Verabschiedung von Nina Burger (AUT) im Rahmen des freundschaftlichen Länderspiels Österreich gegen Schweden im April 2019.

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Gesellschaft
06/30/2022

Passionsspiele: Die ÖFB-Damen spielen um die große Aufmerksamkeit

Frauenfußball ist in Österreich immer noch Liebhaberei. Reportage aus einem Milieu, in dem nur eines zählt: der Mann.

von Gerald Gossmann

Die Teamchefin war gekommen, ihre Starspielerin, außerdem zwei Herren vom Fernsehen. Das Wort ergriffen  die Männer. Und gaben es auch nicht mehr her. Am 9. Juni stellten sich ÖFB-Nationaltrainerin Irene Fuhrmann und Österreichs bekannteste Fußballerin, Viktoria Schnaderbeck, im burgenländischen Bad Tatzmannsdorf der Presse. Mit am Podium: ORF-Sportchef Hans Peter Trost und Generaldirektor Roland Weißmann. Die Männer erklärten sich bei der Gelegenheit zu großzügigen Förderern des Frauenfußballs: Sie spenden Fernsehzeit, zeigen alle Spiele der Frauen-EM live in ORF 1. "Sogar das große Sportstudio wird aufgesperrt", nickte Sportchef Trost wohlwollend. Also jenes, das bei Spielen der Männer standardmäßig zum Einsatz kommt.

Der ORF ist redlich bemüht, aus dem lange stiefmütterlich behandelten Frauenfußball ein Hochglanzprodukt zu kreieren – doch aus dem Mund der beiden Entscheidungsträger klang es, als würde man Almosen verteilen. "Großen Dank", sagte Teamchefin Irene Fuhrmann artig, "für uns ist es ganz wesentlich, sichtbar zu sein, um mehr Mädchen zum Fußball zu bringen."

Kaum ein Thema war, worum sich eigentlich alles drehen sollte: das Spiel der Frauen. "Gibt's noch Fragen, wenn wir schon dasitzen?", fragte ORF-Generaldirektor Weißmann verlegen. Und weil sich niemand rührte, befragte er die Teamchefin gleich selbst: "Haben Sie Ihr Team schon im Kopf?"

Nirgends wird die Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau so deutlich wie im Fußballgeschäft: Männerfußball ist ein Kassenschlager, Frauenfußball ein Ladenhüter. Männliche Stars verdienen Millionen, Frauen oft nicht einmal den Mindestlohn. Und während Kicker zu Idolen aufsteigen, müssen sich Frauen rechtfertigen, warum ihr Spiel weniger knackig aussieht – und nebenbei noch einen Geschlechterkampf führen.

Das österreichische Frauen-Nationalteam wird am 6. Juli die Europameisterschaft vor 75.000 Zuschauern gegen England eröffnen. Jeden Tag sendet der ORF bis zu sechs Stunden live, oft zur Primetime. So viel Scheinwerferlicht war noch nie auf heimische Fußballerinnen gerichtet. Doch während die rotweiß-rote Elitetruppe für wenige Wochen zum Hochglanzprodukt gepimpt wird, sieht der Alltag des heimischen Frauenkicks trist aus: Es fehlt an Nachwuchs, Geld und Fans. Zum Cup-Schlager zwischen Meister St. Pölten und Sturm Graz verirrten sich zuletzt nur 300 Zuschauer. Frauen spielen auf Dorfplätzen, verdienen ein Taschengeld und dürfen zuweilen erst dann trainieren, wenn Männer damit fertig sind. profil warf einen Blick auf eine Branche, in der Frauen so wenig wert sind wie kaum anderswo.

Dabei ist das ÖFB-Frauen-Nationalteam erfolgreicher als jenes der Herren: 2017 wurde das EM-Halbfinale erreicht, aktuell ist man die Nummer 21 der Weltrangliste (die Männerauswahl liegt auf Platz 34). Inzwischen gibt es hierzulande nicht nur Fußballer wie Marko Arnautović, die jedes Kind kennt, sondern auch Fußballerinnen. Viktoria Schnaderbeck, 31, ist der österreichische Frauenfußball-Superstar – auf Facebook folgen ihr 380.000 Menschen. Die Grazerin spielte für prominente Vereine: Bayern München, FC Arsenal, Tottenham Hotspur. Dabei wäre aus der Traumkarriere beinahe nichts geworden. Als die Siebenjährige mit dem Fußballspielen beginnen wollte, bekam sie zu hören: "Fußball ist nichts für Mädchen." Es hieß: "Damit kannst du kein Geld verdienen – und die Haxen haust du dir auch zsam." Weil es keinen Mädchenverein in ihrer Nähe gab, spielte sie bei den Burschen mit – und musste blöde Kommentare einstecken. "Schneidet's das Mädel um", wurde bei Spielen hineingerufen. "Oder man hat mir gesagt, dass eine Investition in ein Mädchen absolute Geldverschwendung ist", erzählt Schnaderbeck im Interview.

