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Gesellschaft
03/30/2022

Sebastian Hofers Lexikon der modernen Emotionen – Teil 2: Spontanrespekt

Wie fühlen wir uns heute? Was spüren wir da eigentlich genau? Und ist das gut so? Eine Forschungsreise durch die Welt der zeitgemäßen Emotionen.

von Sebastian Hofer

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Gefühl Nr. 2: Der Spontanrespekt – eine Hochachtung, mit der man nicht gerechnet hätte

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Der Mensch existiert, ob er das will oder nicht, in einem gemeinsamen Netzwerk mit anderen Menschen. Das tut er nicht nur dort, wo es ganz offensichtlich ist – im social network, im Morgenverkehr auf der Südosttangente, ganz vorne an der Supermarktkassa, wenn er vergessen hat, die Bananen zu wiegen – sondern immer, ständig, dauernd. In diesem Netzwerk, in seinen Beziehungen und Verhältnissen zu anderen Menschen, ordnet er sich ein, sucht sich seinen Platz und weist anderen den ihren zu. Also zum Beispiel: hier ich, klug, schön, weitgehend unfehlbar; dort die Trottelposter und Mittelspurfahrer. Hier wird Proust gelesen und Arte gesehen, da unten Instyle durchgeblättert und aufs Handy gestarrt. Und dann stößt man, in einer freien Stunde zwischen Proust und Arte, auf eine Netflix-Show, in der der ehemalige Light-Night-Talker David Letterman eine Reihe von Superprominenten interviewt, Barack Obama und seinesgleichen, und plötzlich sitzt da: Kim Kardashian. Genau die Kim Kardashian, der man sich mit einiger Sicherheit haushoch überlegen fühlte, weil: die kann ja nur deppert sein, diese talentlose Insta-Oberfläche samt Sex-Tape und exhibitionistischem Clan… Aber nein! Frau Kardashian erweist sich im Gespräch mit Letterman als kultivierte, kluge, sensible und zum Teil sogar selbstironische Gesprächspartnerin.

Und schon entsteht in mir ein mulmiges Gefühl, das ich Spontanrespekt nennen werde, und das deshalb so mulmig ist, weil sich das eigene Selbstbild ja aus der selbstgewählten Position im menschlichen Beziehungsnetzwerk entwickelt, und weil dieses Selbstbild gehörig wackelt, wenn sich die eigene Menschenkenntnis als dermaßen fehlbar erweist. Ich lag ja wohl eindeutig falsch mit meinem aus Unkenntnis und Selbstüberhöhung gespeisten Urteil über Frau Kardashian. Ähnliche Erfahrungen sind also auch mit (laut erster Einschätzung) garantiert idiotischen, bewusstlos ihre Smartphones bewischenden, tatsächlich aber womöglich höchst eloquenten, kreativen Teenagern möglich, unter Umständen sogar mit Mittelspurfahrern. Aber dafür würde ich mein Handy nicht ins Feuer legen.

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Wie oft habe ich dieses Gefühl: Immer häufiger (liegt es an mir oder an den anderen?)

Mit welchen Gefühlen ist es artverwandt: Vertrauen, Rücksicht

Wenn ich über dieses Gefühl ein Lied schreibe, trägt es folgenden Titel: Tausendmal ist nix passiert