Frau beim Stricken
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Altmodisch? Im Gegenteil. Stricken wird für die Gen Z immer mehr zum Ausdruck von Selbstfürsorge und Widerstand. Junge Menschen stricken gegen Fast Fashion, gegen Einsamkeit – und manchmal auch gegen Rechts.

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In der Mitte des Raums steht ein langer Holztisch. Darauf türmen sich zwischen Kaffeehäferln bunte Wollknäuel. Studentinnen sitzen hier mit Pensionistinnen und jungen Müttern beisammen, plaudern, lachen und arbeiten an Pullovern, Socken oder Schals. Im Wollcafé Laniato im dritten Wiener Gemeindebezirk brummt die Kaffeemaschine, die Stricknadeln klappern. Das Lokal ist Kaffeehaus, Wollgeschäft und Begegnungsort in einem. „Man muss nicht superhip sein, um dazuzugehören“, sagt Dajana, die das Café seit 2012 führt. „Aber man kann.“

Dajanas Kundschaft ist nicht auf strickende Großmütter beschränkt. Gerade in den vergangenen Jahren kommen immer mehr junge Menschen ins Geschäft und suchen nach dem passenden Garn für ihr nächstes Projekt. Die Gen Z strickt wieder. Auf Instagram zeigt eine Influencerin nach der anderen ihre jeweilige Variante des „Sophie Scarfs“: ein schmales Stück gestrickte Wolle mit spitzen Enden, das wie eine Schleife um den Hals getragen wird. Ins Café Laniato bringt die neue Generation frischen Wind. Sie poliert das verstaubte Image der Handarbeit auf – und beeindruckt damit auch die, die schon länger dabei sind. „Es ist schön zu sehen, wie die älteren Kundinnen neugierig schauen, was die Jugend so macht – und wie sie dann ins Gespräch kommen“, erzählt Dajana. 

Wollcafé Laniato
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Freundschaften knüpfen

Stricken bringt Menschen zusammen – diese Erfahrung machen auch die Strick- und Häkel Influencerinnen Sophie (@bitte.mach.das) und Valentina (@valentinart). Auf ihren Kanälen geben sie Einblicke in ihr Leben als Strickenthusiastinnen, präsentieren ihre neuesten Projekte und ermutigen ihre Follower*innen, selbst kreativ zu werden. Dafür organisieren sie regelmäßig Treffen und Events. Gestrickt wird fast überall: in Valentinas Studio im 6. Bezirk, im Kino beim Krimi-Schauen oder im Park beim „Stricknic“. Bei den Events entstehen beim Austauschen – oder „Abnerden“, wie Sophie es nennt – über Wollarten und Anleitungen Freundschaften. Die meisten Teilnehmerinnen sind Frauen, doch auch immer mehr Männer kommen dazu. 

„Man fühlt sich eh so oft allein und einsam. Bei den Events kommen dann wirklich Leute zusammen“, sagt Valentina. Zum Häkeln kam die 25-Jährige eher pragmatisch: In ihrer kleinen Wohnung war kein Platz mehr für die großen Leinwände, auf denen sie zuvor gemalt hatte. Aus kleinen Projekten und selbstgemachten Geburtstagsgeschenken entwickelte sich nach und nach ein Geschäft. Seit einem Jahr verkauft sie ihre handgefertigten Taschen in einem eigenen Onlineshop.

Stricken statt Scrollen

Woher das aktuelle Strick-Comeback genau rührt, sei wissenschaftlich schwierig zu beurteilen, meint die Soziologin Michaela Pfadenhauer von der Universität Wien. Die Studienlage sei zu dünn. Auffällig sei jedoch, dass der dahinterstehende Nachhaltigkeitsgedanke – weg von Fast Fashion, hin zum Selbermachen – gut in den Zeitgeist passe. Zudem lasse sich beobachten, dass digitale Räume für viele junge Menschen an Reiz verlieren. 