Dem Frauenfußball fehlt in vielen Ländern, so auch in Österreich, die Tradition. Das ist kein Wunder: Erst ab den 1970er-Jahren durften Frauen überhaupt legal Fußball spielen. Davor wurden Plätze von der Polizei geräumt, vom Gesetzgeber wurde auf "die Gefährdung der weiblichen Gebärfähigkeit" hingewiesen. Ressentiments halten sich bis heute. Töchter wurden lange zum Ballett gebracht, zum Reiten, Schwimmen, Tennis, aber nicht auf den Fußballplatz.

Teamchefin Irene Fuhrmann, 41, zerschoss schon als Kind mit Bällen Fensterscheiben und spielte im Käfig gegen Burschen. Als sie am Gymnasium das Freifach Fußball belegte, entgegnete ihr Lehrer: "Ich glaube, du bist da falsch." Als sie zu alt wurde, um bei Burschenteams mitzuspielen, wollte man ihr "die Haare abschneiden", um sie nicht als Mädchen identifizierbar zu machen. Fuhrmann studierte Sport, spielte aber nicht vereinsmäßig Fußball. Eine Professorin konnte allerdings nicht mitansehen, dass die Hochtalentierte bloß gegen Garagentore ballerte. Die junge Irene stellte sich beim damaligen Frauen-Bundesliga-Meister USC Landhaus vor, wurde sofort zur Stammspielerin, verdiente aber trotzdem fast kein Geld. Nach einer gewonnenen Meisterschaft spendierte die Stadt dem Team Karten für ein Musical.

Die Prämien jetzt deutlich besser, aber von gleicher Bezahlung können wir bei Weitem nicht sprechen

Viktoria Schnaderbeck

Fußballspiele sind für Frauen immer auch Passionsspiele – ihre Rechte müssen sie mühsam erkämpfen. Erst seit Kurzem gibt es einen gesetzlich verankerten Mutterschutz für Profifußballerinnen. Die meisten Verbände zahlen Männern weit höhere Prämien. Zuletzt wurden "harte und faire Verhandlungen" mit dem ÖFB geführt, verrät Schnaderbeck, dadurch seien "die Prämien jetzt deutlich besser, aber von gleicher Bezahlung können wir bei Weitem nicht sprechen".

Das heimische Frauen-Nationalteam ist dem Amateursport weitgehend entwachsen. Schnaderbeck &Co. spielen in Deutschland, England, Frankreich – und verdienen zumindest so viel wie Bilanzbuchhalterinnen. Die Situation in der Heimat sieht dagegen trist aus: Es gibt zu wenig Mädchen, die Fußball spielen. Und zu wenig Vereine, wo sie das überhaupt tun könnten. Mädchen, die kicken wollen, müssen Kompromisse schließen lernen: Bis 14 Jahre dürfen sie bei den Burschen mitspielen; eine 15-Jährige muss ein Frauenteam finden – liegt das nächste 100 Kilometer entfernt, werden Träume schnell begraben.

Das bleibt nicht ohne Folgen: In England spielen eine Million Frauen und Mädchen vereinsmäßig Fußball – in Österreich sind es laut ÖFB bloß 10.000. Eine davon ist die Oberösterreicherin Annabel Schasching, die an ihrem zweiten Geburtstag ein Minitor geschenkt bekommen hat – und seither den Ball jagt. Heute spielt die 19-Jährige für den Zweiten der österreichischen Frauen-Bundesliga, den traditionsreichen SK Sturm Graz. In der abgelaufenen Saison hat sie die meisten Tore erzielt und wurde als beste Spielerin der Liga ausgezeichnet. Die Torschützenkönigin sitzt während des Gesprächs mit profil im Kinderzimmer ihres Elternhauses und erzählt vom Alltag als Top-Fußballerin. In Graz lebt sie in einer WG. Mit ihrem Gehalt von Sturm Graz lasse sich die Wohnung "gerade einmal finanzieren", betont sie. "Es geht sich aus, aber man muss sparen." Im Vorjahr hat Schasching maturiert. Sie müsse nicht "mehrere Tausend Euro im Monat verdienen", sagt sie und zuckt mit den Schultern, "ich möchte nur Bedingungen haben, die mir helfen, mich sportlich weiterzuentwickeln." Eigentlich hätte sie gute Voraussetzungen: Sie spielt bei einem der großen österreichischen Vereine, es gibt ein Trainingszentrum und genügend Fußballplätze. Das Problem: Frauen dürfen das alles nur selten benützen. "Die Männer haben Vorrang", erklärt Schasching, "wir müssen auf das Gelände eines kleinen Sportvereins ausweichen."

