Pflege in Österreich: Wenn die Eltern hilflos werden
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Die Horrorvorstellung wurde zum Happy End. Denn die heute 82-jährige Helga Kugler wollte vor zwei Jahren partout nichts von einem Pflegeheim wissen. Mit Vehemenz verweigerte sich die frühere Spitalsangestellte dem Vorschlag ihrer Enkelin Sandra, die darin den einzigen Ausweg sah. 2023 hatte Helga Kugler ihre Tochter an Krebs verloren. Ihre Gesundheit begann mit dem schmerzlichen Verlust zu schwinden: Nervenschmerzen, „die so unvorstellbar arg“ waren, dazu eine Nierensepsis, und bald kam die Bewältigung der zwölf Stufen, die zu ihrer Wohnung führten, einer Bergbesteigung gleich.
Doch dann das große Glück für alle Beteiligten. Aufgrund des dramatischen Zustands schaffte Sandra Daxböck es, die Wartezeit auf einen Heimplatz für die „Oma“ merklich zu verkürzen. Nach einem halben Jahr in der Warteschleife konnte sie im Pflege- und Betreuungszentrum Korneuburg einziehen und fand es nach kurzer Eingewöhnungszeit „hier wirklich super“. Zwar sind viele der Bewohner bettlägrig, dennoch kommt „die Helga“ (wie sie im Heim genannt wird), die mit ihrem Rollator fröhlich durch die weitläufige Eingangshalle mit den dottergelben Wänden fegt, hier ein facettenreiches Programm geboten: Bingo-Nachmittage, Eiscocktailabende, Gedächtnis-Unterstützungsstunden, Gymnastikkurse und im Falle von medizinischer Dringlichkeit schnelle, fachgerechte Versorgung. Auch für psychische Betreuung ist gesorgt: „Ich habe mich hier erstmals auch mit dem Tod meiner Tochter auseinanderzusetzen gelernt, den ich natürlich lange Zeit verdrängt habe.“ „Für mich und unsere Familie ist das eine immense Entlastung“, zeigt sich die berufstätige Enkelin extrem erleichtert, die regelmäßig mit Mann und Sohn, dem zehnjährigen Fabian, zu Besuch kommt, die Oma aber auch zu Familienfeierlichkeiten und Ausflügen abholt.
„Manchmal werden mir die Besuche sogar schon zu viel“, lacht Helga Kugler. Kritik hat ihre Enkelin Sandra eigentlich nur am „Entlassungsmanagement“ des Spitals in Korneuburg zu üben: „Da hatten wir den Platz noch nicht, wir standen auf der Warteliste, und mir wurde dort mitgeteilt, dass das ab jetzt mein Problem sei, wie die Oma bis zu einer möglichen Aufnahme versorgt werden würde. Mehr als eine Liste mit 24-Stunden-Betreuungsmöglichkeiten bekam ich nicht in die Hand gedrückt. Erst als ich mich an die Ombudsstelle in Hollabrunn wandte, bekamen wir bessere Informationen.“
Lebensabend in den eigenen vier Wänden
Aufgrund einer Knieoperation im „sehr kooperativen“ Wiener Herz-Jesu-Spital konnte die Zeitlücke überbrückt werden: „Die Oma konnte dort länger bleiben. Die haben sich dann sogar um den Transport ins Pflegeheim gekümmert.“ Die Kosten für den Pflegeplatz sind mit 80 Prozent von Helgas Pension und dem Pflegegeld gedeckt. Es bleibt ihr ein kleines Taschengeld von etwas mehr als 300 Euro, mit dem auch die manchmal kostenpflichtigen Medikamente, der Einzelzimmerzuschlag, Friseur oder Fußpflege bezahlt werden müssen. Tatsächlich ist „die Helga“ ein echter Ausnahmefall. Denn der größte Wunsch der österreichischen Bevölkerung ist es, den Lebensabend in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Was auch dem Staat durchaus zupass kommt. Während ein Pflegeheimplatz ihn mit fast 39.000 Euro jährlich belastet, kostet ihn der Zuschuss für die 24-Stunden-Betreuung pro Person rund 10.000 Euro jährlich, für mobile Dienste wie Hauskrankenpflege und Heimhilfe sind im Durchschnitt etwas über 6000 Euro zu veranschlagen. Den billigsten Pflegedienst stellen noch immer die eigenen Angehörigen, und der Anteil ist zu 90 Prozent weiblich – freiwillig und in der Regel unbezahlt. Und unter Aufgabe oder Reduktion ihres Berufslebens, was sich dann später finanziell im eigenen Pensionsanspruch niederschlagen wird.
