Illustration einer Frau in feministischer Kampfpose auf Chefinnen-Sessel
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Chefinnen, Branchenführerinnen, Pionierinnen. Sechs Frauen, die wichtig sind – und wie sie es wurden.

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Die profil-Redaktion würdigt sechs Frauen, die in Österreich – und darüber hinaus – wichtig sind, die Macht haben, Einfluss und soziales Gewicht. Sechs Frauen, die in ihren Branchen Bemerkenswertes leisten, die auch Pionierinnen sind. Sechs Frauen, von denen man etwas lernen kann.

Florentina Holzinger
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Haken unter die Haut

Florentina Holzinger hat mit ihrem Schmerz- und Körpertheater etwas zuwege gebracht, das Gegenwartskunst sonst kaum noch leistet: Sie hat etwas völlig Neues, Ureigenes entworfen. Demnächst wird sie Venedigs Kunstbiennale verstören.

Die Nachricht, dass Florentina Holzinger ab sofort von dem Salzburger Stargaleristen Thaddaeus Ropac vertreten wird, sorgte unlängst für eine gewisse Verblüffung. Nicht weil die Künstlerin es nicht verdienen würde, zu den großen Visionärinnen dieses Landes gezählt zu werden, sondern weil sie schlicht bislang keine Objekte produziert hat, die man in Museumsräumen ausstellen oder in Galerien verkaufen könnte. Holzinger ist vielmehr für ihre theatralen, radikal physischen Arbeiten bekannt, für tabusprengende Performances, die zwischen Tanz, Oper, Akrobatik, Aktionskunst, Horrorshow, Comedy und Revue oszillieren.

Andererseits wird Holzinger ab Anfang Mai den Österreich-Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig bespielen, und man darf vermuten: medienwirksam. Sie ist dieser Tage intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Art von Performance man in das für ihre Verhältnisse beschränkte Raumangebot des Hoffmann-Pavillons setzen und wie man damit über Monate Programm machen kann.

Ihre multidisziplinäre Arbeit beschreibt Florentina Holzinger als „Surfing zwischen den Genres“. Sie wolle die Menschen an „ambivalente Orte“ führen: also Theater machen, das sich über die traditionellen Grenzen des Mediums hinwegsetzt, Opern inszenieren, die über den klassischen Opernrahmen hinausdenken, Choreografien entwerfen, die als „Tanz“ nicht unmittelbar erkennbar sind.

Das Körperliche ist Holzingers zentrales Material, sie setzt Menschenleiber mit oft überdimensionalen Objekten in ungeahnte Verbindung, und sie unterzieht ihr Ensemble dabei Belastungsproben, die aus dem Zuschauerraum oft schwerer zu ertragen sind, als sie darzustellen sein mögen. Mit erstaunlicher Leichtigkeit treiben Holzinger und ihre Darstellerinnen sich nämlich Haken unter die Haut, an denen sie sich dem Schnürboden entgegenziehen lassen; sie ritzen sich und schneiden ins eigene Fleisch, was die Bühnenkameras gerne in Nahaufnahme festhalten. Regelmäßig kippen Leute im Publikum um, auch kreislauftechnisch überfordert von dem, was auf der Bühne geboten wird. Dabei ist es oft – und gar nicht erst in zweiter Linie – richtig lustig, was dort stattfindet.

Die (primär weibliche) Nacktheit in Holzingers Bühnenspektakeln ist nicht voyeuristisch, sondern als Selbstermächtigung gesetzt; eben auf die Umkehrung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse zielt Holzinger. Es geht ihr darum, Schmerz, Ekel und Scham kontrollieren zu lernen und als kulturelle Konstruktionen sichtbar zu machen.

