„Oktober November”: Götz Spielmanns gewagter Film

Melancholische Frauen: Götz Spielmanns Kinomelodram "Oktober November“.

Fünfeinhalb Jahre ließ sich Regisseur Götz Spielmann Zeit für den Nachfolgefilm zu seinem vielfach prämierten, sogar für einen Oscar nominierten Melodram "Revanche“. Tatsächlich schließt "Oktober November“ (Kinostart: 8.11.) stilistisch und thematisch an den stillen Thriller von 2008 an: Wieder geht es um die ureigenen Gesetze des Lebens am Land, um asymmetrische Liebesbeziehungen und verdrängte Utopien, nur ohne die kriminelle Energie des Vorgängerfilms. "Oktober November“ verhandelt strikt Alltägliches: die Lügen und Geheimnisse, die Wiederbegegnungen und Abschiede in einer Familie. Hauptschauplatz: ein Alpengasthof.

Ewige Menschheitsthemen
Spielmann ist kein Mann der luftigen Erzählungen; seine Filme sind nicht erst seit "Revanche“ dem Existenziellen zugeneigt, den großen, gleichsam ewigen Menschheitsthemen verpflichtet - sie berichten fast schon zwanghaft von den Grenzen der Liebe, den Konsequenzen der Eifersucht, von Verzweiflung und Tod. "Episches Kino als Kammerspiel“, das habe er im Sinn gehabt, sagt der Regisseur und meint die reduzierte Form seines nicht so sehr story-getriebenen, sondern eben eher in allgemeine Lebensfragen ausschweifenden Films. Seinen Sinn für exzellentes Schauspiel beweist er in "Oktober November“ jedenfalls: Die in Österreichs Film- und TV-Szene allgegenwärtige Ursula Strauss läuft hier zu Höchstform auf, bestätigt ihre Reputation als eine der subtilsten Filmdarstellerinnen dieses Landes. Nora von Waldstätten fügt sich an ihrer Seite als die in die Großstadt und die Fernsehprominenz abgewanderte Schwester überraschend gut in ihre Rolle, hält das liebenswert Provinzielle hinter der angestrengten Weltläufigkeit präsent. Und Peter Simonischek tappt als schwerkranker Patriarch und Vater dieses Schwesternpaars nicht in die Falle des theatralischen Monumentalismus - auch er agiert zurückgenommen.

Problematisch an all dem ist nur die Arbeit des Autors Spielmann: Das Drehbuch macht zu viele Worte um (aus den Bildern und den emotionalen Implikationen) sich ohnehin leicht erschließende Zusammenhänge, und der allzu simple Gegensatz zwischen "entfremdeter“, "oberflächlicher“ Fernseharbeit und "authentischem“ Landleben sorgt ebenso wie die mangelnde Tiefe der - von Johannes Zeiler und Sebastian Koch untadelig - gespielten Männerfiguren bisweilen für narrativen Unterdruck. Andererseits gebührt Spielmann Respekt für die Entschlossenheit, die Abgründe angegriffener Familienbeziehungen derart kühl zu analysieren. "Oktober November“ ist ein Werk, das in seinem zweiten Teil an Intensität gewinnt: An das lange Sterben des Vaters und die Neudefinition des Verhältnisses der Schwestern wagt sich Spielmann ohne das Sicherheitsnetz filmischer Zerstreuungsdramaturgien. Er gibt den Entwicklungsprozessen der Menschen, zum Leben und zum Tode hin, die nötige Zeit und den passenden Raum.