„Will you still need me, will you still feed me, when I am 64?“, lautet ein Song-Klassiker der Beatles. Und tatsächlich wird diese Frage angesichts der demografischen Prognosen exorbitante Ausmaße annehmen. Die Zahl der über 65-Jährigen wird in Österreich bis 2060 auf über 2,5 Millionen Menschen ansteigen, das wird gut ein Viertel der Bevölkerung sein. Schätzungsweise rund eine Million dieser Methusalem-Gesellschaft wird auf Pflege oder Betreuung angewiesen sein und nicht mehr selbstständig leben können. Prognosen des Sozialministeriums zufolge werden bis 2030 mehr als 50.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt, wobei hierbei auch die angefallenen Lücken aufgrund von Pensionierungen des bestehenden Personals inkludiert sind. Manche Prognosen sprechen sogar von 70.000 benötigten Pflegern und Pflegerinnen. Jugendliche, die sich im Stadium der Berufsorientierung befinden, könnten hiermit auf eine verlässliche krisenresistente Branche zurückgreifen, die nicht von der KI als obsolet verschlungen werden kann. Denn selbst wenn die ersten Roboterexperimente zwecks Altenbetreuung laufen, können Maschinen nicht die Zuwendung und Aufmerksamkeit eines echten Menschen ersetzen.
Laut Statistik Austria sind die Ausgaben für Betreuungs- und Pflegedienste (Letztstand) von 2023 auf 2024 mit 5,74 Milliarden um fast 11 Prozent gestiegen. Seit rund 30 Jahren existiert in Österreich das steuerfinanzierte Zweisäulen-Modell der Pflege aus Pflegegeld (in den Stufen 1–7; von 206 Euro bis 2214 Euro), angepasst an das jeweilige Bedürftigkeitsniveau, finanziert vom Bund und den Pflegeoptionen der Länder und Gemeinden in Form von mobilen Pflegediensten und Pflegeheimen. Rund eine halbe Million Menschen beziehen gegenwärtig Pflegegeld, 85 Prozent davon leben zu Hause. Davon werden laut Hilfswerk Österreich 58 Prozent, also fast zwei Drittel, „informell gepflegt“, was gleichzusetzen ist mit den Angehörigen. Und diese Angehörigen sind zu einem 90-Prozent-Anteil Frauen, die manchmal direkt von der Kinderbetreuung in die Pflege ihrer Großeltern, Eltern oder Ehemänner schlittern und dafür natürlich auch erhebliche berufliche Abstriche in Kauf nehmen.
Verpflichtender Generationenvertrag?
Das Pflegekarenzgeld ist da oft nur eine minimale Kompensation, funktioniert nach dem Prinzip des Arbeitslosengelds prozentuell zum früheren Nettoeinkommen, allerdings maximal und auch nur im Extremfall ein Jahr, in der Regel ist es auf drei Monate anberaumt. Ein Sohn wie Alfons Haider (siehe Interview), der schon zu Lebzeiten ein extrem inniges Verhältnis mit seiner Mutter Anna hatte und sie bis zum Tod begleitete, ist da die Ausnahme: „Meine Mutter, stark dement, war stationär auf der Neurologie in Hietzing. Als mich einmal eine der Pflegerinnen in der Kaffeeküche tröstete, weil ich mich so hilflos fühlte, sagte sie: ‚Raten Sie einmal, wie viele regelmäßig Besuch von Ihrer Familie kriegen?‘ Ihre Antwort: zehn Prozent.“
Die renommierte Schweizer Philosophin Barbara Bleisch exkulpiert beispielsweise mit ihrem provokativen Buchtraktat „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ erwachsene Kinder, die sich nicht für die Pflege und das Wohl ihrer Eltern im Alter verantwortlich fühlen: „Allein die allgemein angenommene Schuldner-Gläubiger-Analogie führt in die Irre. Eines ist klar: Kinder haben um die Beziehung zu ihren Eltern ebenso wenig gebeten wie um ihr Leben. Doch nur weil bestimmte Personen ihre Eltern sind, schulden Kinder ihnen erst mal nichts. Es gibt keine finalen Pflichten.“ Eine harte These, die laut unseres gesellschaftlichen Konsenses als moralisch verwerflich gilt, inhalierten wir doch in einem vom Katholizismus stark geprägten Land von Kind an das vierte Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Der in gesellschaftspolitischen Debatten häufig strapazierte Begriff „Generationenvertrag“ beinhaltet auch, dass bedürftige Eltern jene liebevolle Betreuung erfahren sollten, die sie einst ihren Kindern angedeihen ließen. Für Bleisch liegt genau hier ein starkes Widerspruchsargument: „Denn es gibt Eltern, die in ihrer Erziehung vollkommen versagen. Statt ihre Kinder zu umsorgen und zu schützen, gibt es ja auch viele Mütter und Väter, die ihre Kinder leider vernachlässigen und demütigen. Sollen die für ihre früheren Peiniger sorgen müssen?“