Weibliche Körper sind, als Schlachtfelder, per se politisch. Wer mit ihnen „riskant“ arbeiten will, ist gut beraten, sich akribisch auf alle – auch ethischen – Details der technischen und choreografischen Abwicklung vorzubereiten: keine Subversion ohne Disziplin, keine Transgression ohne Präzision. Tatsächlich ist Holzinger eine Meisterin der minutiös regulierten Abläufe. In Amsterdam studierte sie einst Choreografie, in Kurdwin Ayubs Film „Mond“ (2024) spielte sie eine Kampfsportlerin, die in Jordanien reiche Töchter trainieren soll. Vor wenigen Wochen wurde sie 40.

In Venedig habe sie „schon vor“, sagte sie unlängst in einer „Zeit“-Reportage, „den Pavillon auf eine Weise … zu penetrieren“. Ihre Arbeit wolle sie „Seaview world“ nennen, und Triggerwarnungen werde es wohl brauchen. Im Zirkus der Florentina Holzinger spielt das Orchester der Grenzüberschreitungen seine schrillsten Töne.  Stefan Grissemann

Beate Meinl-Reisinger
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Die Frontfrau

Außenministerin, Neos-Chefin, dreifache Mutter: Beate Meinl-Reisinger ist die Antithese zum angeblich fehlenden Zug zur Macht, der Frauen nachgesagt wird. Das weckt auch Kritiker.

Rund um den Frauentag werden wieder die Gründe diskutiert, warum Frauen in Spitzenpositionen deutlich unterrepräsentiert sind. Immer wieder genannt: der im Vergleich zu Männern geringere Zug an die Spitze. Beate Meinl-Reisinger war schon immer ein krasses Gegenbeispiel. Als Neos-Spitzenkandidatin im Wien-Wahlkampf 2015 kam ihr der Satz „Ich will Bürgermeisterin werden“ ganz selbstverständlich über die Lippen. Als Parteigründer Matthias Strolz die Parteiführung 2018 zurücklegte, hatte sich Meinl-Reisinger längst als logische Nachfolgerin in Stellung gebracht. Mittlerweile führt sie die Partei länger an als ihr Vorgänger. Und seit einem Jahr ist sie Außenministerin der Republik.
Neben diesen beiden Funktionen ist sie dreifache Mutter. Den Nationalratswahlkampf 2017 bestritt sie hochschwanger, ihre dritte Tochter kam kurz vor der Wahl zur Welt.

Meinl-Reisinger, die im April 48 Jahre alt wird, ist zweifelsfrei eine Powerfrau in der heimischen Innenpolitik. Und sie polarisiert. Als Außenministerin bereiste sie die Ukraine bereits vier Mal, um dem Land die unverrückbare Unterstützung zu demonstrieren. Ihre betont proeuropäische und antirussische Haltung im Krieg machte sie zum größten Regierungsfeindbild der FPÖ. Die Partei stellt Meinl-Reisinger als Speerspitze für die Abschaffung der Neutralität dar. Bei seiner Aschermittwochsrede schimpfte Parteichef Herbert Kickl über „Nato-Beate“ und schoss den misogynen Sager nach, „die Ukraine sollte sie als Sachspende übernehmen“.

Im Wahlkampf forderten die Neos eine eigene EU-Armee und ein Ende der Einstimmigkeit im Europäischen Rat. Die klare Linie kommt bei den eigenen Wählern offenbar an. Von den drei Regierungsparteien konnten sich nur die Neos in Umfragen auf dem Ergebnis der Nationalratswahl 2024 (in ihrem Fall neun Prozent) halten.

Wer polarisiert, kommt vor. Das ist für eine kleinere Partei wie die Neos ein Wert an sich. „Sie hat ein großes Sendungs- und Darstellungsbewusstsein“, sagt ein ehemaliger Mitstreiter über sie. Entsprechend wohl fühlt sie sich auf dem internationalen Parkett. Davon zeugen nicht zuletzt ihre häufigen Postings auf Instagram.

