TRAINING DES ÖFB-NATIONALTEAMS: FODA

© APA/ROBERT JAEGER / ROBERT JAEGER

Sport
03/16/2021

Ohne Stars nach Schottland: Hat der ÖFB alles dagegen unternommen?

Das Nationalteam muss wohl ohne Deutschland-Legionäre zum WM-Qualifikationsspiel nach Schottland reisen. Wie stehen die Chancen in solch einem Spiel?

von Gerald Gossmann

Viele Topkicker aus der starken Deutschen Bundesliga können auch ein Nachteil für den ÖFB sein. Jedenfalls aktuell. Das österreichische Fußball-Nationalteam muss wohl ohne 18 Leistungsträger zum WM-Qualifikations-Auftakt nach Schottland reisen. Das heißt: Ohne Alaba, Sabitzer, Schlager, Hinteregger, Kalajdzic, Lazaro, Baumartner & Co. Hintergrund: In Deutschland gelten derzeit strenge Quarantäne-Vorschriften für Einreisende aus Großbritannien. Wer in Schottland war, muss danach in Deutschland zwei Wochen in Quarantäne. Der Weltverband FIFA hat den Vereinen die Abstellung ihrer Spieler freigestellt, sollte eine Gesundheitsbehörde mehr als fünf Tage Quarantäne verordnen.

Der ÖFB, der normalerweise die Qual der Wahl bei Spieler-Einberufungen hat, stand vor einem Wirrwarr an Möglichkeiten. Genauer gesagt: Vor drei Optionen. Option 1: Das Auswärtsspiel mit dem Heimspiel (das im September dran käme) zu tauschen. Sprich: Statt der Schotten würde aktuell Österreich zu Hause antreten. Option 2: Die Verlegung an einen neutralen Spielort. Option 3: Mit einem Rumpf-Team ohne Deutschland-Legionäre nach Schottland fliegen und das Beste hoffen.

Der ÖFB hat sich für die dritte Option entschieden. Nun stellen viele Beobachter die Frage: Hat der ÖFB alles unternommen, um sportlich erfolgreich in die WM-Qualifikation zu starten? Oder hat er leichtfertig seinen größten Trumpf geopfert: das Legionärs-Ensemble?

Die Entscheidung wurde im ÖFB ausführlich diskutiert: Präsident Leo Windtner, Teamchef Franco Foda, Generalsekretär Thomas Hollerer, Geschäftsführer Bernhard Neuhold und Sportdirektor Peter Schöttel steckten zuletzt die Köpfe zusammen.

In einer Aussendung des Verbandes hieß es danach: Man habe sich für die Reise nach Schottland entschieden – und von „Alternativszenarios Abstand genommen“. Der ÖFB begründet diese Entscheidung dreifach.

Erstens: „Ein Antrag auf Platztausch hätte von der FIFA genehmigt werden müssen“, heißt es in der ÖFB-Aussendung, „zudem hätte diese Variante eine Ausnahmegenehmigung für die Delegation aus Schottland zur Landung auf österreichischem Gebiet zur Voraussetzung gehabt.“

Die schriftlich formulierten Zeilen des ÖFB klingen ein wenig nach: Alles zu kompliziert, lieber nach Schottland fliegen und spielen anstatt Papierkram zu bewältigen.

Auf profil-Nachfrage heißt es: Die Anträge wurden eingebracht und wären „zu hundert Prozent“ auch bewilligt worden.

Warum hat man sich dann für das Zusammenbasteln der Rumpftruppe entschieden?

Der ÖFB argumentiert: Das Nationalteam hätte bei einem Tausch des Heimrechts im September „innerhalb weniger Tage“ drei Auswärtsspiele zu absolvieren: in der Republik Moldau, in Israel, in Schottland. Dies wäre „mit erheblichen Reisestrapazen verbunden“, gewesen.

Andererseits: Die beiden Flüge nach Moldau und Israel erspart sich der ÖFB aufgrund des Spielplans ohnehin nicht. Anstatt des Fluges von Israel nach Österreich stünde dann eben ein Flug von Israel nach Schottland. Nach wesentlich größeren Reisestrapazen klingt das nicht.