Eine drastische Aussage, denn dass zwischen Eltern und Kindern immer wieder Konflikte auftreten, gehört zum Konzept Familie. Dass die Zahl von Kontaktabbrüchen zwischen Eltern und Kindern in Österreich jedoch weit häufiger ist, als man annimmt, bestätigen Familienpsychologen. Sie bezeichnen das Phänomen sogar als „stille Epidemie“ und sprechen von einer Dunkelziffer von 7 Prozent, wobei den aktiven Abbruchspart meist die Kinder übernehmen. Eine Studie des Instituts für Pflegewissenschaften aus dem Jahr 2018 gibt hingegen Entwarnung. Unter anderem wurde dabei auch die Motivation für die Übernahme von Pflege oder Verantwortung für gebrechliche und unterstützungsbedürftige Familienmitglieder untersucht: 74 Prozent halten es „für eine Selbstverständlichkeit, 55 Prozent geben „eine starke emotionale Verbindung“ als Grund an, 50 Prozent fühlen sich „verpflichtet“, das Schlusslicht bildet das wenig noble Motiv „finanzielle Vorteile“ mit 2 Prozent.
Dass Demenz durch die verlängerte Lebenserwartung das Gesundheits- und Betreuungssystem vor eine extreme Herausforderung stellt und stellen wird, ist gesichert. Schätzungsweise leben in Österreich 170.000 Menschen aktuell mit einer Form von Demenz, wobei bei diesem Wert mit Sicherheit eine hohe Dunkelziffer dazukommt. Bis 2050 könnte sich dieser Wert nahezu verdoppeln, zu zwei Drittel sind Frauen von der neurologischen Erkrankung betroffen – vor allem deswegen, weil sie mit einer vier bis fünf Jahre längeren Lebenserwartung rechnen können. „Wann ist Irene (die Mutter) zu ihrem Kind geworden, seit wann sind sie und Jakob (der Ehemann) zu ihren Eltern geworden?“, lässt die aus der damaligen Tschechoslowakei stammende Autorin Susanne Gregor in ihrem gefeierten Roman „Halbe Leben“ die Protagonistin Klara sich fragen. Die Geschichte erzählt auch das von Brüchen und Widersprüchlichkeiten gezeichnete Verhältnis der slowakischen Betreuerin Paulína mit der Architektin Klara, der Tochter einer dementen Mutter. Denn die Balance zwischen Arbeitsverhältnis und Familienzugehörigkeit ist für alle Beteiligten ein vielfach nicht einfacher Akt.
„Oft warten Angehörige viel zu lange und glauben, alles allein stemmen zu können“, erzählt Sabina Dirnberger von der Wiener Institution Caritas Socialis, wo neben Hospiz-Versorgung auch temporäre Tagesbetreuungszentren und mobile Pflege angeboten werden, „und dann kommt es immer wieder zu einem kompletten Zusammenbruch, weil sie den emotionalen Anforderungen und dem damit verbundenem Stress nicht gewachsen sind.“ Ihr dringender Rat nach jahrelanger Berufspraxis: „Die Dinge im Vorfeld regeln, wenn alles noch in weiter Ferne ist oder zumindest scheint. Je weiter entfernt eine Pflegesituation ist, desto leichter lässt es sich darüber reden.“
Panikattacken durch den Druck
Die Verlagsangestellte Sabine hat dem Druck, ihre zunehmend demente Mutter („Sie hat durch den Tod meines Vaters einen Schub gekriegt“) neben ihrem Job zu betreuen, irgendwann nicht mehr standgehalten: „Im ersten Jahr bin ich noch mehrmals die Woche nach der Arbeit zu meiner Mutter mit dem Zug gependelt, nach einem halben Jahr begann ich an Panikattacken zu leiden. Ich hatte Glück, sowohl mein Arbeitgeber als auch mein Mann haben mich sehr unterstützt. Inzwischen bin ich sehr zufrieden mit zwei rumänischen 24-Stunden-Betreuerinnen, die sich auch mit dem Phänomen Demenz sehr gut auskennen. Meiner Mutter haben wir anfangs verklickert, dass es sich um Untermieterinnen handelt, sie hat sich dann sehr schnell an die neue Situation gewöhnt.“ Plötzlich hatte die Mutter sogar einen älteren Herrn als Freund, „worüber wir uns anfangs gefreut haben“: „Aber es stellte sich sehr bald heraus, dass es auf demenzkranke Frauen spezialisierte Heiratsschwindler gibt, denn ehe der Mann aus unserem Leben verschwunden ist, hat er noch eine Kopie des Grundbuchauszugs auf dem Küchentisch vergessen. Er hatte offensichtlich Absichten …“
Die Form der 24-Stunden-Personen-Betreuung ist seit 2007 gesetzlich reguliert und wird seit 2023 mit einem Betrag von 800 Euro gefördert, sollte eine Einkommensgrenze von 2500 Euro nicht überschritten werden. Rund 30.000 Familien nehmen zurzeit eine solche Entlastung in Anspruch. Der Zugriff der öffentlichen Hand auf das Vermögen der Gepflegten ist seit dem Wegfall des Pflegeregresses mit Anfang 2018 kein Thema mehr.
