Viktoria Schnaderbeck

© APA/GEORG HOCHMUTH

Fußball
06/25/2022

Viktoria Schnaderbeck: „Du haust dir nur die Haxen zsam“

Viktoria Schnaderbeck über fehlende weibliche Vorbilder, Beschimpfungen am Fußballplatz, 30 Euro Gehalt, ihr Outing und was sie homosexuellen Fußballern raten würde.

von Gerald Gossmann

profil: Das Frauen-Nationalteam eröffnet die Europameisterschaft vor 75.000 Zuschauern gegen England. Der ORF überträgt jedes Spiel live. Wie viele Mädchen werden danach nur noch Fußball spielen wollen?

Viktoria Schnaderbeck: Wir wollen Werte und Emotionen vermitteln. Aber es geht auch um die Sichtbarkeit des Frauenfußballs. Leute schalten ORF 1 ein, sehen ein spannendes Fußballmatch und sagen: Wow, das ist cool! Es wäre mein Wunsch, dass sich viele für den Fußball begeistern. In Österreich fehlt es noch immer an der Dichte und Breite. Es spielen zu wenige Mädels Fußball.

profil: Rapid und Salzburg betreiben keine Frauenteams. Wie sehr würde das helfen?

Schnaderbeck: Natürlich würde es helfen, wenn Rapid und Salzburg endlich Frauenvereine betreiben würden. Sie haben eine gute Infrastruktur und die finanziellen Mittel dafür. Fakt ist: Nur auf die Europameisterschaft zu hoffen, damit sich der Frauenfußball entwickelt, wird zu wenig sein.  

profil: Sie haben als Siebenjährige vereinsmäßig mit dem Fußballspielen begonnen. Wer hat Sie inspiriert?

Schnaderbeck: Es hat gar kein Mädels-Team gegeben, was die Sache nicht erleichtert hat. In den Medien wurde über Frauenfußball nicht berichtet. Ich wusste nicht einmal, dass es eine Frauen-Nationalmannschaft gibt. Alle meine Vorbilder waren männlich: Luis Figo, Zinedine Zidane, Mehmet Scholl, die Spieler von Sturm Graz. Ich konnte in meinem Zimmer kein Poster von einer Frau aufhängen, weil ich keine kannte. Mir wurde oft gesagt: Fußball ist nichts für Mädchen.

profil: Wer sagt einem siebenjährigen Mädchen so etwas?

Schnaderbeck: Das kam von überall. Es hieß immer: Was willst du mit Fußball? Du kannst damit kein Geld verdienen und haust dir nur die Haxen zsam. Anfangs spielte ich bei den Burschen mit, aber es kamen oft blöde Kommentare von gegnerischen Spielern oder Eltern: Schneidets das Mädel um, hat es da geheißen. Oder: Die Investition in ein Mädchen ist eine Geldverschwendung. Das hat mich getroffen und belastet. Mit der Zeit aber gewöhnt man sich an diese Sprüche.

profil: Beim FC Südburgenland bekommen Spielerinne pro Partie eine Aufwandsentschädigung von 30 bis 40 Euro, anderswo in der österreichischen Bundesliga ein paar hundert Euro. Wie war das bei Ihnen?

Schnaderbeck: 30 oder 40 Euro habe ich anfangs nicht einmal bekommen. Ich bin nach einem Jahr bei LUV Graz zu Bayern München gewechselt. Viele haben gedacht: Jetzt hat sie es geschafft! Sportlich vielleicht, aber nicht finanziell. Anfangs habe ich dort für 100 oder 200 Euro im Monat gespielt. Ein Leben in München war damit nicht zu finanzieren. Ich hatte keinen Arbeitsvertrag, weshalb es ungünstig war, dass ich mich früh verletzt habe. Ich erhielt keine Unterstützung, weil das ja offiziell kein Arbeitsunfall war.

profil: Einiges entwickelt sich zum Besseren, mittlerweile gibt es Mutterschutz für Spielerinnen.

Schnaderbeck: In Amerika haben Spielerinnen, die Mütter sind, Kultstatus. Es ist gut, dass es endlich einen Mutterschutz für Profifußballerinnen gibt. Aber wir müssen uns die Dinge erkämpfen. Es braucht Vorbilder, die den ersten Schritt machen und ganz viele, die sich dafür einsetzen. Die US-Fußballerinen haben nun endlich in ihrem Verband die gleiche Bezahlung, die Männer auch erhalten, erwirkt. Dahinter steckt jahrelange Arbeit, politisches Engagement und Kampf. Von allein passiert da nichts.

profil: Es heißt, dass die Zahlungen des ÖFB an das Frauen-Nationalteam kräftig erhöht worden sind.

