Julia Scheib bei der Einkleidung des österreichischen Olympia-Teams
ÖSV-Star und Olympia-Hoffnung Julia Scheib: „Gewinnen macht Spaß“
Als wir Julia Scheib am Telefon erreichen, sonntags zur besten Skiübertragungszeit, hat sie gerade eine Nacht über ihren Ausfall beim Riesentorlauf in Spindlermühle geschlafen. Die RTL-Weltcupführende aus der Steiermark nimmt das Malheur ernst, aber gefasst, es überwiegt realistischer Optimismus: „Bis zum Ausfall waren einige der besten Schwünge dabei, die ich heuer gezeigt habe.“ Bei den Olympischen Spielen ist Scheib eine der aussichtsreichsten Medaillenkandidatinnen des österreichischen Teams, nach ihrer bisherigen Saisonbilanz (vier Siege, zwei zweite Plätze) scheint auch Gold durchaus in Reichweite.
Was ist der größte Unterschied zwischen einer Saison, in der man vielleicht zwei, drei Top-10-Ergebnisse schafft, und einer, in der man im Weltcup mit Abstand vorn liegt?
Julia Scheib
Mein Saisonstart ist perfekt gelaufen. Das gibt enorm viel Selbstvertrauen. Man weiß: Der Speed ist gut, der Weg stimmt. Insgesamt habe ich heuer eine klarere Vorstellung, wie ich ins Rennen gehen muss, und kann die Bedingungen mittlerweile einfach besser einschätzen.
Man fährt wahrscheinlich auch lieber um sechs Uhr früh bei Nebel und Schneeregen zum Training, wenn man realistische Weltcupsiegchancen hat. Oder macht Skifahren sowieso immer Spaß?
Scheib
Gewinnen macht Spaß. Und wenn der Erfolg da ist, macht auch alles rundherum mehr Freude. Ich bin auch in der Vergangenheit gern zum Training gefahren, Skifahren ist meine größte Leidenschaft. Aber manchmal ist es natürlich hart, bei minus 20 Grad am frühen Morgen, dann gibt es auch Tage, an denen die Motivation nicht ganz bei 100 Prozent ist. Solche Tage gab es heuer nicht.
Es gab in Ihrer Karriere auch Saisonen, in denen Sie mehr Reha gemacht haben als Rennen zu fahren. Was lernt man in einem Verletzungswinter?
Scheib
Man muss lernen, viel Geduld zu haben. Gerade meine zweite Verletzung hat sehr lange gedauert. Da war ich wirklich gefordert. Das sind schwierige Phasen. Umso schöner ist es jetzt. Wenn ich heute einen Tag habe, der sich nicht ganz perfekt anfühlt, dann erinnere ich mich zurück, wie es damals war, und merke schnell, dass eigentlich gerade alles wirklich super läuft. Insofern hat mir diese Erfahrung dabei geholfen, die guten Zeiten mehr zu schätzen.
Ist der Erfolg im alpinen Skilauf ähnlich fragil wie beim Skisprung, wo die mentale Verfassung der Athleten oft über Sieg und Niederlage entscheidet?
Scheib
Es gehört viel dazu, um überhaupt ganz vorn mitzufahren. Dabei ist das Mentale wichtig, aber auch das Material, die körperliche Verfassung, die Fahrtechnik. Es ist nicht so, dass man einfach im Kopf locker sein muss, und alles geht einem auf. Der Erfolg ist sicher nicht so fragil wie beim Skisprung, wo jemand nach einer Bombensaison auch schnell wieder komplett abstürzen kann. Das ist im alpinen Skisport selten der Fall. Wenn es einmal gut funktioniert, dann fährst du schon länger in der Spitze mit.