Wiener Eislaufverein - das umstrittene Projekt wird angefeindet

Wiener Eislaufverein - das umstrittene Projekt wird angefeindet

Das heikle Gelände um den Wiener Eislaufverein soll neu bebaut und konfiguriert werden. Das erstaunlich souveräne Siegerprojekt wird dennoch von vielen angefeindet.

Von Dietmar Steiner

Wieder einmal wird ein monumentales Bauprojekt in Wien erwartet: Ein vergammeltes Gelände - anders kann man die Stadtbrache rund um den Wiener Eislaufverein (WEV) an der Lothringerstraße nicht bezeichnen - soll erneuert werden. Ähnliches ist in den vergangenen Jahren an vielen, für den gewachsenen Stadtkörper sensiblen Stellen schleichend geschehen. Am Westbahnhof etwa, am Praterstern und am Hauptbahnhof, in Wien Mitte und am Donaukanal ist eine Skyline entstanden, die noch in den 1980er-Jahren als undenkbar gegolten hätte.

Nun also geht es um eine weitere heikle Zone Wiens, jene um das Hotel InterContinental, zwischen 1962 und 1964, im Kalten Krieg, als bewusstes Bekenntnis der USA zu Österreich als erstes, damals größtes Business-Hotel der Stadt errichtet. Vom renommierten Architekturbüro Holabird & Root aus Chicago entwickelt, sollte das Hotel zunächst in Zusammenarbeit mit Roland Rainer als Wiener Kontaktarchitekt entstehen. Er legte die Verantwortung für dieses Projekt aber zurück, als er seine Funktion als Stadtplaner von Wien übernahm; Carl Appel und Walter Jaksch realisierten in der Folge das Hotel. So muss das "Intercont“, wie es im Volksmund genannt wird, im Gegensatz zu allen anderen später errichteten Wiener Großhotels als geradezu prototypisches kulturhistorisches Denkmal bezeichnet werden.

Der Wiener Eislaufverein

Gleich daneben liegt der Wiener Eislaufverein, eine Konstante im gesellschaftlichen Leben dieser Stadt, per Mietvertrag bis 2058 hier verankert. Seine derzeitigen Existenzbedingungen sind leider schäbig. Aber wenn eine Wiener Institution über Galionsfiguren wie Otto Schenk verfügt, gilt sie als unantastbar, alle Wünsche und Forderungen ihrer Betreiber müssen bedacht und von anderen bezahlt werden. Und dass auch dem Wiener Konzerthaus ein verbessertes Umfeld geboten werden muss, ist zudem evident.

Der ursprüngliche Eigentümer dieses kritischen Geländes war die Republik Österreich vermittels des im Innenministerium angesiedelten, noch von Kaiser Franz Josef gegründeten "Stadterweiterungsfonds“, der zur Verwertung des Glacis etabliert wurde und alle späteren Staatsformen überdauerte. Der Fonds agierte in der Gründerzeit wie ein Spekulant, realisierte die Gewinne aus den Grundstücksverkäufen, die Stadt Wien musste die Infrastrukturkosten tragen. Infolge welcher politischen Weisungen dieses gesamte Grundstück an welche dubiosen Zwischenhändler verkauft wurde, blieb im Dunkeln.

Der nunmehrige Eigentümer, die "Wert-invest“ des Immobilienunternehmers Michael Tojner hat jedenfalls am Ende der Verkaufskette einen marktüblichen Preis für das gesamte Areal - Intercont plus Eislaufverein - bezahlt. Tojner hat von Anfang an offen mit der Stadt Wien zusammengearbeitet. Machbarkeitsstudien wurden beauftragt, aufwendige Expertenverfahren abgehandelt. Einige der besten Architekten der Stadt waren daran beteiligt, doch deren Ergebnisse blieben erschreckend banal. Dem folgte ein internationaler Architektenwettbewerb mit renommierter Jury.

Ihn gewann der erfahrene brasilianische Architekt Isay Weinfeld, 62. In Europa weitgehend unbekannt, hat Weinfeld in Brasilien viele bedeutende Projekte, Hotels und Geschäftshäuser, Apartments und Villas realisiert, die einen äußerst kultivierten Umgang mit den Formen der Moderne verrieten. Weinfeld ist kein internationaler Stararchitekt, aber ein stiller Meister, der über eine fundierte Haltung und architektonische Sprache verfügt, die für die hiesige Baulandschaft eine Bereicherung darstellen. Abgesehen von der perfekt proportionierten städtebaulichen Lösung seines Projekts zeugen auch erste Überlegungen zur Materialität der Fassade und der Fensterdetails von der hohen architektonischen Kultur und nachhaltigen Eleganz dieses Projekts. Es richtet sich direkt gegen Schick und Zeitgeist, gegen eitle bauliche Selbstdarstellungen ohne Rücksicht auf den gegebenen Kontext der Stadt.

So überrascht es nicht, dass Weinfelds Projekt das einzige im Wettbewerb war, das zur Ausführung empfohlen wurde. Das Intercont-Kulturdenkmal wird erhalten, um zwei Achsen und eine Bereinigung der derzeit zerklüfteten Dachlandschaft erweitert. Die städtebauliche Kante zum Konzerthaus wird damit aufgenommen. Entfernt wird der immer schon störende Anbau an der Seite zum WEV, stattdessen der nun 73 Meter hohe Apartmentturm abgerückt platziert. Scheibe und Turm stehen in sehr ausgewogenem Verhältnis und ruhen auf einem gemeinsamen neuen Sockelgeschoß, das vielfältige öffentliche Nutzungen aufnimmt, das gesamte Areal attraktiv zum Stadtraum öffnet. Die Bedarfsbauten entlang des Heumarkts werden durch einen Baublock ersetzt, der Büros und "Serviced Apartments“ (siehe Text am Ende der Seite) aufnimmt. Der Eislaufplatz wird in gleicher Größe, aber anderer Ausrichtung wiedererrichtet, wodurch er im Winterbetrieb in einen neuen Boulevard mit abgerückter Lothringer Straße ragen wird. Selbst einer geringfügigen Verkleinerung der Eislauffläche hätte der WEV nicht zugestimmt. In der "eisfreien“ Zeit entsteht dafür ein attraktiver urbaner Platz, der vom Konzerthaus und dem neu geschaffenen Konferenzzentrum bespielt werden kann.

