Minimalgarantie

Chantal Akerman ist eine Grenzgängerin zwischen Politparabel, Avantgarde, Spiel- und Dokumentarfilm. Die Viennale widmet ihr nun eine vierwöchige Retrospektive.

Im Garten des Hotels Quattro Fontane am Lido setzt leiser Regen ein. Die Frage, ob man vielleicht an einen wettergeschützten Ort wechseln sollte, verblüfft Chantal Akerman; an das bisschen Regen sei man wohl gewöhnt, raunt sie nur und signalisiert, dass das Interview fortzusetzen sei. Auch im Besprechen ihrer Filme gibt Akerman gern Kontra: Der ausgeprägte Widerspruchsgeist ist Ausdruck ihrer geistigen und künstlerischen Unabhängigkeit. Durchaus rau wirkt die Filmemacherin somit auf den ersten Blick, aber schon auf den zweiten verändert sich das Bild.Akerman, 66, legt keinen Wert auf Attitüde, unverblümte Mitteilungen sind ihre Art, Respekt durch Aufrichtigkeit zu erweisen, ihre oft ruppigen Umgangsformen nur eine andere Form der Herzlichkeit.

In Venedig präsentierte die quirlige Belgierin im Rahmen der Filmfestspiele vor wenigen Wochen ihre jüngste Arbeit "La folie Almayer“, ein fiebriges Drama, sehr frei improvisiert nach Joseph Conrads erstem Roman ("Almayer’s Folly“), gedreht in der drückenden Hitze des kambodschanischen Dschungels. Die Erfahrung sei dennoch "befreiend“ gewesen, meint Akerman im profil-Gespräch: Wie einer ihrer Dokumentarfilme sei diese neue Produktion entstanden. Sie habe ihren Schauspielern kaum Anweisungen gegeben, lediglich mit der Kamera einzufangen versucht, was sie taten - "wie ein Schwamm“ habe sie aufgesogen, was die Darsteller und die launische Natur atmosphärisch gerade anzubieten hatten. Das Ergebnis ist eigenartig anzusehen: ein Film, der seinen starken Hang zum Unwirklichen am ganz Realen, in den Schauplätzen, den Körpern, den Wetterstimmungen demonstriert.

Die Regisseurin selbst kann man in Wien nun besser kennen lernen: Die Viennale startet diese Woche im Österreichischen Filmmuseum eine große Akerman-Werkschau (siehe Kasten) - ab 28. Oktober wird Akerman dann auch persönlich zur Verfügung stehen, eine Reihe von Publikumsgesprächen absolvieren. Das Misstrauen gegen den Begriff der Objektivität ist den Spiel- und Dokumentarfilmen Chantal Akermans grundsätzlich eigen: Die Wahrheit stellt in diesen Arbeiten keine feste Größe dar. In ihrem filmischen Selbstporträt erklärte Akerman 1996, dass es zu ihrer Person nur zwei Fakten, zwei unverrückbare Wahrheiten, geben könne - ihren Namen und den Ort ihrer Geburt. Wer diese Künstlerin um ihre Vita bittet, bekommt die Gegenfrage gestellt: "Was soll das sein: eine Biografie? Ich kann mich nur anhand meiner Arbeit beschreiben.“

Akermans Kino wurde oft mit den Labels Feminismus und Avantgarde befrachtet, glücklich ist die Filmemacherin damit nicht. Eine radikale Filmemacherin lässt sie sich immerhin nicht ungern nennen, das finde sie "nett“, denn ehrlich: "Es gibt Schlimmeres, als so genannt zu werden - jedenfalls ist mir diese Bezeichnung lieber als, feministische’ oder, jüdische Filmemacherin‘.“ Mit ihrem manifesten Interesse am Minimalismus steht sie der Avantgarde immerhin nahe: Der kanadische Strukturalist Michael Snow gehörte zu ihren frühen Einflüssen, für das Begleitprogramm zu ihrer Wiener Schau wählte Akerman auch Snows 190-minütiges Natur-Maschinen-Meisterwerk "La région centrale“ (1970/71) aus, in dem eine in alle Blickrichtungen bewegliche, automatisch gesteuerte Kamera die menschenleere Landschaft, in die sie gebaut wurde, auslotet. "Einen solchen Film hatte ich noch nicht gesehen: Ich war 1971 gerade erst nach New York gekommen und kannte nur Filme, die Geschichten erzählten. Und plötzlich war da ein Werk wie dieses! Da erkannte ich, dass ich bereit war für die Erweiterung meines Kinobegriffs.“ Es sei aber letztlich nicht das Wissenschaftliche an Snows Filmen, das sie so fasziniere, sondern die Verweigerung der Erzählung.

