„Die Demokratisierung des Luxuspöbels“ (so der Kulturtheoretiker Franz Schuh) ist in Österreich vor allem der ORF-Sendung „Seitenblicke“ zu verdanken, die uns allabendlich seit 1987 an einer korkenknallenden „Glücklich ist, wer vergisst“-Stimmung partizipieren lässt und uns das paradoxe Gefühl schenkt, trotz Distanz mit ebenjenem Luxuspöbel in „diesem österreichischen Disneyland“ (so der verstorbene Theaterregisseur Claus Peymann) permanent kuscheln zu können. Die Opernball-Übertragung ist dann natürlich die Königsetappe dieser Kuschelei. Ein wenig erinnert Sargnagel, die über sich sagt: „Ich bin mein eigenes Genre“, mit ihrer Tour de Force ins Establishment an jenes literarische Experiment, das David Foster Wallace vor fast 30 Jahren mit seiner Reisereportage eines Kreuzfahrttrips wagte, die den wunderbaren Titel trägt: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich.“
Wahrscheinlich denkt sich die Opernball-Stürmerin Sargnagel Ähnliches, zumindest atmet der Text ein bisschen so etwas wie Ekel, aber auch Faszination für diese mit solcher Begeisterung exekutierte Retro-Veranstaltung.Mit ihrem Text schafft sie das rare Kunststück, rasantes Amüsement mit brutaler Beobachtungspräzision und Sprachgewalt zu verbrämen. Als Zuckerguss serviert sie eine große Portion Selbstironie. Neben der handelsüblichen Kapitalismuskritik rechnet Sargnagel auch mit ihrem Aufstieg „aus dem Vorstadtbeisel in die höfische Gesellschaft dank meines musischen Talents“ ab. Den Status oder besser die Instrumentalisierung von Künstlern in dieser Arena, in der jeder und jede verbissen um die eigene Bedeutsamkeit kämpft, beschreibt Sargnagel, die einst neben ihrem Callcenter-Job durch den Verkauf von Dosenbier aus dem Rucksack ihr erstes solides Einkommen „generierte“, so: „Auch Paradiesvögel haben ihren Platz auf dem Ball, es ist ja auch ein Fest der Künstler. Sie sind die Maskottchen, mit denen Finanzgrößen und Wirtschaftskapitäne die eigene Weltoffenheit zur Schau stellen (…) Er (der Künstler) ist das originelle Accessoire im fantasielosen Alltag der Vermögensvermehrung …“ Im profil-Interview definierte sie die Rolle des Künstlers bei solchen Veranstaltungen einmal so: „Künstler sind ein sozialer Gewinn, weil sie von der Fantasielosigkeit des eigenen Daseins ablenken.“
Innerlich vergreiste Jugendliche
Gegenwärtig ist Stefanie Sargnagel im Mutterschutz und gibt keine Interviews. Doch in diesem früheren profil-Gespräch antwortete sie auf die Frage, wie sie einem Alien das Phänomen Opernball erklären würde: „Die gehobene Wiener Society spielt gemeinsam das 19. Jahrhundert nach, innerlich vergreiste Jugendliche werden in die Gesellschaft eingeführt, die Industriellenvereinigung tüftelt in lockerer Atmosphäre an der Abschaffung der Arbeiterkammer, und Champagner-Sozialisten essen Würstel um 30 Euro, alle schauen im Fernsehen zu.“ Schmerzhaft wurde ihr auch bewusst, dass sie bei ihrem Besuch „in einem Hauch von Nichts“ 2024 nicht mehr als Underground-Rebellin oder Außenseiterin durchging: „Ich wurde aber immer wieder als bekannte Künstlerin, die ich mittlerweile bin, integriert. Das war schon schmerzhaft, und ich musste immer wieder mal aufs Klo weinen gehen.“Sargnagels Lieblings-Ballmutter ist mit Abstand die verstorbene Lotte Tobisch, die „mit ihrer Mischung als Elitarismus und Schmäh“ eine ausgestorbene Spezies verkörpere. Sargnagels Tipp für Opernball-Erstbegehungen: „Der Opernball ist ja zugänglicher, als man annimmt. Es gibt die finanzielle Barriere, die sich aber auch nicht mehr groß von einem Taylor-Swift-Ticket unterscheidet, ansonsten kann jeder hin. Man kann Spitzenpolitikern auf die Zehen steigen, niemand hält einen davon ab. Es gibt die Atmosphäre vor und nach Mitternacht, anfangs ist es sehr zurückhaltend, aber wenn die Kameras langsam verschwinden, gehen die Leute immer mehr aus sich raus, dann gibt es auch unfassbare Eskalationen in der Falstaff-Champagner-Lounge.“
Schlimmster Moment der Ballnacht, der in dem extrem unterhaltsamen Band auch ausführlich geschildert wird: „Meine Begleitung hat naiverweise ein Brötchen von einer Etagere vor einer Loge genommen. Er dachte, die wären umsonst. Das Entsetzen in den Augen der Multimillionäre, weil ihnen jemand ein Schinkencanapé entwendet hatte, war faszinierend. Dieser Geiz, diese Gier, diese Brutalität in der Verteidigung des Besitzes. Es endete in einem Tumult, vor dem wir flüchten mussten.“