Orchideen-Fächer

Nur Langeweiler verdingen sich als Babysitter oder Kellner, um Geld zu verdienen. Wirklich coole Studenten suchen weniger alltägliche Jobs – zum Beispiel solche wie diese vier hier.

Von Ulrike Moser

Heute Sparefroh, morgen Christkind

Im Hühnchenkostüm vor ­einem Schnellimbiss Werbezettel verteilen oder als Hot Dog verkleidet mit Reklametafel durch die Straßen ziehen – Beschäftigungen wie diese zählen in den USA zu den klassischen Studentenjobs. Auch in Österreich setzen Unternehmen immer ­öfter auf Promotion mittels Maskottchen. Die Wiener Jusstudentin Romana Baumgartner-Jurko verdient damit ebenso ein wenig Geld wie der BWL-Student Andreas Schwinger. Wenn es der Auftrag verlangt, schlüpfen die beiden ins entsprechende Kostüm und verteilen zum Beispiel, als Sparefroh verkleidet, für eine Bank Werbefolder und Süßigkeiten. „Man wird dabei oft angesprochen, kleine Kinder freuen sich über die Zuckerln, nur Teenager lachen uns aus“, erzählen sie über ihren Studentenjob.

Beide waren auf der Suche nach einer Tätigkeit mit flexiblen Arbeitszeiten. Auf der Jobvermittlungsplattform der Österreichischen Hochschülerschaft wurden sie schließlich fündig. Romana Baumgartner-Jurko: „Als ich vergangenes Jahr mit dem Studium begann, wusste ich noch nicht, wie es an der Uni zugeht und wann welche Vorlesungen stattfinden. Da kam das Angebot, Promotion zu machen, gerade recht. Ich habe kurz als Verkäuferin gearbeitet, aber das war nicht so meines.“

Auch Andreas Schwinger hat schon einige Joberfahrungen gesammelt: ganz klassisch mit Kellnern, aber auch als Werkstudent bei einer Bank. Der Vorteil bei seiner aktuellen Tätigkeit: Er arbeitet dann, wenn er Zeit hat – meist stundenweise. „Vergangenes Jahr war ich als Promoter für Studentenkonten vor der Uni unterwegs und habe in zwei Monaten so viel verdient, dass ich das ganze Semester davon leben konnte“, erzählt er. Auf Dauer werden die beiden sich dennoch nach anderen Arbeitsmöglichkeiten umsehen. „Wenn ich in meinem Studium weiter bin, möchte ich schon im rechtlichen Bereich arbeiten“, sagt Baumgartner-Jurko. Zuvor warten aber noch ein arbeitsreicher Herbst und Winter, denn dann wird sie als Christkind durch die Einkaufsstraßen schweben.

Auf der Alm

Statt nach der bestandenen Matura auf den Putz zu hauen und einen ganzen Sommer lang das süße Nichtstun zu genießen, steht Verena Friedl lieber im Stall und kümmert sich um Kühe und Kälber, wendet Heu und erledigt auch sonst sämtliche Aufgaben, die am Bauernhof der Familie Greuter im Tiroler Bergdorf Tarrenz anfallen. Friedl arbeitet als „Freiwillige am Bauernhof“.

Den Rückzug vom Trubel der Welt schätzt die Achtzehnjährige an ihrem Sommerjob. Bereits zum zweiten Mal schuftet die künftige Studentin der Kommunikationswissenschaften an der Universität Salzburg für eineinhalb Monate auf der Fallerscheinalm. Beim ersten Mal im vergangenen Jahr war es noch eine Verlegenheitslösung. „Ich war mit meinen Bewerbungen für Sommerjobs viel zu spät dran, wollte aber in den Ferien trotzdem etwas Sinnvolles tun. Meine Familie kauft am Hof der Greuters immer Fleisch und Kartoffeln, und so erfuhr ich von der Möglichkeit, als Freiwillige mitzuhelfen“, erzählt Friedl.

In dem landwirtschaftlichen Betrieb mit 25 Kühen und 24 Kälbern sowie Kartoffelanbau ist immer etwas zu tun. In der Früh kümmert sich Friedl um den Haushalt, tagsüber packt sie in der Wirtsstube und im Gastgarten mit an, die ebenfalls zum Almbetrieb dazugehören, und abends versorgt sie das Vieh im Stall. Klingt anstrengend, doch zwischendurch bleibt dennoch Zeit, um die Seele baumeln zu lassen. „Dann setze ich mich am liebsten an den Bach und mache einmal gar nichts“, sagt die baldige Studentin. Und in welchem Studentenjob geht das schon?