"Nothing Happens“ heißt ein Buch, das 1996 Akermans Hyperrealismus akribisch ausleuchtete - und eben um die Provokation des fehlenden Story-Spektakels im Kino der Belgierin kreiste. Aber genau besehen geschieht in Akermans Filmen natürlich nicht nichts, sondern sogar viel mehr als in konventionellen Autorenfilmen: In dem bis heute wohl bekanntesten Werk der Regisseurin, das den sachlichen Titel "Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce, 1080 Bruxelles“ trägt, zeichnete Akerman 1975, erst 25-jährig, den psychischen Schwelbrand einer an der quälenden Monotonie ihres Alltags verglühenden Hausfrau, Witwe und Mutter nach, souverän dargestellt von Delphine Seyrig. Wie Michael Haneke erforscht auch Akerman die destruktiven (und hypnotischen) Wirkungen des Seriellen, der immergleichen täglichen Handgriffe, jener unwandelbaren Routine, die man, wenn man Pech hat, sein Leben nennen muss. Als politisch bezeichnet sie ihr Kino wohl, aber mit Einschränkungen: All ihre Dokumentarfilme seien politisch, bei ihren Spielfilmen nur manche. Inzwischen lebt die Belgierin in Harlem, dem einzigen Stadtteil in New York City, der "noch nicht vollständig gentrifiziert worden“ und "nicht nur für reiche Leute“ reserviert sei.

Das Wirken des Wahns, das "La folie Almayer“ prägt, ist ein Fixpunkt in Akermans Schaffen geblieben. Vor elf Jahren schon hatte sie sich an eine große Literaturverfilmung gewagt, an die Marcel-Proust-Adaption "La captive“. Sie nennt jenen Film "eine Implosion“, der sie mit ihrem aktuellen Zugriff auf Joseph Conrad nun "eine Art Explosion“ gegenüberstellen wollte - das Leiden an der Einsamkeit eines in der südostasiatischen Wildnis lebenden Europäers (Stanislas Merhar), der die Abwesenheit seiner sehr autonomen Tochter (Aurora Marion) nicht verkraften kann. Sie finde sich übrigens in beiden Figuren wieder, gesteht Akerman: "Ich habe die Resignation dieses Mannes und die Energie des Mädchens. Ich bin manisch-depressiv, das ist meine Krankheit. Also kann ich beide bestens verstehen.“ Ihre Psychotherapie habe einen gewissen Einfluss auf ihre Kunst - das Unbewusste scheint in dem Unternehmen "La folie Almayer“, einem "mentalen Film“, wie die Regisseurin feststellt, jedenfalls eine gewisse Rolle zu spielen. Es ist kaum nötig zu betonen, dass Akerman ihre literarische Vorlage dabei substanziell verwandelte: "Bei Conrad geht es praktisch nur um Männer. Frauenfiguren sind bei ihm so gut wie nicht präsent. Also erfand ich eine Reihe von Szenen, die dem Mädchen Kontur verliehen.“ Tatsächlich mutet die Erzählperspektive in "La folie Almayer“ nun sogar entschieden weiblich an: eine Frauenreise ins Herz der Finsternis.

So ist Chantal Akerman von Zorn und Wahnwitz zur Trauer gekommen. Der Ausgangspunkt ihrer Karriere liegt weit zurück, aber er ist ihr persönlich nahe: Der anarchische Kurzfilm "Saute ma ville“ (1968), in dem die 18-jährige Chantal Akerman, Tochter einer Holocaust-Überlebenden, erst slapstickhaft eine Wohnung verwüstete, um sich anschließend mit ihrem Gasherd in die Luft zu jagen, sei "in seiner Vernichtungslust natürlich total politisch“ gewesen.

Komödien seien ihre eigentliche Leidenschaft, erklärt sie, schon deshalb, weil ihr die beiden abendfüllenden Lustspiele, die sie bislang gedreht hat - die Juliette-Binoche-Comedy "Eine Couch in New York“ (1996) und "Demain on déménage“ (mit Sylvie Testud, 2004) -, so gründlich misslangen. Sie hätte selbst die Hauptrollen übernehmen sollen, mutmaßt sie heute, denn in Wahrheit sei sie ja ein Clown, leider missverstehe alle Welt sie nur als Apotheose der Schwermut: "Ich bin Charlie Chaplin“, sagt sie noch, so selbstverständlich, als müsste das doch jeder sehen und wissen.

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Akermans Utopia: die Retrospektive

Das Kino der Chantal Akerman hat viele Richtungen und Motive: die Gäste und Korridore, die im New Yorker "Hotel Monterey“ (1972) dokumentiert werden, die Stadtspaziergänge zweier freier Liebender in "Nuit et jour“ (1991), die Menschen und Lebenswelten Osteuropas ("D‘Est“, 1993). Im Filmmuseum stellt die Viennale nun 28 der 46 langen und kurzen TV- und Kinoarbeiten, die Akerman seit 1968 gedreht hat, 14 Lieblingsfilmen der Regisseurin gegenüber - mit dabei: Wong Kar-wais Schwulenromanze "Happy Together“ (1997), F. W. Murnaus doku-fiktives Südsee-Melodram "Tabu“ (1931), "Moses und Aron“ (1975) von Straub/Huillet, Gus Van Sants viel zu wenig gewürdigte Kurt-Cobain-Hommage "Last Days“ (2005) und Godards "Pierrot le fou“ (1965), der Akerman einst fürs Kino entflammt hat.

Webtipp:
Chantal Akerman. Werkschau und Carte blanche. Im Österreichischen Filmmuseum, 6.10.-3.11.