Bunzl
Ich liebe Opern. Und in Wahrheit sollte so ein Song wie eine Mini-Oper angelegt sein. Das passt als Format sehr gut zu unserer Zeit, in der alles rasend schnell sein muss. Nur so kann die emotionale Reise auch angetreten werden.
Was war für Sie retrospektiv das gelungenste Beispiel?
Bunzl
In jedem Fall Conchita. Sie war das größte Beispiel dafür, wie man es schafft, innerhalb kürzester Zeit ein eigenes Universum zu erzeugen. Mein Mann, der damals schon beim Finale in Kopenhagen in der ersten Reihe gestanden ist, erzählte mir, dass er nach nur wenigen Takten überzeugt war: Sie wird das gewinnen. Weil das ganze Package fantastisch war: der Look, das Outfit, das Drama, die Aura und natürlich diese fantastische Stimme. Das war Camp in seiner besten Form.
Können Sie uns das Phänomen Camp erklären?
Bunzl
Es gibt dazu einen tollen Essay von Susan Sontag. Ich würde das Phänomen so definieren: Es ist eine Over-the-top-Ästhetik, zu der man sich einerseits total bekennt, aber dennoch eine ironische Distanz schafft. Die Leute, die das zu ernst nehmen, die liegen wirklich falsch.
Der diesjährige österreichische Protagonist Cosmó, den ein Kollege als „Kiss, aber von Temu zugestellt“ beschrieben hat, hat eher wenig von diesem Camp-Faktor. Eine kontraproduktive Entscheidung?
Bunzl
Es ist eine sehr clevere Nummer, die auch den Zeitgeist trifft. Obwohl er ja bei den Wettquoten weit unten liegt, was ich schade finde. Es ist eine High-Energy-Tanznummer, die eine kluge Message hat. Es geht um Außenseitertum, Diskriminierung, dieses Gefühl, nicht dazuzugehören. Was ja nicht nur in der Clubwelt passiert, die für junge Menschen so bedeutend ist, sondern überall. Die Lösung mit dem Tanzschein halte ich für sehr witzig.
Finnland gilt in den Wettbüros aktuell als großer Favorit. Haben Sie einen Gewinner-Geheimtipp?
Bunzl
Also Finnland mit Linda Lampenius und Pete Parkkonen. Das Video aus dem finnischen Vorentscheid ist jedenfalls wunderbar, natürlich over the top, Camp pur. Mein Favorit ist jedoch Satoshi mit „Viva, Moldova!“. Das ist hohe Energie, Hip-Hop, gepaart mit osteuropäischer Instrumentierung und einer europäischen Message.
Wie sehen Sie die Politisierung des ESC, die durch den Israel-Boykott mehrerer Nationen den Diskurs im Vorfeld prägt?
Bunzl
Warum soll der Song Contest von solchen Dynamiken ausgeschlossen sein? Natürlich kann man sich wünschen, dass sich die Welt für ein paar Stunden auf völkerverständigenden Eskapismus einigt, aber man kann die Menschen ja nicht zwingen.
Matti Bunzl, 54
wuchs in Wien auf und lebte, studierte und arbeitete lange in den USA: Der Kulturanthropologe und Kulturwissenschafter leitet seit 2015 das Wien Museum am Karlsplatz, das während der ESC-Woche als Eurofan House dienen wird.