Niemals ­genug

Niemals ­genug: Schauspielerin Caroline Peters denkt Gert Voss zurück

Nachruf. Die Schauspielerin Caroline Peters denkt an Momente mit Gert Voss hinter der Bühne zurück

Drucken

Schriftgröße

Lieber Gert, wenn man miteinander spielt, gibt es so viele Dinge, die man am anderen beobachtet oder bewundert, aber nie formuliert. Denn es gibt auch einen natürlichen Abstand, den man hält, um miteinander spielen zu können. Im „Lear“ war ich 2007 deine Tochter – da war der Abstand groß. Luc Bondy sagte bei den Proben, wir Töchter sollten uns dich als alleinerziehenden Stalin vorstellen …

Später dann, im „Wanja“, war ich deine Frau. Da lernte ich dich als Komödianten kennen, und wir spielten eine wunderbare Szene zusammen, in der du den eingebildeten Kranken in Kurzversion gabst. Im vierten Akt, kurz vor Schluss, hatten wir immer einen besonderen Moment zusammen, in der Gasse, neben der Bühne. Der Professor und seine Frau müssen packen und sich nur noch verabschieden gehen, dann sind sie endlich wieder weg vom verhassten Gutshof und dürfen zurück in die Stadt, zu den Besten. Gert und Caroline aber haben da einen Moment Zeit. Du sitzt meist in einem Rollstuhl, der auf der Seitenbühne von einer anderen Szene übrig geblieben war, ich daneben in einem Leopardenfell-Umhang, und wir sprechen miteinander über unseren Beruf. In einzigartiger Weise beschreibst du Spieler und Regisseure, Winkelzüge und Bosheiten, Glanztaten und kleine Komödien des Schauspieler-Alltags, Filme und Aufführungen, die du gerade oder vor langer Zeit gesehen hattest.
Die Geschichte, die mich am meisten beeindruckt, ist aber folgende: Du warst in Shanghai geboren worden, kamst als Kind auf einem amerikanischen Truppenschiff nach wochenlanger Reise zum ersten Mal nach Deutschland. Auf dem Schiff sahst du täglich amerikanische Kinofilme – Robert Mitchum, Cary Grant und viele andere. Der junge Gert hat diese Gesichter und Geschichten aufgesogen und bewundert. Der große Gert auf der Seitenbühne beschreibt diese Gesichter und Ausdrücke später sezierend genau. Er weiß, wie der Junge damals: Das ist das Allerhöchste, was es an Schauspielkunst geben kann. Danach wird nie etwas besser sein. An Land und später, im Kino oder bei Theaterbesuchen, findest du im Vergleich dazu alles ungenügend.

Der Professor auf der Seitenbühne und die Frau im Leoparden-Cape lachen dazu leise und sind gerührt über diese frühe Festlegung der Maßstäbe. Dann gehen sie raus und verabschieden sich von Wanja und Astrow.
Diese Kraft, das Beste des Besten zu kennen, immer erreichen zu wollen und doch zu wissen, dass es nie so wird, wie es der zehnjährige Gert empfunden hat, die strahlst du aus für mich, wenn wir da zusammen auftreten und du zu Astrow sagst: „Ich bewundere vor allem Ihre Vitalität!“ – Genau die bewundere ich bei dir auch am meisten, zusammen mit deiner unglaublichen schöpferischen und physischen Kraft.

Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es nun richtig sein soll, all dies in der Vergangenheitsform zu schreiben.

Deine Caroline

Zur Person
Caroline Peters, 42, ist Ensemblemitglied am Burgtheater. Neben ihrer Theaterarbeit tritt sie seit 2010 im deutschen Fernsehen auch als Kommissarin auf („Mord mit Aussicht“). Sie lebt in Wien und Berlin.