Pädophilie-Debatte: „Ich bin mit dem Überleben beschäftigt“

Günther ist 60 und ­hebephil*). In einem per­ ­E-Mail geführten profil-­Interview erzählt er über das Leben mit seiner sexuellen Orientierung. Das ­Gespräch in Auszügen.

Gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt, was mein Verhalten und Empfinden angeht, habe ich bereits mit etwa 14 Jahren. Da hab ich allerdings zunächst angenommen, ich würde wohl möglicherweise schwul, weil mich damals Mädchen weitaus weniger interessierten als Jungs. Als ich etwa 16 Jahre alt war, stellte ich damals sehr bestürzt fest, dass das Alter der von mir präferierten Jungs mehr und mehr hinter meinem eigenen zurückblieb. Es stabilisierte sich in den folgenden Jahren auf ein „age of attraction“ von etwa 13 bis 16 Jahre. Ich bin also nicht pädophil, sondern hebephil. Ich bin durchaus gesellschaftskonform erzogen worden, habe also die gesellschaftlich erwünschten Werte und moralischen Vorstellungen durchaus internalisiert. Sowohl gesetzliche Verbote wie auch moralische Tabus standen im Widerspruch zu meinen Bedürfnissen. Ich befand mich von meinem 14. bis zu meinem 26. Lebensjahr in einem permanenten Clinch mit mir selber, den ich, lege ich die gewünschten moralischen Einstellungen zugrunde, mal gewann und mal verlor.

So viel und so wenig, wie ein heterosexueller oder schwuler Mensch einen potenziellen Sexualpartner zwingt oder drängt, mit ihm geschlechtlichen Umgang zu haben, so viel oder so wenig habe ich bis etwa zu meinem 36. Lebensjahr einen Jungen, für den ich mehr als nur gewöhnliche Freundschaft empfand, gezwungen oder gedrängt, mit mir geschlechtlichen Umgang zu haben.

Allein wegen meiner Erziehung und dem Bewusstsein, nicht der Norm zu entsprechen und völlig ohne jede Möglichkeit, mit irgendjemandem über meine Empfindungen zu reden, auf irgendein Verständnis stoßen zu können oder gar auf sinnvolle Hilfe, ging es mir gerade in den oben benannten zwölf Jahren sehr dreckig. Depressionen wechselten mit höchsten Glücksempfindungen. Vor allem aber fühlte ich mich von Gott und der Welt alleingelassen.

Während ich mit meiner Libido und dem Rest von mir fertigwerden musste, durfte ich erfahren, dass mich die Umwelt für das, was ich bin, hasst …

Auf die Frage „Wie sollte der gesellschaftliche Umgang mit Pädophilen aussehen?“ antwortet Günther:

Bin ich Jesus? Wächst mir Gras in der Tasche? Ich bin mit dem Überleben beschäftigt! Nicht mit dem körperlichen, wirtschaftlichen Überleben, sondern mit dem Überleben meiner psychischen, vor allem aber emotionalen Gesundheit, und das seit mittlerweile gut 45 Jahren in einer Gesellschaft, die mich (als Pädophilen) hasst. Zeit meines Lebens bin ich gezwungen, mein wahres Ich zu verschleiern und meine Neigung zu verbergen. Meine ganze Energie habe ich daran vergeben.

Ein pädophiler Mensch wird vergleichsweise ebenso häufig zum Missbrauchstäter, wie ein schwuler oder heterosexueller Mensch zum Vergewaltiger wird. Angesichts der bekannten Prozentzahlen (etwa ein Prozent der Bevölkerung empfindet pädophil) steht die aktuelle Betrachtung in der Gesellschaft in gar keinem vernünftigen Verhältnis zur tatsächlichen Gefährlichkeit pädophiler Menschen.

Niemand von uns erwartet ernsthaft, seine sexuellen Bedürfnisse ausleben zu dürfen – aber wir wollen Perspektiven sehen, die uns unser Leben auch ein wenig lebenswert erscheinen lassen.
Ich verstehe die Pädophilen, die sich mit entsprechenden Bildern versehen; völlig unabhängig davon muss natürlich auch das Recht des Kindes an seinem Bilde respektiert werden.

Aber es gibt ja gerade heutzutage auch andere Möglichkeiten der Darstellung wie zum Beispiel „Mangas“ und „Animes“ – computergenerierte animierte und nichtanimierte Darstellungen, die durchaus freigegeben werden könnten.

Sebastian Edathy hat sich als Politiker nach meiner Ansicht dumm verhalten, egal ob er nun ein Pädophiler ist oder nicht. Er hätte wissen müssen, dass jede technisch nachvollziehbare Art und Weise, an Bilder der Art zu kommen, gerade für ihn als Politiker tragische Folgen haben kann.
Eine weitere Verschärfung des Kinderpornoparagrafen ist meiner Ansicht nach völlig sinnlos! Es treibt die danach Suchenden nur dahin, wo keine Sonne mehr scheint und wo kein Blick sie mehr erfassen kann. Wenige Pechvögel wird man fangen und in Käfige sperren, und der Rest wird lernen, sich immer besser vor der drohenden Obrigkeit zu schützen. Das ist völlig kontraproduktiv, wenn man einen Weg finden will, um mit pädophilen Menschen umgehen zu können.

Das Gespräch führte Salomea Krobath

*) Hebephilie bezeichnet die sexuelle ­Präferenz für pubertierende Mädchen und Buben.