Doch Meinl-Reisinger ist nicht nur Ministerin, sondern auch Chefin einer Partei, der eine unklare Zukunft bevorsteht. Im Bund haben die Pinken ihr Gründungsversprechen eingelöst: Mitregieren und Bildung forcieren. Sie stellen mit Christoph Wiederkehr den Bildungsminister. In Wien regieren sie zum zweiten Mal in Folge mit der SPÖ. Die Achillesferse sind die Bundesländer. Mit Ausnahme von Vorarlberg schwächelt die Partei am Land oder rangiert unter ferner liefen. Und auch in den Städten blieben die urbanen Neos teilweise stark unter den Erwartungen. Anfang Jänner rutschte die Partei bei der Gemeinderatswahl in St. Pölten unter drei Prozent. Legen die Neos bei der Graz-Wahl im Juni nicht deutlich zu (ausgehend von 5,4 Prozent 2021) und fliegt die Partei bei der Landtagswahl in Oberösterreich 2028 aus dem Landtag (2023: 4,2 Prozent), wird es wohl ungemütlich für Meinl-Reisinger. Das würde ihre Kritiker stärken, die ihr vorwerfen, sich zu viel um die große Welt und zu wenig um den pinken Mikrokosmos zu kümmern.

Machtpolitik hat Meinl-Reisinger gelernt. Sie war fast ihr gesamtes Berufsleben lang in der Politik, ihre (meist männlichen) Kritiker hielt sie bisher in Schach. So wollte Parteigründer Strolz Bildungsminister werden und holte sich bei der Parteichefin eine Abfuhr. Statt eine Revolte anzuzetteln, legte er seine Parteimitgliedschaft zurück. Querkopf Sepp Schellhorn siedelte Meinl-Reisinger als Deregulierungs-Staatssekretär im Außenministerium an. Die Logik dahinter: So hat sie ihn im Auge. Weitere Kritiker, denen Meinl-Reisinger in der Wirtschaftspolitik zu links oder der Migrationspolitik zu rechts ist, schieden aus oder traten im Nationalrat leiser. Stattdessen förderte sie Politiker wie Yannick Shetty, der als Klubobmann zum zentralen Player in der Partei wurde.

Wer sind die Neos? Das wissen viele Bürger 14 Jahre nach Gründung noch immer nicht so genau. Wer die Partei anführt, ist hingegen klar. Dafür sorgt die Frontfrau. Clemens Neuhold

Eva-Maria Holzleitner
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Die verkühlte Feministin

Sozialdemokratische Frauenministerinnen wie Eva-Maria Holzleitner haben in den vergangenen Jahrzehnten vieles erkämpft – außer Gleichberechtigung in der eigenen Partei.

Es war eine zwar selbstverständliche, aus ihrer Sicht aber notwendige Klarstellung, als Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner, SPÖ, eine Pressekonferenz zum Frauentag 2025 mit den Worten eröffnete: „Ja, ich bin Feministin.“ Das Bekenntnis der heute 32-Jährigen war als Distanzierung von ihrer Vorgängerin Susanne Raab (ÖVP) zu verstehen, die sich – wie viele konservative Politikerinnen – mit dem F-Wort nicht identifizieren wollte. 

In der Sozialdemokratie verhält es sich andersrum. Wer keine Feministin sein will, kann auch nicht Frauenministerin werden. Eva-Maria Holzleitner hat dieses Amt seit dem 2. April 2025 inne, als sie von Bundespräsident Alexander Van der Bellen als Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung angelobt wurde. Die Reihenfolge ihrer Zuständigkeiten in der Ministeriumsbezeichnung ist wohl kein Zufall, sondern Programm. 
„Wissenschaft und Forschung“ ist Sachpolitik. Politische Meinungsverschiedenheiten betreffen meist die Verteilung der begrenzten Mittel. „Frauen“ ist ein gesellschaftspolitisches Thema und deutlich kontroversieller, wie schon die unterschiedlichen Zugänge zum F-Wort zeigen; oder der Streit um Frauenquoten und Frauen in Teilzeitarbeit; oder die prinzipielle Frage, ob die Politik Zwang ausüben soll, wenn es um die private Lebensgestaltung der Bürgerinnen und Bürger geht. So wird in Skandinavien das Kinderbetreuungsgeld gekürzt, wenn der Vater nicht in Elternkarenz geht. Das könnte sich Holzleitner auch für Österreich vorstellen: „Wenn man mit Anreizen nicht weiterkommt, muss man irgendwann Sanktionen bemühen.“

