Sonntagsleichenschmaus: Der TV-"Tatort" fasziniert seit 1970

Am Vorspann des "Tatort" wurde seit !)/= nichts verändert, die Musik stammt von Klaus Doldinger.

Am Vorspann des "Tatort" wurde seit !)/= nichts verändert, die Musik stammt von Klaus Doldinger.

Er ist 45, politisch meist korrekt, entsprechend unsexy und ziemlich behäbig: Angelika Hager über das seltsame Phänomen, dass der TV-"Tatort“ dennoch süchtig macht.

Sonntagabend lädt mich schon lange niemand mehr ein. Da haben im Schnitt zehn Millionen andere und ich nämlich ein fixes Date. Und wenn dann die "Tatort“-Signation in Form von Klaus Doldingers bedrohlichen Jazzrock-Kaskaden ertönt und die blauen Augen des bayerischen Schauspielers Horst Lettenmayer im grafischen Nostalgie-Schick der 1970er-Jahre nichts Gutes verheißend durchs Fadenkreuz blicken, ist gleich einmal Schluss mit lustig. Und ich wette schon einmal mit mir, wann die Frage "Hatte er/sie Feinde?” kommt. Meistens Minute 14.

Jedes Kind weiß auch, dass in den ersten sieben Minuten eine Leiche auf irgendeiner Müllkippe, einem Autoschrottplatz, in einem Flussbett, in einem Auto, das auf einem Waldstück geparkt ist, oder in einem von Partyexzessen verwüsteten Hotelzimmer von einem arglosen Passanten, einem Obdachlosen, einer Putzkraft, einer superneugierigen Nachbarin oder einem streunenden Punk-Teenie gefunden wird. Und schon bimmeln die Handys der Kommissare und Subkommissare, darunter auch viele Frauen, die durchaus politisch total korrekt ihren männlichen Beiwagerln Feuer unter dem kompakt geformten Hintern machen, in Wohnungen, die meist von mittelmäßigem Einkommen, wenig Sinn für Häuslichkeit und einem generell ziemlich beschissenen Privatleben zeugen.


Schließlich sind die Mörder ja keine Idioten, sie werden von den besten Drehbuchautoren des deutschsprachigen Raums in ihre Verbrechen geschickt.

Denn die wenigsten unter den zur Zeit 20 ermittelnden Teams verfügen über ein intaktes Liebling-wer-war-die-Leiche?-Familienleben, sondern schaufeln nach dem mühseligen Abklappern der üblichen Verdächtigen (geschasste Affäre, entlassener Mitarbeiter, eifersüchtige, im Verblühen begriffene Industriellengattin, militanter Umweltschützer, noch militantere Rechtsradikale oder vom Schicksal gepeitschter Loser, der einen auf Lynchjustiz macht) Fertiggerichte aus mikrowellenfesten Pappbechern auf der Couch in sich hinein, die sie zwischendurch mit Bier aus der Flasche umspülen. Möglicherweise ist auch das eine Komponente meiner "Tatort“-Sucht: Die deprimierenden Existenzen der Ermittler, die einem den eigenen Alltag vergleichsweise glamourös erscheinen lassen, verbunden mit dem Wonnegefühl, nicht in so einer potthässlichen Stadt wie Hannover oder Ludwigshafen wohnen zu müssen.

Es ist meistes früh am Morgen, wenn der Leichenfund gemeldet wird, und dementsprechend mürrisch und kaffeebedürftig erscheinen die Damen und Herren Blum, Lannert, Odenthal, Lürsen, Ballauf und Eisner und so weiter am Fundort und stellen den in den lustigen weißen Jumpsuits agierenden Spurensicherern den ewig gleichen Fragenkatalog: "Was kann man über den Todeszeitpunkt sagen?“, "Gibt es Abwehrspuren?“, "Verwertbare DNA?“ oder "13 Messerstiche? Da muss es sich doch um etwas Persönliches gehandelt haben?“ und natürlich: "Wer ist … ähmm … war der Mann/die Frau?“ Denn bedauerlicherweise tragen die Opfer oft keine Identifikationspapiere am Leib. Schließlich sind die Mörder ja keine Idioten, sie werden von den besten Drehbuchautoren des deutschsprachigen Raums in ihre Verbrechen geschickt.

Häufig tricksen die Bösen, indem sie durch die Entwendung der Brieftasche einen Raubüberfall vortäuschen und/oder der Ablageort der Leiche nicht mit dem Tatort ident ist. Schließlich gilt es, Zeit zu schinden und 90 Minuten zu füllen. Und das ist in einem TV-Zeitalter, in dem im US-Fernsehen in 45-Minuten-Formaten und hip-hektischem Schnittverfahren psychotische Serienkiller mit Dr. Mabuse-Hirnen ("Criminal Minds“, "Elementary“, "Hannibal“, "Sherlock“) zur Strecke gebracht werden oder die gesamte CIA von Terroristen in die Luft gejagt wird ("Homeland“), eine erstaunlich behäbige Erzählform.


Von Menschenhandel, Zwangsheirat, Asylelend und gewaltgeladenem Rassismus bis Ökoterrorismus und Pädophilie blieb da nichts, was uns nicht auch in den Nachrichten auf- und erregt, ausgeklammert.