Six Feet Under

Wenn sich Matthias Sibitz mit Kommilitonen über Studentenjobs austauscht, weiß er schon, wie das Gespräch verlaufen wird: erst ungläubiges Staunen, danach betretenes Schweigen – bis er mit neugierigen Fragen bestürmt wird. Der Jusstudent im neunten Semester an der Universität Graz hat in der Tat einen ungewöhnlichen Job: Er arbeitet als Bestatter. „Die erste Frage ist stets, ob ich nur im Büro sitze oder tatsächlich mit den Verstorbenen zu tun habe“, erzählt Sibitz.

Bereits zu Schulzeiten verbrachte er einen Schnuppertag beim Klagenfurter Bestattungsunternehmen Pax. Als Sibitz vor drei Jahren einen Ferialjob suchte, landete er ebendort und arbeitet bei Pax mittlerweile Teilzeit.
Der Student erfüllt die unterschiedlichsten Aufgaben: das Verständigen des Amtsarztes und die Abholung der Verstorbenen, die Betreuung der Ange­hörigen bei der Organisation des Begräbnisses, die Gestaltung der Trauerfeier, aber wenn notwendig auch das Waschen, Rasieren oder Schminken der Toten. Berührungsängste hat Sibitz keine: „Anfangs war es merkwürdig, einen Toten anzugreifen. Dabei merkt man schnell, ob man dem Job gewachsen ist.“ Die weitaus größere Herausforderung für den Studenten ist hingegen der Umgang mit den Trauernden. Hier heißt es, soweit eben möglich, Feingefühl walten zu lassen.

Mittlerweile kann sich Sibitz keine andere Beschäftigung mehr für sich vorstellen. Selbst nach dem Abschluss seines Studiums möchte er dem Bestattungsgewerbe treu bleiben. „Das Unternehmen gehört zu den Klagenfurter Stadtwerken. In deren Rechtsabteilung nach Abschluss des Gerichtsjahres weiterzuarbeiten und so nach wie vor mit diesem Bereich zu tun zu haben wäre perfekt“, findet er.

Beruf: Langfinger

Ein schneller Blick zur Seite, ein Griff ins Regal, und schon verschwindet ein Spiel in Christoph Eibers Tasche. Der Nervenkitzel, ob es ihm gelingt, das Diebesgut an der Kasse vorbeizuschleusen, oder ob er doch beim Stehlen ertappt wird, lässt sein Herz rasen. Und das, obwohl der Jusstudent aus Wels mittlerweile ein durchaus routinierter Langfinger ist. Bereits seit zwei Jahren ­finanziert er sein Studium als Testdieb. Von ihm lassen sich Geschäfte freiwillig bestehlen, um herauszufinden, wie aufmerksam ihr Personal ist – und ob mit einem präsumtiven Ladendieb so verfahren wird, wie es die Geschäftspolitik vorsieht. Im Vorfeld wird geklärt, was wie gestohlen werden soll und wann sich der Testdieb zu erkennen geben darf.
„Viele trauen sich aber selbst mit offizieller Erlaubnis nicht zu stehlen“, berichtet Eiber. „Die Passanten schleichen nach einem Diebstahl immer neugierig um mich herum, und kleinen Kindern wird dann schon einmal erklärt, wie wichtig es ist, etwas Gescheites zu lernen, damit sie später nicht in eine solche Situation geraten.“ Die Reaktionen auf seinen Job sind durchwegs begeistert, und so mancher erhofft sich, in ein paar Tricks eingeweiht zu werden. Aber darüber darf Eiber nicht sprechen, ebenso wenig darüber, in welchen Geschäften man sich eigentlich ungeniert bedienen könnte, weil es sowieso keiner Verkaufskraft auffallen würde.

Selbst in Versuchung, etwas mitgehen zu lassen, kommt der angehende Jurist aber nicht, schließlich „kann ich dann gerade dieses Studium und meine künftige Berufslaufbahn vergessen“. Trotzdem erkennt er „Kollegen“ inzwischen auf den ersten Blick: „Letztens habe ich jemanden beim Stehlen erwischt. Ich habe der Verkäuferin dann gesagt, sie soll sich den Kunden genauer anschauen, und siehe da, er versuchte, eine Flasche Parfum mitgehen zu lassen.“