Schnaderbeck: Wir hatten harte und faire Verhandlungen. Bei den Prämien konnten wir eine klare Verbesserung erzielen. Aber von den Männern sind wir weiterhin weit entfernt.

profil: Der Männerfußball ist zu einer überdimensionierten Eventindustrie geworden, einem Millionenspiel. Und der Logik des Marktes folgend wird argumentiert: Männer spielen das Geld ein, Frauen eben nicht.

Schnaderbeck: Es gibt viele Ressourcen, die nur für den Männerfußball da sind. Und es ist auch logisch: Je mehr man reinsteckt, desto mehr bekommt man heraus. Der Werbewert ist bei uns sicher nicht der gleiche wie bei den Männern. Aber man kann das erst wirklich vergleichen, wenn bei beiden das gleiche investiert wird.

profil: Sie haben für Bayern München, den FC Arsenal gespielt und laufen aktuell für Tottenham Hotspurs auf. Also für Vereine, deren Männerteams alles andere überstrahlen.

Schnaderbeck: Die Männervereine stehen ganz klar an erster Stelle. Sie haben eine andere Geschichte und Reichweite. Aber es gibt kleine Verbesserungen: Bei Tottenham wurde ein eigener Bereich für Frauen geschaffen, dadurch werden ähnliche Bedingungen ermöglicht. Was auffällt: Bei Männern werden Dinge oft gleich umgesetzt, bei Frauen dagegen aufgeschoben.

profil: Wie viel verdienen Sie heute als Spielerin der englischen Premier League?

Schnaderbeck: Ich kann gut davon leben, habe aber bei weitem nicht ausgesorgt. Ich kann mir keine Yacht leisten und auch nicht in mehrere Immobilien investieren. Es gibt Frauen in England, die bei guten Klubs ein fünfstelliges Monatsgehalt verdienen, aber auch welche, die nur auf einen Mindestlohn kommen. Entscheidend ist, ob der Verein die Wohnung und ein Auto finanziert oder einen Zuschuss leistet. Bei den Männern spielt das keine Rolle, bei uns macht es den großen Unterschied.  

profil: Teamspielerinnen sollen während der Trainingslager an ihren Bachelorarbeiten schreiben.

Schnaderbeck: Ja, viele schreiben ihre Bachelorarbeiten, andere gehen nebenbei Jobs nach. Dieses Bewusstsein für eine Karriere danach ist sehr ausgeprägt. Einerseits muss das sein, andererseits wollen wir es auch. Mit Mitte 30 ist die Karriere zu Ende – und Geld allein macht auch nicht glücklich. Deshalb ist das Interesse für andere Dinge generell sehr wichtig.

profil: Sie haben sich als erste österreichische Profi-Fußballerin als homosexuell geoutet. In diesem Punkt haben Profifußballerinnen gegenüber Männern einen Vorteil, oder?

Schnaderbeck: Es outen sich immer wieder Fußballerinnen, ich war die erste Österreicherin. Es wurde zu einem großen Thema für mich, weil es hohe Wellen geschlagen hat. Man befürchtet einen Shitstorm und kann nicht abschätzen, wie Fans oder Medien reagieren. Vielleicht konnte ich gesellschaftlich ein großes Zeichen setzen. Rückblickend würde ich es wieder machen und wahrscheinlich noch viel früher.

profil: Würden Sie einem männlichen Profi-Fußballer zu einem Outing raten?

Schnaderbeck: Ein Outing hätte wahrscheinlich die besten Chancen, wenn sich eine Welle an Fußballern gemeinsam outet – damit sie Rückhalt und Unterstützung haben. Mutig sein lohnt sich, wenngleich die Angst bei Männern sicher sehr groß ist. Die Fankulturen sind andere, die Öffentlichkeit ist noch brutaler. Wir sind da etwas glücklicher, weil es diese große Öffentlichkeit nicht gibt.

profil: Im Männerfußball geht es meistens um Taktik, bei Frauen um Gesellschaftspolitik – ungerecht?

Schnaderbeck: Frauen in einer Männerdomäne sind ein gesellschaftspolitisches Thema – unabhängig vom Fußball oder Sport. Wir kämpfen sehr stark für Gleichberechtigung und Emanzipation. Über die Medien haben wir heutzutage Plattformen, um das zum Thema zu machen: Man muss nicht mehr still sein und sich alles gefallen lassen.

Viktoria Schnaderbeck, 31, spielte für den FC Bayern München, FC Arsenal und Tottenham Hotspur. Sie stammt aus Graz und hat 80 Länderspiele absolviert. 2017 erreichte sie mit dem österreichischen Nationalteam das Halbfinale der Europameisterschaft, wurde Meister in England, Deutschland und als österreichische Sportlerin des Jahres 2017 ausgezeichnet. 2019 outete sich Schnaderbeck als erste österreichische Fußballerin als homosexuell.