Seelische Flächenbrände: Leben mit psychisch Kranken

Seelische Flächenbrände: Leben mit psychisch Kranken

Rund 900.000 Österreicher beanspruchen einmal jährlich psychiatrische Hilfe. Die Dunkelziffer der psychischen Erkrankungen liegt jedoch weit höher. Oft werden solche Leidensgeschichten auch zum Martyrium für Partner und Familie.

"Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise." Mit diesem Satz, einem der berühmtesten der Weltliteratur, beginnt Leo Tolstois Roman "Anna Karenina". Würde man der tragischen Heldin heute eine Diagnose stellen, käme man auf ein multifaktorielles Krankheitsbild: Depressionen, pathologische Angstgefühle, Anzeichen einer paranoiden Persönlichkeitsstörung und Morphium-Sucht.

Wie sehr ein aus der Spur geratenes Ich auch eine Partnerschaft, Kinder, Familie und Freunde in Mitleidenschaft zieht, beschreibt Leo Tolstoi in seinem Roman in allen detailgenauen Tiefen, Irritationen und kurzen, aber trügerischen Rehabilitationsphasen.

Die aktuelle Ausgabe.

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Was den Erkenntnisstand der Psychiatrie betrifft, leben wir heute in einem goldenem Zeitalter. Die Statistiken zeichnen jedoch ein dramatisches Bild, was den Zustand der Seele betrifft. Über 30 Prozent der krankheitsbedingten Frühpensionen in Österreich gehen auf psychische Störungen zurück. Jährlich nehmen rund 900.000 Menschen das Gesundheitssystem wegen einer psychiatrischen Diagnose in Anspruch. Die Dunkelziffer der tatsächlich Erkrankten liegt weit höher. In unseren Gesprächen mit Angehörigen von "menschlichen Verkehrsunfällen" (wie sich eine Betroffene bezeichnete) wurde immer wieder dieselbe Dramaturgie sichtbar: Vielen der Erkrankten fehlt es an einer Krankheitseinsicht, oft schleppen sie sich aus Schamgefühl jahrelang durch ein stark reduziertes Leben, chronifizieren so ihre Zustände und reißen ihr Umfeld mit in die Verleugnungsspirale.

Lesen Sie die Titelgeschichte von Angelika Hager und Salomea Krobath in der aktuellen Printausgabe oder als E-Paper!