Warum zelebrieren rund zehn Millionen Menschen dennoch seit 45 Jahren allsonntäglich ihr Hochamt mit Leiche und rotten sich oft im Gemeinschaftsverbund vor den Schirmen zusammen, um langatmig und unter sparsamem Einsatz von Pyrotechnik (außer Til Schweiger amtiert kommissarisch in Hamburg und lindert seinen James-Bond-Komplex) endlich den Täter serviert zu kriegen? "Tatort“-Junkies wissen ohnehin, dass der Mörder meistens der ist, der am allerunauffälligsten und scheinbar völlig motivlos am Anfang durchgeschippert wird und ein lukendichtes Alibi aufzuweisen hat, das erst im letzten Drittel langsam zerbröselt. Die Tatverdächtigen, die gleich zu Beginn besonders finster blicken, jede Menge Feinde, besonders viel biografisches Elend und eine hohe Frustrations-Intoleranz haben, scheiden in der Regel gemäß der Alfred-Hitchcock-Technik des "roten Herings“ (als Synonym für das Auslegen eines irreführenden Köders) in der zweiten Hälfte aus.

Doch um den Fall selbst geht es den wahren "Tatortianern“ ohnehin nur am Rande. Wiewohl lobend zu erwähnen ist, dass die ARD - ansonsten in ihren Eigenproduktionen eher im Genre des kantenfreien Oma-Fernsehens zu lokalisieren - als Oberkommandozentrale aller 20 Teams durchaus Risikolust in der Wahl der Themen für den Hauptabend beweist: Von Menschenhandel, Zwangsheirat, Asylelend und gewaltgeladenem Rassismus bis Ökoterrorismus und Pädophilie blieb da nichts, was uns nicht auch in den Nachrichten auf- und erregt, ausgeklammert.

Eine Erklärung für die anhaltende Sogwirkung des Formats ist, dass der "Tatort“ in einer hochkomplexen, zunehmend undurchsichtigen Fernsehlandschaft, in der die "Digital Natives“ auf Teufel komm raus streamen und downloaden, noch den Lagerfeuergedanken bedient, wie man ihn aus den Urtagen des Patschenkinos kennt. Solche kuscheligen Gemeinschaftserlebnisse hatte der Mensch noch in den "Wetten, dass..?“-Anfängen, heute bekommt er dieses Gefühl nur noch bei Fußballweltmeisterschaften.


Er muss ein durchschnittlicher Mensch sein, aber in seiner Gewöhnlichkeit über außergewöhnliche Eigenschaften verfügen.

Durch die totale Globalisierung von Fernsehästhetik, in der auf allen Privatkanälen sämtliche "CSI“-Varianten in der Endlosschleife abgespult werden, wirken Lokalkolorit und Regionalfolklore, die ein integrativer Bestandteil des "Tatort“-Konzepts sind, beruhigend. Das Kreischen der Kieler Möwen, das Fastnachtstreiben in Luzern, das Tuten der Ludwigshafener Ausflugsdampfer, die Open-Air-Currywurstbuden in Köln, all diese Gimmicks vermitteln das Gefühl von Heimat, Identität und Zugehörigkeit. Und das sind die Werte, nach denen der Durchschnittsmensch zunehmend hungert, wie auch der Erfolg von Brauchtumsmagazinen wie "Landlust“ und "Servus“ zeigt.

Durchschnittsmenschen sind in der Regel auch die Kommissare - jetzt einmal abgesehen von dem schrulligen Hessener Felix Murot (Ulrich Tukur), der mit seinem wachsenden Gehirntumor Lilly Zwiesprache hielt, oder dem autistischen Dortmunder Peter Faber (Jörg Hartmann), der auch schon durchdreht, aber schließlich hat der Mann seine Familie bei einem Autounfall mit Fahrerflucht verloren.


Det lassen wir mal lieber, Jungelchen.

Die Ermittler des "Tatort“-Universums sind ganz im Sinne des Kriminalschriftstellers Raymond Chandler gestrickt, der die optimale Voraussetzung für einen Detektiv so beschrieben hat: "Er muss ein durchschnittlicher Mensch sein, aber in seiner Gewöhnlichkeit über außergewöhnliche Eigenschaften verfügen.“ Schon der allererste "Tatort“-Kommissar Trimmel (Walter Richter), der am 29. November 1970 in "Taxi nach Leipzig“ einen Kindsmord im zweigeteilten Deutschland aufzuklären hatte, brauchte viel Cognac, paffte beim Verhör und sagte einem jungen Mann, der eine Waffe zog: "Det lassen wir mal lieber, Jungelchen.“

Seit 960 Folgen gehen unsere lieben Ermittler schon einmal mit Tatverdächtigen ins Bett, saufen oder haben ein gröberes Alkoholproblem überwunden, wie die wunderbare Adele Neuhauser, die als Bibi Fellner ihren drögen Chef Moritz Eisner vor dem Verlöschen bewahrt; unterhalten turbulente Don-Camillo- und-Peppone-Ehen wie die Münster Axel Prahl und Jan Josef Liefers und haben generell ein blechernes Händchen für Beziehungen, weswegen sie auch schon einmal in WGs mit ebenso beziehungsunfähigen Kollegen (Odenthal/Kopper) leben.

Über die Jahre hat man diese Typen nahezu lieb gewonnen und möchte sie nicht missen - so wie Onkeln und Tanten, die einem schon auch auf die Nerven gehen können. Besonders Onkel Til Schweiger, der es in Hamburg Ende November in einer Doppelfolge krachen lässt und einen Kino-"Tatort“ plant, scheint es auf Provokation anzulegen, indem er gleich ankündigte, dass man den total veralteten Vorspann endlich zeitgemäß gestalten müsse. Dazu fällt einem nichts ein, außer: "Det lassen wir mal lieber, Jungelchen.“