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Gesellschaft
06/22/2022

Wird Teamchef Rangnicks Professionalität auf den ÖFB abfärben?

Rangnick hat bisher all das getan, womit man in Österreich punktet: den Vizeweltmeister besiegt, gegen den Weltmeister remisiert – und Rainer Pariasek zusammengestaucht. Eine Einordnung.

von Gerald Gossmann

Das wahre Ausmaß der Erneuerung wurde erst nach dem Schlusspfiff deutlich. Österreich (derzeit die Nummer 34 der FIFA-Weltrangliste) hatte gerade 1:1 gegen Weltmeister Frankreich gespielt, da gewährte der neue Teamchef einen Einblick in seine Persönlichkeit. ORF-Sportmoderator Rainer Pariasek wollte bloß zum Prestigeerfolg gratulieren, als Ralf Rangnick bereits schnaubte: "Ich glaube nicht, dass es irgendwas zu gratulieren gibt, ich bin überhaupt nicht zufrieden mit dem Ergebnis." Verdutzt stammelte Pariasek, man habe "immerhin ein 1:1-Unentschieden gegen den Weltmeister" erreicht, was Rangnick aber nur noch wütender werden ließ: "Tschuldigung", schimpfte der Deutsche, "warum immerhin?"

Schönfärberei und Selbstzufriedenheit sind ab sofort verboten im größten Sportverband des Landes. Dabei steht dieser traditionell genau dafür – gepaart mit einer tief verwurzelten Ausredenkultur. Nicht alle im ÖFB wollen, dass das so bleibt. Rangnicks Befürworter sehen im 63-Jährigen gar eine Erlöserfigur, die den verstaubten Apparat durchlüften soll. Sprich: Im ÖFB hoffen einige, dass die Professionalität des Deutschen auf den Verband abfärbt.

Rangnick hat mehrfach bewiesen, dass er zum Restaurator taugt. Er gilt als manischer Entwicklungshelfer, der als "Taktik-Professor" weltweit Anerkennung genießt. Sein Spielstil hat den Mannschaften aus Leipzig, Hoffenheim und Salzburg zu internationaler Klasse verholfen. Dem ÖFB hat sich Rangnick zum Sonderpreis angeboten: Er sieht im Teamkader das Potenzial, Großes zu erreichen.

Am ersten offiziellen Arbeitstag des neuen Teamchefs, einem Sonntag Ende Mai, rückte ÖFB-Präsident Gerhard Milletich sichtlich stolz im Trainingslager in Bad Tatzmannsdorf an. Der Verlagschef aus dem Burgenland sieht sich in der Rolle eines Machers, der den ÖFB aus der Misere führt. Teamchef und Präsident kamen ins Plaudern. Auf die Frage Rangnicks, wofür der österreichische Fußball aus Sicht des Präsidenten denn stehe, soll Milletich Worte wie "vorsichtig" und "ängstlich" verwendet haben. Seine Spielweise sei das Gegenteil davon, erklärte Rangnick, worauf Milletich erfreut frohlockte, ihn gerade deshalb verpflichtet zu haben: eben weil er die Antithese ist.

Teamchef-Vorgänger Franco Foda ließ mit der österreichischen Nationalmannschaft tatsächlich oft vorsichtigen und ängstlichen Fußball spielen, war mannschaftsintern unbeliebt, am Ende blieben die Zuschauer aus. Für den ÖFB ein dreifaches Desaster: sportlich, ideell und wirtschaftlich. Dem Fußballbund war die Baustelle lange bekannt. Im Frühjahr vergangenen Jahres klagten Spieler und Betreuer ihr Leid. Kapitän Julian Baumgartlinger und der damalige ÖFB-Physiotherapeut Mike Steverding sammelten (wie profil exklusiv berichtete) Kritikpunkte und wandten sich damit an die ÖFB-Spitze. Der damalige Präsident Leo Windtner nahm Foda in die Pflicht und ordnete einen Teambuilding-Lehrgang an. Der Achtelfinal-Erfolg bei der EM deckte die Baustelle kurzfristig zu. Dabei wollte Foda seine Stars selbst auf der Weltbühne gegen Italien an die Leine nehmen. Wie profil berichtete, tüftelten Führungsspieler an einem Notfallplan, nahmen Kollegen ins Boot – und änderten in der Halbzeit die Marschroute. „Sie haben eine Taktik gewählt, die ihnen besser zu Gesicht gestanden ist“, betonte ein ÖFB-Betreuer gegenüber profil. "Der Trainer hat davon profitiert, wir alle haben davon profitiert." Ein Teamspieler erklärt aktuell: "Dass die Mannschaft das Heft in die Hand genommen hat, war kein Einzelfall." Der ÖFB feierte das erreichte Achtelfinale ausgelassen – und überreichte dem kritischen Physiotherapeuten Steverding den blauen Brief. Die Baustellen blieben: Österreich blamierte sich in der WM-Qualifikation, wurde Vierter hinter Dänemark, Schottland und Israel – und verlor das WM-Playoff gegen Wales. Mit ängstlichem Fußball.

