein Thema, in der Psychiatrie nur zum Teil. Bei der Schizophrenie etwa, die ja als klassische psychiatrische Erkrankung gilt, kann man sehr wohl maschinell feststellen, dass bestimmte Gehirnstrukturen basal verändert sind. Man kann aber nicht sagen, dass das die einzige und ausschlaggebende Ursache wäre. Die neuen Verfahren sind eine Bereicherung, solange man nicht aufhört, mit dem Patienten zu reden. Ein dunkler Fleck im MRT ist noch keine Diagnose.

profil: Verliert der Schlaganfall an Schrecken, wenn man sich seit 30 Jahren damit beschäftigt?
Kessler: Eher nicht. Der Schlaganfall bleibt ein Problem. Auch bei der Alzheimererkrankung gilt: Je mehr man davon weiß, desto weniger ist man beruhigt. Davor habe ich auch ganz persönlich Angst.

profil: Vor dem Kontrollverlust, der damit einhergeht?
Kessler: Nein, viel schlimmer: Vor dem Verlust der Persönlichkeit.

Christof Kessler: Wahn. Eichborn, 208 S., 16,99 EUR.