Viennale-Direktor Hans Hurch: Für eine Neuaufstellung der Kulturnation

Viennale-Direktor Hans Hurch: Für eine Neuaufstellung der Kulturnation

Das Ende der Geisterstunde: Viennale-Direktor Hans Hurch (im Bild links) sieht in der aktuellen Krise des Burgtheaters eine unerwartete Chance für Österreichs Kulturpolitik.

Eigentlich hatten wir das große Peter-Turrini-Interview zur Causa Burgtheater im neuen „News“ erwartet, diesmal mit ausklappbarem Hartmann-Farbposter in der Heftmitte: der Burgtheaterdirektor mit nacktem Oberkörper, in Szene gesetzt von der PR-Agentur Erwin & Wurm. Aber dann kam alles anders, und „Der Standard“ überraschte mit dem wunderbaren Turrini-Dramolett „Die verschwundenen Zettel oder Der Schriftsteller im Gespräch mit der Kulturchefin“, mit Peter Turrini als rücksichtslosem Kämpfer für die Sache der Kunst und Andrea Schurian als kritisch-investigativer Aufklärerin. Eine kleine, schäbige Inszenierung, so durchschaubar wie unverfroren, und mit dem billigen Zweck, die Krise des Burgtheaters kleinzureden und den in die Kritik geratenen Direktor zu rechtfertigen, so gut es geht – als „großen Theaterzampano“, manchmal „ein bisschen wahnsinnig wie fast alle am Theater“, aber eben auch als einen, der sich nicht um die Geldgeschäfte des Tages kümmern kann, weil er allein „für die Magie des Abends verantwortlich ist“.

Schurian, gnadenlos: „Die Burg hat mit beinahe 50 Millionen Euro das höchstdotierte Theaterbudget überhaupt …“ Turrini, triumphierend: „… und sollte noch mehr kriegen. Wenn schon Kulturnation, dann richtig.“ Denn was auf dem Spiel stehe, sei „das Theater“ – DAS THEATER als eine Art kultureller Naturzustand – und nicht, „ob im Burgtheater ein paar Zetteln verschwunden sind oder nicht“. Diesem Schauspieldirektor, so Turrini, gelinge das Wunderbare, „uns alle zum Fantasieren zu bringen“. Und bei einigen gelingt ihm das besonders gut, wie diese journalistische Farce zeigt, deren Zustandekommen wohl für immer das Geheimnis der beiden Akteure bleiben wird.

Wie überhaupt weiten Teilen der Kulturkritik in den vergangenen Wochen zum Fall Burgtheater wenig eingefallen ist. Von einigen kritischen Stimmen abgesehen, hat die fleißige Mäusepolizei hier ein paar Zahlen zusammengetragen, dort ein paar Aussagen wiedergegeben, da eine Summe hochgerechnet und dort einen Satz zitiert: strukturelle Unter-
finanzierung, kreative Buchhaltung, Rücklagenauflösung, Vieraugenprinzip und einiges mehr sind über Nacht Teil des Feuilleton-Repertoires geworden. Dabei ist die Angelegenheit im Grunde recht einfach. Wenn das Burgtheater jetzt ein angenommenes Minus von zehn Millionen Euro ausweist, so ist ein wesentlicher Teil davon tatsächlich durch die laufende strukturelle Unterfinanzierung entstanden – ein Umstand, mit dem sich im Übrigen jede kleinere und größere Kulturinstitution konfrontiert sieht. Ein anderer, bedeutender Anteil verdankt sich am Burgtheater aber auch dem Agieren des „großen Theaterzampanos“. Matthias Hartmann hat im Lauf der Jahre die komplizierte Maschine Burgtheater systematisch überheizt, rücksichtslos alle Ressourcen verbraucht, Haus und Personal bis an den Rand der Belastbarkeit ausgepowert. In einem Satz: Die Burgtheater GmbH ist die eine Seite des Problems, die Ich-AG Hartmann, wie der „Falter“ so schön sagt, die andere. Den verheerenden Zusammenhang zwischen beiden nicht allzu sichtbar werden zu lassen, wird man sich bei den nun anstehenden Zahlenspielen ziemlich anstrengen müssen. Und der Versuch, die Verantwortung auf Ko-Geschäftsführerin Silvia Stantejsky abzuwälzen, wird nicht zu halten sein, dazu muss man über keine prophetischen Gaben verfügen, sondern nur über eine mittelmäßige Kenntnis des Arbeitsrechts. Manche meinen, Stantejskys Buchhaltung sei in der letzten Zeit ohnehin das Kreativste am Haus gewesen.

Er sei „für den künstlerischen Weg des Theaters verantwortlich“ – so weist Hartmann jede Mitverantwortung an dem Finanzdesaster von sich. „Wir sind nicht dazu da, Sparkommissare für den Staat zu sein.“ Und in parvenühafter Verantwortungslosigkeit: „Ich bin Regisseur und wurde als solcher an die Burg geholt.“ Dass dies nur die halbe Wahrheit ist, weiß keiner besser als er. Als ihn Wolfgang Schüssel und Franz Morak 2006 als Wunschkandidaten der schwarz-blauen Regierung zu dem (ab 2009 real amtierenden) Direktor des Burgtheaters bestellten, waren Hartmanns „Qualitäten als Macher“ eines ihrer wichtigsten Argumente. Er habe bewiesen, dass er wisse, „wie man so ein Haus führt“.
Aber lassen wir die Querelen zwischen fünfstelligen Barbeträgen und zweistelligen Millionendefiziten beiseite, ebenso die täglich wechselnden Rechtfertigungen des Bundestheaterchefs Springer und das immer auffälligere Schweigen des zuständigen Ministers. Das alles wird in den nächsten Wochen ohnehin noch lustig genug – und wie Matthias Hartmann schon bei Josef Ostermayers Amtsantritt ahnte: „Den Minister erwartet eine Herkulesaufgabe.“ Von wegen den großen Stall ausmisten.