„Das musst du wirklich mit Leib und Seele wollen, sonst bist du hier fehl am Platz“, erzählt die Hollabrunnerin Alexa Leutner, die sich als 24-Stunden-Betreuerin im 14-tägigen Rhythmus mit einer Kollegin aus der Slowakei bei der 96-jährigen Rosa Stunzer in einem niederösterreichischen Dorf abwechselt, „wenn du nicht mit dem Herzen dabei bist, macht man den Job besser nicht.“ Ihr Lohn beläuft sich auf 1700 Euro. Vollzeitarbeit war für Alexa nach einer gesundheitlichen Krise nicht mehr möglich, sie ist jedoch als Österreicherin eine seltene Ausnahme innerhalb der Kollegenschaft: „Frau Stunzer ist auch ein Glücksfall. Sie ist bescheiden, genügsam und freut sich an den kleinen Dingen. Wichtig ist für mich, dass ich darauf schaue, dass sie ihre Medikamente nimmt, regelmäßig Wasser trinkt, aber auch, dass ich sie unterstütze, wenn sie ihren geliebten Ribiselkuchen backt, weil allein wäre sie dazu nicht mehr fähig, oder mit ihr eine Partie Karten spiele.“ Dass ihr Privatleben in der Zeit auf Stopptaste gedrückt ist, stört sie nicht: „Ich habe ein eigenes Zimmer und auch zwei Stunden Pause während des Tages. Mein Lebensgefährte hat sich daran gewöhnt.“
Für Rosa Stunzers Sohn Norbert, 70, ihr einziges Kind, ist die neue Situation, in der sich seine Mutter erst seit ein paar Monaten befindet, extrem entlastend. Erste Anzeichen von Demenz waren schon länger durch häufiges Wiederholen von Geschichten auffällig, Sorge bereitete ihrem Sohn auch, dass Rosa nach seinem längst verstorbenen Vater Franz gerufen hat. Ein nächtlicher Sturz, der mehrere Prellungen zur Folge hatte und bei dem die am Handgelenk befestigte Notfalluhr rettend wirkte, „war ein Wendepunkt für uns alle“: „Da wussten wir, ohne eine 24-Stunden-Betreuung wird es nicht mehr gehen.“ Zuvor waren „Volkshilfe“-Betreuerinnen zwei Mal die Woche in Rosa Stunzers adrettes kleines Häuschen mit Garten gekommen: „Meine Mutter liebt ihr Zuhause, und sie in ein Heim zu geben, war für sie und eigentlich uns alle nicht vorstellbar. Solange es nur irgendwie geht, will sie selbstständig und unterstützt leben.“ Rosa Stunzer ist zufrieden, als sie das hört: „Ich will einfach nur hier bleiben.“ Die Vorstellung, dass jemand Fremder mit ihr lebt, hat sie nur kurz irritiert: „Ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt.“
Vor Ort ist auch Margit Hermetin, Gründerin und Besitzerin der Pflegevermittlungsagentur „Gut Betreut“, die 500 24-Stunden-Betreuer und Betreuerinnen im Raum Wien und Niederösterreich unter ihren Fittichen und regelmäßiger Kontrolle hat. Auf Ausbildung, mehrjährige Erfahrung in der Personenbetreuung, soziale und praktische Fähigkeiten, Herzensbildung und Deutschkenntnisse werden die Pflegekräfte, die vor allem aus der angrenzenden Slowakei kommen, im Vorfeld geprüft: „Wir haben enge Netzwerke und legen größten Wert auf die Qualitätssicherung. Ich suche die Frauen persönlich aus, da verlasse ich mich nicht auf Computeranalysen. Ich bin auch in ständigem Kontakt mit den Angehörigen , falls ein Ausfallsmanagement gefragt ist oder andere Probleme auftauchen. Und zwar zu jeder Uhrzeit. Wir stehen auch zur Verfügung, was administrative Belange betrifft, denn es ist nicht einfach, den Weg durch den Dschungel an Förderungen und Unterstützungsmöglichkeiten zu finden.