Die österreichische Frauen-Bundesliga entwickelt sich nur langsam weiter. Zwar gibt es mit dem Waschmittelhersteller Planet Pure seit wenigen Jahren einen Liga-Sponsor, doch die zehn Vereine locken kaum Zuschauer, können ihre Spielerinnen nicht ordentlich bezahlen – und oft können diese nicht einmal zu vernünftigen Zeiten trainieren.

Ein Besuch beim FC Südburgenland, im Armenhaus der Frauen-Bundesliga. Inmitten von Feldern und Wiesen wird im 1500-Einwohner-Dorf Mischendorf gekickt – zuletzt im Abstiegskampf gegen den FC Bergheim. Mütter mit Kinderwagen stehen am Spielfeldrand, andere machen es sich auf Picknickdecken gemütlich. Einen "niedrigen sechsstelligen Betrag" habe der Verein pro Saison zur Verfügung, erzählt Obmann Christian Marth. Gut, dass die Frauen nahezu umsonst auflaufen. "Pro Match bekommen sie 30 bis 40 Euro – und für ein Training fünf bis zehn", erzählt Alfred Weber, pensionierter Kfz-Techniker und Sektionsleiter des Vereins. Mit dem Vorarlberger Unterwäschehersteller Skiny gibt es zwar einen Hauptsponsor, doch ansonsten wirkt der Klub mittellos: Es gibt keine fixe Heimstätte, der Sportplatz des Männervereins SV Mischendorf/Neuhaus darf bloß ausgeborgt werden – Trainingsplätze müssen immer wieder aufs Neue gesucht werden. Zuletzt erbarmte sich der SC Pinkafeld. "Wir müssen aber schauen, wann die Männer trainieren, die haben überall Vorrang", erzählt Sektionsleiter Weber. Bislang war es so, dass die Frauen nach den Männern auf den Platz durften-oft erst nach acht Uhr abends. "Bis alle zu Hause waren, wurde es meist 22 Uhr."

"20, vielleicht 30" Fußballerinnen können in der heimischen Frauen-Bundesliga spärlich vom Sport leben, verraten Experten. Das geht sich oft aber auch nur dann aus, wenn eine Beihilfe bezogen wird oder die Eltern Geld zuschießen. Die meisten "Nichtamateure", wie das holprige Profitum hier umschrieben wird, hat Ligakrösus SKN St. Pölten unter Vertrag. "Wenn der Bereich der Aufwandsentschädigung überschritten wird, ist man ein Nichtamateur", erklärt Präsident Wilfried Schmaus, einst leitender ÖBB-Angestellter. Stolz erzählt er, dass 23 Spielerinnen einen Arbeitsvertrag hätten. "Wir haben keine, die geringfügig beschäftigt ist, die kriegen alle mehr als 500 Euro. "Nachsatz: "Und manche auch mehr als 1000 Euro." Wie viel mehr? "Ich sage immer: Die höchsten Gehälter sind im Bereich einer Billa-Kassiererin  was eben eine normale Frau im Gewerbe auch verdient."

Der SKN St. Pölten ist damit die Luxusklasse der Frauen-Bundesliga. Trainiert wird im exquisiten Sportzentrum Niederösterreich, gespielt in der fast schon feudalen NV-Arena. Das Budget beträgt eine halbe Million Euro (zum Vergleich: Herren-Meister RB Salzburg nimmt pro Saison über 100 Millionen ein). Präsident Schmaus erinnert im Auftreten an urige Fußballpräsidenten wie Hannes Kartnig. "In den Zeitungen wird zwar geschrieben, dass die Puntigam (Teamspielerin Sarah Puntigam, Anm.) geheiratet hat – dass die auch Fußball spielt, interessiert aber niemanden mehr", poltert er. Und: "Der ÖFB-Präsident redet immer nur übers Männer-Nationalteam. Der weiß nicht einmal, was sich im Frauenfußball tut."