Reden wir von der wirklichen Lektion dieser Geschehnisse, vom „Sinn in der Krise“, wie Georg Simmel sagt. In der Krise des Burgtheaters liegt eine große, nicht zu unterschätzende Chance für die heimische Kulturpolitik. Was keiner der zahlreichen Journalisten und Kommentatoren, Beamten und Funktionäre bisher zu denken wagte oder denken wollte, liegt jetzt in greifbarer Nähe: der Anlass und die konkrete Möglichkeit, ein paar grundsätzliche Fragen zum kulturpolitischen Selbstverständnis dieses Landes zu stellen. Einen längst überfälligen, kritischen Diskurs in Gang zu setzen zu jenem unhinterfragten und im Grunde verlogenen „repräsentativen Kulturalismus“, der Österreichs Kulturpolitik seit Jahrzehnten prägt: die „Kulturnation Österreich“ – jene seltsame Mischung aus Mythos und Ideologie, mit der dieser Staat nach dem Ende des Krieges und der Barbarei sein Existenzrecht moralisch rechtfertigte. Eine Art kulturelle Geisteraustreibung, die mit der feierlichen Wiedereröffnung von Burgtheater und Staatsoper am Beginn des neuen, freien Österreich steht. Und die wirkungsmächtige Ideologie jenes Kulturalismus, für die beide Institutionen symbolisch einstehen, geistert bis heute ungebrochen durch jede neue Regierungserklärung, ist unterschiedslos Argument jeder neuen Kulturpolitik.

Und der symbolischen Bedeutung entspricht die ökonomische, die in der Verteilungspolitik des Staates ihren konkreten Ausdruck findet. Von den gesamten Förderausgaben des Bundes für Kultur in der Höhe von rund 350 Millionen Euro – und wir reden hier von Kultur – beanspruchte der Bundestheaterverband zuletzt an die 160 Millionen, und es ist ein Leichtes, vorauszusagen, dass inklusive aller jetzt notwendigen Hilfs- und Sondersubventionen die Bundestheater mittelfristig etwa die Hälfte des gesamten Kulturbudgets der Republik beanspruchen werden.
Aber um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der Staat soll und muss sich spannendes, lebendiges, politisch und ästhetisch relevantes Theater auf höchstem Niveau leisten – und die schönsten, ungewöhnlichsten Anstrengungen für (auch moderne) Musik und Oper unternehmen. Das ist er allen Staatsbürgern schuldig. Und er soll und muss für viele und vieles alles geben, was ihm möglich ist. Oder „ermöglichen“, wie die Lieblingswendung des neuen Kulturministers Josef Ostermayer lautet. Aber der Staat darf auch, und das klingt schon bedeutend weniger charmant, das eine oder andere nicht ermöglichen. Oder soll manches nicht so einfach und anderes vielleicht gar nicht möglich machen.

Nach langen Jahren relativ belangloser, vor allem defensiver Kulturpolitik ist vor lauter „Rahmenbedingungen schaffen“ und „Ermöglichen“ nun Stillstand eingetreten. Ein Zustand, in dem sich jeder neue Kulturminister – ohnehin meist als Nebenbeschäftigung – schnell damit abgefunden hat, eine Art gepflegteren Kultur-Bankomaten zu spielen. Die Affäre um das Burgtheater hat dies einmal mehr überdeutlich bewiesen, dafür müssen wir allen Beteiligten dankbar sein. Auch wenn sie sich das anders vorgestellt haben.
Als man Minister Josef Ostermayer kürzlich fragte, wie er das Burgtheater retten wolle, lautete seine Antwort: „Gemeinsam mit Matthias Hartmann. Gemeinsam mit Georg Springer.“ Wie wär’s, habe ich mir überlegt, vielleicht auch ein wenig gegen Matthias Hartmann. Und einmal ohne Georg Springer.
Jetzt schlägt die Stunde einer neuen, fantasievollen und gestalterischen Kulturpolitik. Es ist Zeit, eine konkrete Agenda zu entwerfen für die kommenden Jahre, wie und wohin sich diese „Kulturnation“ entwickeln soll, im nationalen und internationalen Zusammenhang. Da ein wenig am Urheberrecht zu drehen und dort den ORF ein bisschen an seinen Kulturauftrag zu erinnern, wird zu wenig sein. Es wird darum gehen müssen, sich von den partikulären Interessen Einzelner frei zu machen, ständische Begehrlichkeiten zurückzuweisen, keinen Einflüsterern zu folgen, die Medien Medien sein zu lassen, sich von ein paar kulturellen Zwangsvorstellungen zu verabschieden und eine Handvoll neuer, mutiger und unabhängiger Beraterinnen und Berater zu wählen. Und nicht Claus Pándis Empfehlung zu folgen, die er dem neuen Minister vor ein paar Wochen in der „Kronen Zeitung“ mit auf den Weg gegeben hat: „allen zuhören und mit allen reden“. Dann schon lieber mit Shakespeares klugem Ratschlag: „Listen to many, speak to a few.“ Das wäre schon ein Anfang.