Das kann auch Sophie nachvollziehen. Während der Corona-Pandemie hätten insbesondere jüngere Menschen gemerkt, dass sie zwar beschäftigt seien, aber kaum analoge Hobbys hätten. Vom Computer im Büro gehe es oft direkt weiter zum Handy auf der Couch. „Ich glaube, Menschen sind darauf ausgerichtet, etwas mit ihren Händen zu machen. Das ist meiner Meinung nach extrem wichtig für die geistige Gesundheit“, sagt sie. Ein Thema, das ihr am Herzen liegt: Zwischen Mutterschaft, ihrem Job als Flugbegleiterin und den Stricktreffs arbeitete sie sich vor einem Jahr ins Burnout und musste die Reißleine ziehen. „Ich habe mir ein Jahr gegeben, um zu schauen, wie weit ich komme, wenn ich das mache, was ich wirklich machen möchte“, erinnert sie sich. Der Schritt hat sich gelohnt: Inzwischen lebt sie von ihrer Mode und ihrem Content, ihre Stücke wurden sogar bei der Vienna Fashion Week gezeigt. 

Tatsächlich deuten Untersuchungen darauf hin, dass Stricken der mentalen Gesundheit guttun kann. Eine 2024 veröffentlichte Studie der Universität Göteborg kommt zu dem Schluss, dass Handarbeit nicht nur Gemeinschaft stiften, sondern auch Stress reduzieren und dem Alltag Struktur verleihen kann. Die gleichförmigen, rhythmischen Bewegungen wirken entspannend und können helfen, Gedanken zu ordnen. Ähnliche Effekte wurden auch bei Tätigkeiten wie Malen, Gärtnern oder Backen beobachtet. Kurz gesagt: „Grannycore“-Hobbys können das psychische Wohlbefinden stärken.

Linke und rechte Maschen

Auf Sophies Instagram-Account geht es jedoch nicht nur um schöne Muster und gute Laune. Eines ihrer Designs formt Masche für Masche das Wort „Resist“, auf einem anderen Pullover steht in geschwungenen Buchstaben: „Rechts wird nur gestrickt“. Für Sophie ist Stricken nicht nur Hobby, sondern auch Ausdruck einer Haltung. „Irgendeine Kleidung hat man eigentlich immer an“, sagt sie. Man müsse keine laute Aktivistin sein, um so mit gestricktem Gewand ein Zeichen zu setzen.

Stricken als Aktivismus – was auf den ersten Blick neu erscheint, hat eigentlich eine lange Tradition. Schon während der Französischen Revolution saßen die sogenannten „Tricoteuses“ – französisch für „Strickerinnen“ – bei politischen Versammlungen und strickten – sichtbar und demonstrativ, in einer Zeit, in der Frauen in der Politik keinen Platz hatten. Später wurde Handarbeit zur Tarnung: Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg sowie im Ersten und Zweiten Weltkrieg nutzten Frauen Strickstücke, um Botschaften zu codieren oder Nachrichten zu verstecken.

Auch in jüngerer Zeit tauchte Stricken als Protestform wieder auf. Nach der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA im Herbst 2016 wurden die pinken „Pussyhat“-Mützen zum Symbol der Protestbewegung gegen seine Politik. Auch in Österreich griffen Initiativen wie die „Omas gegen Rechts“ das Symbol auf. Bei Demonstrationen sind die bunten Hauben mit Katzenohren immer wieder zu sehen, auf der Website der Omas findet sich eine Anleitung zum Nachstricken.

Was heute zum Hype geworden ist, ist Teil einer langen Tradition. Die ersten Nadeln, die zu so etwas wie dem Stricken dienen konnten, wurden in Gräbern gefunden, die 300 n.Chr. angelegt wurden. Seitdem strickt die Menschheit - aus Notwendigkeit, als Zeitvertreib oder als stiller Protest. Der aktuelle Boom werde vermutlich wieder abflachen, glauben auch die Strick-Influencerinnen Valentina und Sophie. Doch verschwinden wird das Stricken sicher nicht.  

Emma Padaurek

Emma Padaurek

seit Februar 2026 Volontärin bei profil.