Pränataldiagnostik: Das Ende der guten Hoffnung

Pränataldiagnostik: Das Ende der guten Hoffnung

Mittels Pränataldiagnostik können viele Fehlbildungen bereits in der Schwangerschaft entdeckt werden. Für manche Familien beginnt damit die schwerste Zeit ihres Lebens. Fünf Frauen erzählen, was es heißt, über Leben oder Sterben eines ungeborenen Kindes entscheiden zu müssen.

Als Birgit* und Martin* ihren Sohn zum ersten Mal in den Armen halten, wissen sie, dass er den nächsten Tag nicht erleben wird. Nie werden sie ihn weinen hören, nie seinen Namen auf einem Spielplatz rufen. Eine Dreiviertelstunde halten sie ihn, streicheln ihn und singen für ihn.
Eigentlich waren die Eltern davon ausgegangen, dass Quirin* tot zur Welt kommen würde. Doch der Kleine ist ein Kämpfer: 45 Minuten lang schwebt er zwischen Leben und Tod, bis er in den Armen seines Vaters zum letzten Mal ein- und zum allerletzten Mal ausatmet.

Wenige Tage zuvor mussten die Eltern die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen: „Wir mussten entscheiden, dass wir unser Kind umbringen“, erzähltBirgit leise. Quirin war eines von 73 Föten, die im Jahr 2013 allein im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) geplant gestorben sind. „Medizinisch indizierter Schwangerschaftsabbruch“ lautet der Fachbegriff.
Neun Tage vor Quirins Geburts- und Todestag war die Welt der kleinen Familie, die sich auf ihr viertes Mitglied freute, noch völlig in Ordnung. Es war der 10. Dezember, der Tag des Organscreenings, der alles veränderte. Birgit war 34 und in der 21. Woche schwanger. Sie freute sich darauf, ihren Sohn im Ultraschall zu sehen – und zu hören, dass alles in Ordnung ist. Aber so sollte es nicht kommen. „Es gibt leider eine Anomalie“, waren die Worte, die Birgit den Boden unter den Füßen wegzogen. Quirin hatte einen offenen Rücken, medizinisch: Spina bifida. Querschnittslähmung, kaum Verdauungstätigkeit, geistige Behinderung, Epilepsie – diese Zukunftsperspektive skizzierte der Pränataldiagnostiker der völlig überforderten Mutter. „Alles ist verschwommen, ich habe laut aufgeschluchzt, mich zusammengerissen und meinen Mann angerufen.

Dann lag nur noch eine dunkle Straße vor uns“, beschreibt Birgit die schweren Minuten nach der Diagnose. Der Anfangsverdacht erhärtete sich nach weiteren Untersuchungen im Wiener AKH rasch, und das völlig aufgelöste Ehepaar musste entscheiden, wie es weitergeht: Das Kind weiter austragen oder die Schwangerschaft beenden. „Es ist eine Entscheidung, die man eigentlich nicht treffen kann“, sagt Martin. Die Eltern wollten dem Jungen den Leidensweg ersparen und beschlossen, Quirin gehen zu lassen.

Birgit und Martin sind mit diesem Schicksal nicht allein. Statistisch weichen drei von 100 Embryos von der Norm ab – das heißt, sie weisen Fehlbildungen auf. Nicht alle werden in der Schwangerschaft entdeckt, und nicht alle sind so schwerwiegend wie die von Quirin. Unter Fehlbildungen versteht man zum Beispiel eine Kiefer-Gaumen-Spalte, Fehlstellungen der Extremitäten oder das Fehlen eines Organs ebenso wie häufig vorkommende Herzfehler oder chromosomale Anomalien wie das Downsyndrom.

Egal wie schwerwiegend die Fehlbildung ist: Für Eltern, die in der Schwangerschaft erfahren, dass mit ihrem Baby etwas nicht in Ordnung ist, bricht zunächst einmal eine Welt zusammen ...

* Namen geändert

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