Aus ÖFB-Kreisen hört man, dass Sportmediziner des Verbandes einen „großen Unterschied“ beklagt haben sollen. Für die Regeneration der Kicker sei ein abschließendes Spiel in der Heimat Gold wert, heißt es.

Aber: Es gibt ohnehin noch einen weiteren Grund, der laut ÖFB für das Antreten mit Rumpftruppe spricht. Man hofft beim September-Heimspiel gegen Schottland auf den Einlass von Zuschauern.

Das klingt nach einer schnöden Abwägung zugunsten der Verbandskassa und entgegen sportlicher Ambition. Doch im ÖFB bestreitet man diesen Vorwurf vehement: Schon 20.000 klatschende Zuschauer würden das Nationalteam mehr motivieren als ein leeren Happel-Stadion, heißt es. Zudem spielt Österreich aktuell in einem leeren schottischen Stadion, bei einem Tausch des Heimrechts im September möglicherweise vor vollen Tribünen.

Keine Option sei die Verlegung auf einen neutralen Spielort gewesen, heißt es. Da hatte der schottische Verband verständlicherweise etwas dagegen. Das Thema war schnell vom Tisch.

Nun bleibt dem ÖFB bloß die Aussendung von Briefpost. Bittgesuche wurden an deutsche Klubs mit österreichischen Teamspielern versandt. Barmherzigkeit wird aber nicht erwartet.

Der ÖFB muss wohl mit einer Rumpftruppe nach Schottland reisen (die beiden darauffolgenden Spiele gegen Färöer und Dänemark dürfen wieder alle mitmachen). Darf man nun klagen?

Nein. In einer ähnlichen Situation war das norwegische Team im November gegen Österreich. Mit einer D-Mannschaft bot die bunt zusammengewürfelte Truppe den Stars aus Österreich Paroli, remisierte in Wien und verpasste nur knapp einen Sieg. Teamchef Franco Foda erklärte die biedere Leistung seiner Mannschaft mit der Alles oder Nichts-Situation der Norweger. „Obwohl sie nur ein Training hatten, wussten wir, dass solche außergewöhnlichen Situationen eine Mannschaft manchmal beflügeln“, erklärte Foda.

Beflügelt die Situation nun auch Fodas Truppe? Österreich wird in Schottland jedenfalls nicht mit Rumpelfüßlern antreten – selbst wenn kein deutscher Verein Nächstenliebe zeigen sollte. Mit Spielern von RB Salzburg (Ulmer, Vallci, Wöber), LASK (Trauner, Ranftl, Michorl, Wiesinger, Goiginger, Balic), Rapid (Ullmann, Ljubicic, Kara, Ritzmaier, Demir), Sturm (Jantscher, Hierländer) bietet die erstarkte österreichische Bundesliga eine große Auswahl. Und dann wären da noch Legionäre außerhalb Deutschlands: Der 19-jährige Flavius Daniliuc spielt in der französischen Liga bei Nizza, Marko Arnautovic in China (pausiert aber derzeit), Louis Schaub in der Schweiz, Adrian Grbic in Frankreich, Raphael Holzhauser in Belgien, Stefan Schwab und Thomas Murg spielen in Griechenland.

Einige davon hat Teamchef Foda heute samt aller Stars in seinen „Großkader“ berufen. Wer dann gegen Schottland spielen darf, soll so lange wie möglich ein Geheimnis bleiben. Der Gegner soll wenigstens den Nachteil eines unbekannten Österreichs haben.

Die Lage ist mittlerweile relativ übersichtlich: Im besten Fall gewinnt das österreichische Nationalteam in Schottland und hat danach nicht bloß dreißig ernsthafte Spieler-Kandidaten sondern sechzig.

Im schlimmsten Fall geht das Spiel verloren und der ÖFB muss sich die Frage stellen, ob man tatsächlich die richtige Abwägung vorgenommen hat.

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