Stephan Graschitz, die Seafood Boil und das Lokal "Sea me Boilin" von außen
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

„Sea Me Boilin'“: Auf den Tisch geschüttetes Seafood im Test

Im „Sea Me Boilin'“ in Wien wird Seafood am Tisch verteilt und mit den Händen vernascht. Ist das mehr als nur Show?

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Falls Sie nicht auf der unproblematischen chinesischen Kurzvideo-Plattform TikTok präsent sind, hier ein kurzer Abriss eines dort grassierenden Trends: Eine Gastronomie-Person schüttet Muscheln, Hummer, Krebse und Calamari samt Sauce aus einem Plastiksackerl auf einen Tisch, an dem eine Influencer-Person Platz genommen hat. Die macht dann große Augen, langt gierig zu, ist ja gratis, kaut bedeutungsschwanger, saut sich die Hände und den Bereich um den Mund komplett ein und sagt dann, dass sie so was Gutes noch nie gegessen habe.

Na, hungrig geworden?

In der Wiener Randhartingergasse, also in einem noch nicht ganz gentrifizierten Teil von Favoriten, wird in den Räumlichkeiten der etwas in die Jahre gekommenen Pizzeria „Tomato“ dieses für die sozialen Medien wie geschaffene, früher mal eher in den amerikanischen Südstaaten vorzufindende Ritual wöchentlich von Freitag bis Sonntag zelebriert.

Das Lokal "Sea Me Boillin" von außen
Bild anzeigen

Bevor die Schüttkunst aber beginnen kann, muss man im „Sea Me Boilin’“ etwas machen, das eigentlich per Gastro-Gesetz verboten gehört: Um einen Blick in die Karte werfen zu dürfen, muss ein QR-Code mit dem Smartphone eingescannt werden. Dieses System ist zwar, weil wir hier ja im TikTok-Bereich sind, irgendwie folgerichtig, nervt aber komplett. Im Ergebnis gaffen nämlich beim Gemeinschaftserlebnis „Essengehen“ gleich einmal alle aufs Handy.

Als sich die Karte dann endlich geöffnet hat, wird das System aber relativ schnell klar: Im „Sea Me Boilin’“ kann man sich sein eigenes Boil-Sackerl mit verschiedensten Zutaten zusammenpacken – oder man wählt aus vier vorgefertigten Varianten. Die „Sea Me Boilin’“-Kombination besteht aus Garnelen in der Schale, Flusskrebsen, Grünschalenmuscheln und Babycalamari. Dazu kommen noch Erdäpfel, Maiskolben und eine Sauce nach Wahl. Die sogenannte Trifecta sei die beste, erklärt der vom eigenen Produkt ernsthaft überzeugte Servicemitarbeiter, dies stelle eine Kombination aus den anderen drei erhältlichen Saucen, also Knoblauchbutter, Cajun (eine scharfe Gewürzmischung) und Lemon-Pepper dar. Insgesamt schlägt das mit 36 Euro zu Buche, ist aber nicht unbedingt für zwei Personen gedacht. Deshalb kann man das Ganze noch zum Beispiel um eine Schneekrabbe (35 Euro) oder um eine Königskrabbe (38 Euro) erweitern.

Kurz vor der Schüttung ist die Spannung dann echt unerträglich, eine Papierunterlage wurde bereits am Tisch ausgelegt, die bereitgestellte Plastik-Schürze und die schwarzen Handschuhe sind hoffentlich ordnungsgemäß angezogen (auch wenn sich wirklich alles in mir dagegen gesträubt hat). Das Ritual selbst wird mit dem Ernst eines Hermann Nitsch vorgetragen. Um den Nervenkitzel zu steigern, dreht die separat servierte und bereits gestürzte Reisschüssel gleich zwei eigentlich unnötige Runden auf dem Papier, ehe dann der Höhepunkt folgt: Der gut gefüllte Plastiksack wird über die Tafel geschüttet. Da ist dann alles eins – Meeresgetier, Sauce, Sättigungsbeilage.

Da Bild zeigt die ausgeschüttete Seafood Boil mit Reis und Königskrabbe
Bild anzeigen

Das folgende „Mit-den-Händen-Reinschaufeln“ macht zugegeben mehr Spaß als ursprünglich erwartet – und es schmeckt auch ganz großartig. Die „Trifecta“-Sauce ist von angenehmer Würzigkeit, irgendwie ist es der Küche gelungen, die unterschiedlichen Garpunkte der Meeresfrüchte, der Königskrabbe und auch die der sicher extra gekochten Beilagen zu beachten. Natürlich wird die Mischkulanz nicht direkt im Plastik zubereitet, sie wird erst danach darin abgefüllt. Der Sack hat schlicht einen Zweck, dem allerdings jeder wiederverwendbare Topf auch nachkommen könnte: Darin mischt sich alles gut durch.

In Summe fällt da schon richtig viel Müll an – insofern ist es ein wirklich sehr zeitgeistiger Trend. Hauptsache, es schaut gut aus, der Rest ist dann schon ein bissel wurscht auch wieder. Darüber, woher das ganze Getier stammt und wie viel Wert insgesamt auf Nachhaltigkeit gelegt wird, hätte ich gerne im Nachhinein mit jemandem gesprochen. Leider blieb meine Gesprächsanfrage bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Falls man darüber hinwegsehen kann, überwiegt eindeutig das Positive: Das „Sea Me Boilin’“ legt neben dem Erlebnisgastro-Effekt auch viel Wert auf kompetentes Service und darauf, dass das Essen wirklich gut schmeckt. Wer also mal auf Spaß aus ist und keine Probleme damit hat, sich in würdelosen Schürzen mal so richtig anzupatzen: Die Straßenbahnlinien 6 und 11 halten neuerdings in Meeresnähe.

Stimmung: altmodische Pizzeria mit trendigem Inhalt 
Empfehlung: den Zobel vorher ausziehen 
Preisverhältnis: Combos 36–135 Euro, Sackerl 12,50 Euro bis 46,50 Euro

Sea Me Boilin’ Randhartingergasse 9–11, 1100 Wien
Fr–So 12–22.30 Uhr, seameboilin.at

Stephan Graschitz

Stephan Graschitz

ist als Chef vom Dienst bei profil tätig.