Ihre Vorhaben in dieser Legislaturperiode nennt Holzleitner „ambitioniert“. Sie will den Gewaltschutz für Frauen ausbauen, etwa durch den von der Regierung bereits beschlossenen Nationalen Aktionsplan gegen Männergewalt. Die Streichung der Umsatzsteuer auf Damen-Hygieneartikel und Verhütungsmittel kam mit Anfang 2026. Dazu fordert Holzleitner mehr Lohntransparenz in der Wirtschaft zur Bekämpfung des Gender Pay Gaps. Abtreibung soll nach Holzleitners Vorstellung in Zukunft als Teil der öffentlichen Gesundheitsversorgung gelten, der Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden. Beides ist im Regierungsprogramm allerdings ebenso wenig vorgesehen wie der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab dem ersten Lebensjahr, den Holzleitner als Oppositionsabgeordnete vehement forderte. Auch rote Frauenpolitik ist nur die Kunst des Möglichen und nicht des Wünschenswerten.

Für eine Politikerin, so Holzleitner gegenüber profil, sei „Sexismus ein alltäglicher Begleiter. Von Zwischenrufen bei Plenarreden bis zu Kommentaren unter Social-Media-Videos. Diese Hass-Kommentare sind nicht weniger als der Versuch, Frauen systematisch zum Schweigen zu bringen und ihrer politischen Handlungsmacht zu berauben.“ Diskriminierung und Sexismus hat sie schon früh im eigenen Umfeld erfahren. Im Gymnasium ihrer Heimatstadt Wels protestierte sie gegen einen Professor, der kurze Röcke der Schülerinnen kommentierte. Über die Schülervertretung fand sie zur SPÖ, wo sie anfangs ebenfalls auf männliche Skepsis traf. In Linz studierte sie Sozialwirtschaft, arbeitete danach an der Fachhochschule Hagenberg und stieg in der oberösterreichischen SPÖ-Hierarchie auf. Schon 2017, mit 24 Jahren, zog sie in den Nationalrat ein. 2021 wurde sie Bundesfrauenvorsitzende der SPÖ und stellvertretende Bundesparteivorsitzende. Damals führte Pamela Rendi-Wagner die Partei. Deren Demontage kann als innerparteiliches frauenfeindliches Mobbing interpretiert werden. Im Machtkampf zwischen dem Lager von Andreas Babler und Landeshauptmann Hans Peter Doskozil versuchte die als pragmatisch bekannte Holzleitner zu vermitteln. Die jüngsten Spannungen um Babler und den früheren SPÖ-Vorsitzenden Christian Kern bezeichnete sie als „nervig wie meine Verkühlung“. Sie selbst gilt längst als Zukunftshoffnung für den Parteivorsitz.

Bei der Gleichberechtigung gäbe es noch immer „großen Aufholbedarf“, sagte Holzleitner bei ihrem Amtsantritt vor einem Jahr. Das gilt auch für ihre eigene Partei. Die Vorsitzenden aller neun SPÖ-Landesparteien sind Männer. Der Frauenanteil im SPÖ-Nationalratsklub sank jüngst auf unter 40 Prozent. Holzleitner: „Da kann ich als Frauenvorsitzende natürlich nicht zufrieden sein, wenn gesamthaft in unserer Partei der Frauenanteil abnimmt.“ Möglichkeiten, die SPÖ-interne Chancengerechtigkeit zwischen Frauen und Männern herzustellen, hätte sie in naher oder ferner Zukunft als Parteivorsitzende – und Feministin. Gernot Bauer

Elly Tanaka
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Im Zeichen des Salamanders

Seit zwei Jahren leitet Elly Tanaka eines der wichtigsten Forschungszentren Österreichs und verfolgt dabei kein kleines Ziel: den Beginn einer neuen Ära der Medizin, inspiriert von Zaubertricks der Natur.

