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Gesellschaft
02/29/2020

Taylor Swift und Justin Bieber: Das kleine Ich-bin-Ich

Wenn Popstars umdenken: Justin Bieber und Taylor Swift erzählen sich neu – mit ziemlich unterschiedlichen Ergebnissen.

Der Moment, in dem Taylor Swift politisch aktiv wird und es ihren 127 Millionen Instagram-Fans mitteilt: Ein Zeigefinger bewegt sich in Richtung Smartphone, ein Foto wird hochgeladen, ein Funke springt über. Es ist ein Funken Unkalkulierbarkeit im durchchoreografierten Prozess der Popstar-Imagebildung. Eine Karriere wird riskiert (ein bisschen). Die Kamera läuft (fast zufällig). So sieht politische Kunst heute aus (auf Netflix).

Die Dokumentation „Miss Americana“ zeigt, wie ein unwahrscheinlich erfolgreicher Popstar eine Persönlichkeit entwickelt, ein feministisches Selbstbewusstsein ausbildet – und dabei erstaunlicherweise immer sie selbst, also Popstar, bleibt. „Miss Americana“ verweigert eine Antwort auf die altmodische Frage, was denn hier echt sei und was ausgedacht und welchen Unterschied das in diesem Kontext überhaupt machen könnte.

Justin Bieber, ein anderer eminenter Popstar der Gegenwart, trägt ebenfalls Entscheidendes zum gerade boomenden Genre des offensiv selbstbestimmten Popstarporträts bei. Allerdings verfährt er bei seiner eigenen öffentlichen Selbstdurchleuchtung wesentlich eindeutiger. Schon die erste „ehrliche Seelenbeichte“ der ersten Folge endet mit einem „Kann ich das noch mal machen?“, das aber eben gerade nicht herausgeschnitten wird, sondern im Film bleibt, weil nur ja niemand glauben soll, was er sieht. Es geht hier schließlich immer noch um Popstars, also Wesen, die erst in der Fantasie ihre wahre Größe annehmen.

Justin Bieber kehrt mit der zehnteiligen Reihe „Seasons“ an den Ort seiner frühesten Erfolge zurück: YouTube, das diesmal freilich nicht kostenlos mit Wunderkindvideos beliefert wird, sondern einen zweistelligen Millionenbetrag überwiesen haben soll. Dafür erzählt der 26-Jährige in viertelstündigen Videos, was seine Kunst nicht erzählt: dass er in Wirklichkeit ein Mensch ist.

Ehrlichkeit zahlt sich eben aus. Rein finanziell jetzt.