Rangnick ist ein mutiger Mann mit forschem Auftreten. An seinen ersten Arbeitstagen formulierte er Sätze wie "Fußball hat immer auch mit Unterhaltung zu tun" oder "Angriff ist die beste Verteidigung". Und er lockerte sofort die Zügel, die Vorgänger Foda der Mannschaft angelegt hatte: "Es würde keinen Sinn machen, mit dieser Gruppe von Spielern nicht aktiv zu sein." Während Foda seine Spieler zuweilen schulmeisterlich behandelte, gibt es unter Rangnick keine pingelig einzuhaltenden Essenszeiten oder verpflichtende Bettruhe. Rangnick, so schildern es alle, die ihn näher kennen, will die österreichische Nationalmannschaft vom Kleinen zum Großen formen.

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt zählte Rangnick etwas fassungslos Mannschaften auf, die in der Weltrangliste vor Österreich liegen: "Dänemark, Schweiz, Wales, Schweden, Iran, Marokko, Ukraine, Südkorea, Costa Rica, Tschechien", staunte er. "Ich weiß nicht, ob das unbedingt so sein muss." Kurz darauf besiegte Österreich Vizeweltmeister Kroatien auswärts 3:0.

Rangnick hatte bloß wenige Trainingseinheiten, um die ÖFB-Mannschaft auf die ersten Nations-League-Partien einzustellen – und doch spielte sie über weite Strecken wie verwandelt Fußball. Die Österreicher griffen mutig an und verteidigten verbissen. Es sei fast so, als hätten die Spieler allesamt "ihre Zwillingsbrüder" geschickt, betonte ORF-Experte Roman Mählich. Immer wieder hatte ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel betont, dass eine radikale Entwicklung im Nationalteam schwer möglich sei – weil man "ganz wenig Zeit hat, um zu trainieren". Nun waren Beobachter überrascht, dass die neue Spielweise so schnell sichtbar wurde. "Warum denn nicht?", argumentierte Rangnick. Der ehemalige Lehrer Rangnick vermittelt nicht nur Fußballtaktik, er versucht auch Kleinmut auszutreiben.

Die Spieler wirkten begeistert vom neuen Coach. "Es ist sehr gut für den österreichischen Fußball, dass wir so einen super Trainer haben", betonte Teamspieler Xaver Schlager. "Man merkt die neue Philosophie", frohlockte David Alaba. "Wir haben viel Potenzial, sicher auch mit dem Trainer jetzt, der einen klaren Plan hat und genau weiß, was er möchte."

Rangnick hatte kein leichtes Los zum Einstand: vier Pflicht-Spiele in zehn Tagen gegen Weltmeister, Vizeweltmeister und EM-Halbfinalist. Kroatien wurde besiegt, Dänemark in Wien dominiert (trotz unglücklicher 1:2-Niederlage), gegen Weltmeister Frankreich führte man gar bis kurz vor Schluss 1:0, kassierte den späten Ausgleich. Die Spieler, so Rangnick "sollen sich von niemandem einreden lassen, dass wir zufrieden sein können". Ein Satz wie eine Botschaft: Die neue Unzufriedenheit soll langfristig mehr Zufriedenheit bringen. Bislang wurden Gegner starkgeredet, die eigene Truppe kleingemacht – und viel gejammert. Rangnick gab sofort hohe Ziele aus, verkaufte Österreichs Nationalteam als ebenbürtig mit Weltmächten – und die Spieler äußerten sich freimütig wie lange nicht. "Es zeigt einfach, dass wir vielleicht irgendwo die Schnauze voll haben von einer gewissen Art, Fußball zu spielen, wie wir es immer wieder in den Jahren zuvor hatten", betonte Alaba, der Rangnick als „Weltklasse-Trainer“ bezeichnete.

Rangnick hat sich die Latte hochgelegt. Und das zehntägige Erneuerungs-Seminar hinterließ seine Spuren. Im letzten Spiel in Kopenhagen ging der dänischen Mannschaft vieles flüssiger vom Fuß – aber: dort pflegt man den aufwendigen Spielstil schon recht lange. Und Österreich trat stark ersatzgeschwächt an, wirkte ausgezehrt (und taktisch unterlegen). Kreidebleich standen heimische Teamspieler nach der 0:2-Niederlage vor den TV-Kameras. Die Leichtigkeit des Seins entsteht bei Rangnicks Fußballstil nur dann, wenn man sich die Seele aus dem Leib rennt. Qualität kommt von Qual. Rangnick will seinen Spielern bald Videos schicken "mit Inhalten, die unsere Prinzipien betreffen".

Im ÖFB zeigt man sich angetan: von Rangnick, weil „er weniger herrisch ist als erwartet“. Und vom Spielstil, der schneller als gedacht sichtbar wurde. Manch hoher Fußballbund-Funktionär fühlt sich vom Elan des neuen Teamchefs gar herausgefordert. Das blamable EM-Qualifikations-Ausscheiden der von Werner Gregoritsch trainierten U21-Mannschaft solle schnellstmöglich diskutiert werden, heißt es. Österreichs Fußball-Nachwuchs landete zuletzt trotz hochkarätiger Truppe hinter Kroatien, Norwegen und Finnland auf dem vierten Platz. Ein ÖFB-Entscheidungsträger betont gegenüber profil ungewöhnlich forsch: "Das muss so nicht sein."