Eine böse Gehirnverletzung? Kein Problem. Ein fehlendes Bein, abgebissen von einem aggressiven Artgenossen? Nicht der Rede wert, lässt sich reparieren. Zumindest einem Axolotl gelingt dieser Trick. Dieser mexikanische Salamander ist von der Evolution mit der Gabe der Geweberegeneration bevorteilt worden: Abgetrennte Gliedmaßen wachsen nach, ebenso Teile des Herzens, des Gehirns oder ganze Unterkiefer. Wie funktioniert das? Und könnten auch Menschen vom Axolotl-Prinzip profitieren, sofern die biologischen Mechanismen umfassend verstanden sind?

Fragen wie diese treiben Elly Tanaka an, zuvorderst aus purer Neugier. Doch gerade Erkenntnisse, die reiner Neugier entspringen, münden oft in bedeutende Fortschritte, meint die Biochemikerin. Diese Haltung führte die 1965 in Boston, USA, geborene Tochter japanischer Immigranten von einer Forschungsstätte zur nächsten, inzwischen um die halbe Welt: University of California in San Francisco, University College London, Max Planck Institute of Molecular Cell Biology Dresden, Institut für molekulare Pathologie Wien.

Seit genau zwei Jahren ist Tanaka wissenschaftliche Direktorin eines der wichtigsten Biotech-Zentren Europas: des Instituts für molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (IMBA), einem 13 Gruppen zählenden Forschungscluster am Vienna Biocenter. Hier arbeiten Forschende aus Genetik, Neurowissenschaft und Biotechnologie an der Medizin der Zukunft, indem sie versuchen, tief in den Quellcode des Lebens vorzudringen und das dabei gewonnene Wissen in den Kampf gegen gravierende Krankheiten zu lenken, ob Krebs, genetische oder neurodegenerative Leiden – mit Techniken wie der Genschere CRSPR/Cas9, Stammzellentwicklung oder Organoiden, also im Labor gezüchteten Miniaturorganen.

Elly Tanaka ist die erste Frau an der Spitze dieses internationalen Spitzenforschungszentrums, nach dem Gründungsdirektor Josef Penninger und dem Organoidpionier Jürgen Knoblich. Und sie ist, zum Glück, kein Einzelfall mehr in Österreichs Forschungslandschaft. Um zwei weitere Beispiele zu nennen: Seit Herbst des Vorjahres steht die aus Italien stammende Mikrobiom-Expertin Maria Rescigno dem CeMM Forschungszentrum für molekulare Medizin vor, ebenfalls zur Akademie der Wissenschaft gehörig; und die Chemikerin Elvira Welzig fungiert als Geschäftsführerin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft.

Tanaka stellt sich gleich mehreren Aufgaben gleichzeitig: erstens der Institutsleitung, zweitens der Forschung, der sie sich auch als IMBA-Chefin mit ungebrochener Intensität widmet. Regelmäßig publiziert sie mit Kollegen Erkenntnisse aus ihrer Arbeit in wichtigen Fachjournalen, und viele davon entspringen Studien in der hauseigenen Axolotl-Kolonie, mit 3000 Tieren die größte der Welt. Es sind faszinierende Einsichten in die Raffinesse der Evolution, über die Tanaka heute berichten kann: wie in den Salamandern ein Programm startet, das die Entwicklung gleichsam rückwärts laufen lässt; zurück zu embryonalen Zellen, die nach verblüffend rascher Wundheilung infolge einer Verletzung frisches Gewebe sprießen lassen, für Knochen, Bänder und Muskeln.