“ „Gut Betreut“ verfügt, wie insgesamt 40 andere auf 24-Stunden-Pflege spezialisierte Vermittlungsagenturen, die in der Regel neben der Vermittlung auch eine permanente Gebühr für ihre Dienste verlangen, über ein Qualitätszertifikat (ÖQZ-24), ein freiwilliges Gütesiegel, das vom Sozialministerium unterstützt wird. Ein wichtiger Punkt sei, so Hermetin, „dass die 24-Stunden-Betreuerinnen per Gesetz keine medizinische Versorgung tätigen dürfen, Wundmanagement, Medikamentenvergabe, Blutabnahmen, alles, was eine Form medizinischer Ausbildung verlangt, darf nicht in ihren Aufgabenbereich fallen.“ Bei der Organisation eines Wundmanagements oder anderer Bedürfnisse wie medizinischer Fußpflege wird auch seitens der Agentur geholfen und zum Beispiel der Hausarzt kontaktiert.
Doch der Wildwuchs an Agenturen, die solche Kontrollkriterien als vernachlässigbar empfinden, wächst natürlich mit der explodierenden Bedarfslage. Gerüchten zufolge werden auch Spargelstecherinnen von derartigen Agenturen nach Ablauf der Ernte in solche Jobs vermittelt.
In einer früheren profil-Geschichte über derlei Dunkelzonen plauderte der Betreiber einer solchen „Low-Level-Agentur“, der früher im Baugewerbe tätig war und das Interview nur gegen Anonymitätszusicherung gab, erschreckend ehrlich aus dem Nähkästchen: „Die Vermittler verdienen und haben dabei keinen Aufwand, weil das kann man ja von überall machen. Ich arbeite hauptsächlich mit rumänischen Agenturen zusammen. Wen sie mir schicken, die oder der wird dann entsprechend zugeteilt. Da kümmere ich mich nicht um andere Kriterien. Rumänische Arbeitskräfte sind natürlich am billigsten und haben auch die wenigsten Ansprüche.“ Der soziologische Prototyp sei da „eine Hausfrau, deren Kinder schon groß sind, vielleicht ist sie auch noch geschieden, um die 40, 50 – die gibt sich dann auch damit zufrieden, die 14 Tage in Österreich in der Küche am Boden zu schlafen.“
Natürlich sind viele Familien mit dem Kostenaufwand einer 24-Stunden-Betreuung überfordert. „ Das Motto ,Mobil vor stationär‘ harrt seiner konsequenten Umsetzung“, so Margit Hermetin, „die mangelnde Förderung der 24-Stunden-Pflege, die Nichtanpassung an Inflation und gesteigerte Lebenshaltungskosten treiben viele Menschen ins Pflegeheim, was den Staat ein Vielfaches kostet. Und auch dem Willen vieler Menschen zuwider läuft, die ihre vertraute Umgebung nicht verlassen wollen.“ Ein Fall wie die eingangs erwähnte Helga Kugler, die sich in ihrer neuen Pflegeheim-Atmosphäre sofort pudelwohl fühlt, ist nicht immer die Regel. Im schlimmsten Fall wird für Angehörige das Leben auf den Kopf gestellt, wie für die Wienerin Marianne W., deren Mutter plötzlich von psychotischen Schüben geplagt wurde. Um die Lebenskosten zu senken, zog sie mit ihrer Mutter zusammen und ist sehr erleichtert, „sie zwei, drei Mal die Woche im Tageszentrum der Caritas Socialis übergeben zu dürfen“. „Meine Mama ist körperlich fit, aber ihr Verhalten nicht mehr. Sie kann nur kurz allein bleiben. Wir müssen manchmal mit maximal zehn Euro Tagesgeld auskommen und kaufen im Sozialmarkt ein. Manchmal fühlt man sich da so ausgeliefert wie wertlos.“
Angelika Hager
leitet das Gesellschafts-Ressort