Der ÖFB-Präsident redet immer nur übers Männer-Nationalteam. Der weiß nicht einmal, was sich im Frauenfußball tut.

Wilfried Schmaus

Der ÖFB ignorierte den Frauen-Fußball tatsächlich lange. Vor über zehn Jahren entschied sich der Verband schließlich, bloß die Elite zu fördern. 2011 wurde die Frauen-Akademie in St. Pölten eröffnet, wo die besten Nachwuchsspielerinnen des Landes ausgebildet werden. Für das aktuelle EM-Quartier in England wurde vom ÖFB sogar mehr Geld in die Hand genommen als ursprünglich geplant: In den ersten Hotels, die man auf UEFA-Vorschlag besichtigt hatte, seien die Zimmer so klein gewesen, dass die Frauen nicht einmal ihre Koffer hätten aufklappen können.

Nun hofft man im Verband auf einen EM-Hype – und auf mehr Nachwuchs. Tatsächlich schalteten bei vergangenen Frauenfußball-Sternstunden schon bis zu eine Million Menschen ein. Von der Begeisterung nach dem EM-Halbfinaleinzug 2017 ist jedoch wenig geblieben. "Nur auf die Europameisterschaft zu hoffen, damit sich der Frauenfußball entwickelt, wird zu wenig sein", betont Teamspielerin Schnaderbeck.

Die Strahlkraft von großen Vereinen wie Rapid oder Liga-Krösus RB Salzburg könnte dagegen nachhaltig helfen, Mädchen für den Fußball zu begeistern – doch gerade die beiden Spitzenklubs verweigern sich bislang dem Frauenfußball. Eine 33-jährige Oberösterreicherin will das nun ändern: Clara Gallistl, moderne Kurzhaarfrisur, breiter Dialekt, arbeitet im Kunst- und Kulturbereich. In ihrem zweiten Leben ist sie glühender Rapid-Fan, Obfrau des Fanclubs "Vorwärts Rapid" – und neuerdings Vorkämpferin für ein grün-weißes Frauenteam. Bei der kommenden Rapid-Hauptversammlung am 27. Juni wird ihr Antrag eingebracht, dass der Verein zumindest ein Konzept für ein solches Team erarbeiten muss. Rapid-Präsident Martin Bruckner traf sich vorab auf einen Kaffee mit Gallistl – blieb mit Zusagen aber vage. "Wenn es um Frauenrechte geht", sagt Gallistl, "kommt halt immer irgendwas dazwischen." 500.000 Euro würde ein Frauenteam pro Jahr kosten, hat sie erfahren. Mit anderen Worten: "Ein schlechter Transfer weniger bei den Männern, und man hat ein Frauenteam." Rund 150 Unterstützungserklärungen sind bereits eingelangt, viele von Männern. Das große Ziel: "Wir wollen endlich Frauen in Grün-Weiß auflaufen sehen." Rapid habe "in seinem Leitbild Gleichstellung als Auftrag stehen", betont Gallistl. Dazu gebe es "eine historische Verantwortung, wiedergutzumachen, was Frauen so lange verboten war": das Fußballspielen.

Immer noch haftet fußballspielenden Frauen etwas Exotisches an. Teamchefin Fuhrmann erzählt, dass sie von Burschen einst regelmäßig gefragt wurde, ob sie nach Spielende das T-Shirt tauschen wolle. Als sie zur Teamchefin aufstieg, rief ein Kollege an und hauchte: "Hallo Schatzi, oder muss ich jetzt Frau Teamchefin sagen?" Der Erfolgstrainer des rot-weißroten Frauen-EM-Märchens von 2017, Dominik Thalhammer, wurde seinerseits als Frauenversteher verspottet.

Und oft meint es einer bloß gut, wie zum Beispiel der ORF-Moderator Rainer Pariasek, der Österreichs Fußballerin des Jahres Nicole Billa (TSG Hoffenheim) kürzlich vor dem Mikrofon hatte und bei der Gelegenheit als Pendant des Fußballers des Jahres, David Alaba, beschrieb. "Na, das hört sich gut an, in einem Atemzug, oder?" Das – womöglich unbewusste – Foul saß: Die Teamspielerin wirkte plötzlich nicht mehr wie ein Fußballstar, sondern wie ein kleines Mädchen, dem ein wohlwollender Mann eine kleine Freude machen will.