Könnte man dies auch nur in Ansätzen auf den Menschen übertragen, wäre es nicht weniger als der Beginn einer neuen Ära der Medizin, sagt Tanaka: Massive Hautverletzungen von Brandopfern könnten vielleicht geheilt und altersbedingte Erkrankungen, etwa solche der Augen, gebremst werden. Es gelte, jene molekularen Schalter aufzuspüren, die diese wundersamen Regenerationsprogramme im Axolotl in Gang setzen.

Tanaka nimmt aber noch einen dritten Job wahr: die öffentliche Vermittlung ihrer Forschung, sei es in Vorträgen oder an Schulen. Gerade in Österreich sitzt die Abneigung vor der Gentechnik tief. Um Ängste abzubauen, helfen am besten Beispiele: etwa das eines italienischen Buben mit einer schweren erblichen Hautkrankheit, dessen Leben durch genetisch gezüchtetes Hautgewebe gerettet wurde. Solche Geschichten würden den Sinn und das Potenzial genetischer Forschung illustrieren, sagt Tanaka. Alwin Schönberger

SABINE HERLITSCHKA
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Die Halb-Leiterin

Sabine Herlitschka ist Infineon-Chefin und verantwortet Österreichs wichtigstes Halbleiter-Werk. Eine Frau im Porträt, die täglich ins Eiswasser steigt – buchstäblich.

Es ist Februar, und der Millstätter See hat 3,5 Grad, als Sabine Herlitschka ins Wasser steigt. Sie wird gleich einen Wettbewerb im 100-Meter-Eisschwimmen bestreiten. Die Chefin von Infineon Österreich ist Eisschwimmerin. Wenn sie in Villach ist, dem Österreich-Headquarter des Chip-Konzerns, geht sie jeden Tag ins Wasser, bei jedem Wetter. „Ich brauche das einfach für mein Wohlbefinden“, sagt sie. 

Herlitschka ist seit 2014 Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG, einer Tochter der deutschen Infineon Technologie AG. Außerdem ist sie Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung und Aufsichtsrätin der ÖBAG. Sie ist eine der mächtigsten Industriemanagerinnen des Landes. Dabei waren Mikrochips zuerst gar nicht ihr Lebensplan. 

Herlitschka kommt aus der Wissenschaft, genauer: aus der Biotech-Forschung. Sie war im Hochschulmanagement tätig und für Forschungskooperationen zuständig, etwa bei der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG). Sie leitete dort den Bereich „Europäische und internationale Programme“. Zu dieser Zeit knüpfte sie auch Kontakte zu Infineon. 2011 zog sie schließlich in den Vorstand ein, seit 2014 ist sie Vorstandsvorsitzende. 

2021 eröffnete Infineon in Villach eine Hightech-Chipfabrik, die Hochleistungsmikrochips herstellt, sogenannte 300-Millimeter-Dünnwafer. 1,6 Milliarden Euro an Investitionen und Subventionen sind in den Standort geflossen. Unter Herlitschka soll in Villach die europäische Autonomie bei Mikrochips gestärkt werden. Aber trotz des globalen Hungers an Halbleitern lief das vergangene Geschäftsjahr nicht so gut. Das Unternehmen erwirtschaftete einen Verlust von 48 Millionen Euro. Jetzt muss Infineon sparen, auch in Österreich. Hier sollen bis 2027 rund 380 Stellen abgebaut werden, ohne Kündigungen, wie Herlitschka betont.