Bislang ist also kein Fehler in der Entwicklung dieses Standorts zu erkennen. Im Unterschied zu vielen anderen Wiener Großprojekten der vergangenen Jahre hat der Investor Tojner stets transparent agiert, alle Schritte mit den politischen Gremien und Behörden der Stadt akkordiert, in drei Ausstellungen kontinuierlich über die Entwicklung informiert. So gibt es einen fairen Ausgleich von privaten und öffentlichen Interessen, mit Gewinn für das Stadtbild und neuen Angeboten für die urbane Öffentlichkeit.

Doch das Projekt hat auch Gegner - zunächst aus ökonomischen Gründen: Der Vorwurf des Ausverkaufs der Stadt an private Spekulanten steht im Raum. Das stimmt in vielen Fällen, ist gegeben, wenn ein Grundstück günstig erworben wird, dann eine größere Ausnützung erlaubt und dadurch ein Mehrwert erzielt wird. Doch bei diesem Projekt entspricht die derzeit gewidmete Bruttogeschossfläche ziemlich genau der neu zu schaffenden. Hier handelt es sich also um das Gegenteil von Spekulation, weil innerhalb der derzeit erlaubten Kubaturen Raum für öffentliche Nutzungen privat finanziert wird.

Das andere Argument dagegen ist mit dem Weltkulturerbe Innere Stadt verbunden. Obwohl nichts davon im Text zum Weltkulturerbe steht, entzündet sich dessen Schutz stets an der Höhe neuer Gebäude in der Kernzone - der sogenannte "Canaletto-Blick“ sei gefährdet. Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, malte Mitte des 18. Jahrhunderts neben Dresden und Warschau auch in Wien bedeutende Stadtansichten. Ebenso genial wie revolutionär war seine Anwendung der Zentralperspektive zur Darstellung monarchischer Herrschaft über die Stadt. Ein Gemälde Canalettos lässt vom Belvedere ins Zentrum sehen, und in diesen Blick schiebt sich nun das neue Projekt - genau wie viele andere Gebäude im Laufe der vergangenen 250 Jahre.

Im Zeitalter von Google Earth und unter anderen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen als im Barock kann der Blick auf die Stadt nicht mehr jener Maria Theresias sein. Wir haben zu fragen, wie sich neue Projekte mit der bestehenden Umgebung arrangieren und welche Angebote an die Öffentlichkeit damit verbunden sind. Und dafür verspricht Isay Weinfelds Projekt mit seiner klugen Komposition und der hohen Kunst seiner Architektur einen echten Gewinn für die Stadt, schafft einen neuen, signifikanten Merkpunkt, auch und gerade im historischen "Canaletto-Blick“.

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Mehr Infos:

Tagung, Sport, Musik

Kongresshotel und Eisfläche: Die Fakten zum Projekt.

Das Hotel InterContinental bleibt bestehen, soll bei gleichbleibender Zimmeranzahl wieder Wiens bedeutendstes Kongresshotel werden, ausgestattet mit einem - auch unabhängig vom Hotelbetrieb zu nutzenden - rund 5000 Quadratmeter großen Tagungszentrum und einem Saal für 1000 Personen. Der weitläufigen öffentlichen Stadtterrasse wird auch Gastronomie angeschlossen sein, eine neue 1800 Quadratmeter große Trainingshalle für den WEV soll ganzjährigen Sportbetrieb gewährleisten.

Ein 50-Meter-Pool sowie eine Turnhalle für Schulen und Vereine werden zum Sportklub gehören. Die 6000-Quadratmeter-Eisfläche des WEV soll im Sommer zu einem offenen Platz werden, der etwa vom benachbarten Konzerthaus bespielt werden kann. Im Neubau am Heumarkt werden Büroflächen für einen "Musik-Cluster“ geschaffen, der das Konzerthaus entlasten soll, und "Serviced Apartments“, Kleinwohnungen für Künstler oder Geschäftsleute, jeweils für einige Wochen vermietet. Diese privat finanzierten, großteils öffentlichen Angebote werden durch Eigentumswohnungen im "Turm“ (Gesamtfläche: 8000 Quadratmeter) ermöglicht. Die derzeit gewidmete Bruttogeschossfläche und auch der "Bruttorauminhalt“ werden durch eine Widmung für das neue Projekt um rund fünf Prozent erhöht. Bis 2015 sollen Flächenwidmung, Planung und Baubewilligung durch den Gemeinderat vorliegen, anvisierter Baustart: 2016. Die Eröffnung ist für 2018 projektiert. Die Investitionssumme für das Projekt beläuft sich auf rund 220 Millionen Euro, wobei die erzielbaren Erträge aus den Eigentumswohnungen, grob geschätzt, die privaten Aufwendungen für die öffentlichen Nutzungen abdecken würden. Dies soll jedenfalls in einer Vereinbarung mit der Stadt Wien festgeschrieben werden.