Hochleistung zieht sich wie ein roter Faden durch Herlitschkas Leben – die Mikrochips, die Infineon in Kärnten herstellt, sind hocheffiziente Energiespar-Chips. „Wir müssen am Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben“, rechtfertigt sie das geplante Sparprogramm, das den gesamten Konzern betrifft, nicht nur Österreich. „Wenn die Lohnkosten so stark wie zuletzt steigen, müssen wir die Produktivität steigern und überlegen, welche Stellen vor dem Hintergrund der Digitalisierung zum Beispiel noch darstellbar sind, und welche nicht.“ Anderswo würden dafür neue geschaffen. Infineon sucht jetzt zum Beispiel Robotertrainer. Trotz Spardrucks kaufte Infineon zuletzt einen Teilbereich des Sensorgeschäfts von ams-Osram um 570 Millionen Euro. 70 Mitarbeiter aus der Forschung und Entwicklung werden künftig am Standort in Graz für Infineon arbeiten. Zukäufe trotz Sparprogramm und Stellenabbau? „Wenn Sie so wollen, ist das Strukturwandel in Echtzeit“, sagt Herlitschka. Man lässt los, was man nicht mehr braucht, und investiert in jene Bereiche, von denen man sich eine gute Zukunftsrendite erhofft. 

Herlitschka ist heute nicht die einzige Industriemanagerin des Landes, aber nach wie vor eine weibliche Ausnahme in den heimischen Vorstandsetagen. Wie gewichtig ihre Rolle in der europäischen Industrielandschaft ist, offenbart auch ein Überwachungsskandal, über den profil 2018 berichtete. Damals wurde bekannt, dass der deutsche Nachrichtendienst BND ab 2002 ihre E-Mails überwacht hatte – neben einer Reihe anderer heimischer Industrieller und Vertreter öffentlicher Institutionen. 

Herlitschka findet sich regelmäßig in den Rankings der einflussreichsten Frauen Österreichs wieder und nutzt die öffentliche Bühne immer wieder für Frauenförderung. Zuletzt war sie Mitinitiatorin des „Frauenförderpreises für Digitalisierung und Innovation“. Zum 8. März sagt sie: „Ich glaube ganz fest daran, dass man sein Schicksal selbst in der Hand hat. Man darf sich niemals in die Opferrolle drängen lassen.“ Und man sollte stets einen kühlen Kopf bewahren. Was im 3,5 Grad kalten Wasser zugegeben leichter fällt.  Marina Delcheva

Edith Hlawati
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Die 30-Milliarden-Euro-Lady

Nach der Skandal-Ära Thomas Schmid brachte Edith Hlawati als Vorständin die ÖBAG wieder auf Kurs. Ein zentrales Geheimnis ihres Erfolgs: Die mächtige Managerin gilt heute als unsteuerbar – ganz zum Unmut einiger Eigentümervertreter.

Jeder Mensch hat guilty pleasures, auch die ÖBAG-Vorständin. Edith Hlawatis erster Kaffee des Tages ist fast immer ein großer Starbucks-Latte. Nicht unbedingt billig. „Nur, dass da keine Missverständnisse entstehen, den zahle ich immer selbst“, sagt sie, als ihre Assistentin den großen Becher Kaffee mit dem grünen Logo in ihr Büro bringt. An der Wand hinter ihrem Schreibtisch hängt ein Gemälde, das Udo Jürgens’ Bruder gemalt hat: Manfred Bockelmann. Gleich darunter ihre berufliche Leistungsschau in Form von Büsten und Auszeichnungen – 35 Privatisierungen und Transaktionen hat sie für die Staatsholding begleitet.

Edith Hlawati, 68, wurde am 1. Februar 2022 zur Alleinvorständin der Österreichischen Beteiligungs AG gewählt. Sie folgte Thomas Schmid nach, dessen Handy samt höchst brisanter Chats ihn und die gesamte Regierung in eine tiefe Krise stürzte und einen Bundeskanzler zum Rücktritt zwang. Eigentlich wollte Hlawati den Job in der damaligen Situation nicht machen und hat zweimal abgelehnt. Wer ist schon gern die Trümmerfrau? Und mit Ex-Siemens-Manager Wolfgang Hesoun gab es ja auch einen Kandidaten, der unbedingt wollte. Aber dann wurde es doch Hlawati, die als ÖVP-nah galt und deren Karriere als Anwältin schon mehr als 30 Jahre lang um die Staatsholding gekreist war – egal ob diese ÖIAG, ÖBIB oder ÖBAG hieß. Heute verwaltet sie für den Bund ein Beteiligungsportfolio, das mit 30 Milliarden Euro bewertet ist. Damit gehört Hlawati zu den einflussreichsten Managerinnen Österreichs.

Die erste Privatisierung für die Staatsholding betreute Hlawati unter dem damaligen SPÖ-Bundeskanzler Franz Vranitzky. Das war 1992. Die Voest-Alpine-Eisenbahnsysteme wurden an die Börse gebracht. Die öffentlich umstrittensten Privatisierungen folgten in der Ära Schüssel Anfang der Nullerjahre: Telekom, Austrian Airlines. „Als wir 2014 den Syndikatsvertrag zwischen Telekom Austria und America Movil verhandelt haben, habe ich Ostern in Mexico City verbracht, eine Woche buchstäblich einkaserniert im 20. Stock des Headquarters. Wir kamen nur zum Schlafen raus und haben am nächsten Morgen weiterverhandelt, bis weißer Rauch aufstieg“, erzählt sie.  America Movil sollte 28 Prozent der teilstaatlichen A1 übernehmen. Der öffentliche Unmut kam auf, weil die Telekom Durchgriffsrechte abgeben musste. Andererseits brauchte die Telekom damals dringend das Geld aus Mexiko. Der Syndikatsvertrag wurde 2023 bis 2033 verlängert, und Hlawati war nicht mehr die Anwältin, sondern die Chefverhandlerin der ÖBAG.
Im Vorjahr wanderte die Staatsholding vom Finanzministerium in das von Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) geführte Wirtschaftsministerium. Der Minister hat mit den Staatsbeteiligungen Großes vor – „gestalten statt verwalten“, wie er betont. Nur dass Zurufe aus der Politik bei der ÖBAG gerade nicht so gern gehört werden. Nicht nach der Ära Thomas Schmid. „Es ist für uns ein Grundprinzip, nicht auf Zuruf zu agieren. Entscheidungen in einer Staatsholding sind auf Dekaden angelegt, nicht auf Legislaturperioden“, meint Hlawati. „In den vier Jahren, seit ich hier Vorständin bin, hatte ich vier Kanzler.“ Außerdem gebe das ÖBAG-Gesetz schlicht nicht so viel Gestaltungsspielraum her, etwa wenn es darum geht, wirtschaftlich strauchelnde Unternehmen aufzufangen.

Der Vorwurf, dass sie viel verwaltet und zu wenig gestaltet, ärgert Hlawati. Dann zückt sie ihre Best-of-Liste der vergangenen Jahre: die Abspaltung der Funktürme der A1 und deren Börsengang als EuroTeleSites AG; die Fusion der OMV-Tochter Borealis mit Borouge aus Abu Dhabi – mit einer Marktkapitalisierung von 40 Milliarden Euro ist Borouge International das größte Unternehmen Österreichs; 1,4 Milliarden Euro Dividende samt Sonderdividende für 2025 für das Bundesbudget; außerdem wurden 100 Aufsichtsräte und 20 Vorstände in den Beteiligungen neu besetzt.

Bis 2027 bleibt Hlawati Alleinvorständin, dann läuft ihr Vertrag aus. Wer ihr nachfolgt – und wie viele –, ist noch offen. Dem Vernehmen nach wünscht sich die SPÖ einen zweiten ÖBAG-Vorstand, nachdem die ÖVP den aktuellen bestellen durfte.

Der Starbucks-Becher ist fast leer. Bis morgen gibt es nur Bürokaffee. Marina Delcheva