Wiens Staatsoper im Oman: Gastspiel auf exotischem Boden

Figaros Eskapaden haben das Sultanat Oman ­erreicht. Die ­Wiener Staatsoper ­gastierte vergangene Woche erstmals in der Arabischen Welt.

Von Manuel Brug

Vier halbnackte Steinstatuen im Garten bekamen ein Schamschürzchen, zwei christliche Kreuze wurden durch neutrale Wappenschilde ersetzt, und ein betrunkener Domestik kam auch nicht in Frage. Aber sonst hätte Regisseur Jean-Pierre Ponnelle (1932–1988) seine 1972 entstandene Inszenierung von Mozarts „Hochzeit des Figaro“, die nach ihrer Tournee-Auferstehung in Japan nun auch im Sultanat Oman gezeigt wurde, sofort wiedererkannt. Die durchaus reiseerfahrenen Abgesandten der Wiener Staatsoper – von den passgenau aus Asien via Russland einschwebenden Philharmonikern ganz zu schweigen – waren mit der berühmten Opera buffa vergangene Woche erstmals auf Gastspiel in einem arabischen Land.
Mozarts und Lorenzo da Pontes „toller Tag“ als lokale Erstaufführung: Das wirkte in Ponnelles fast schon prähistorischer Anrichtung berührend und lustig, zärtlich und mutwillig zugleich. Eine konservative Inszenierung gewiss, aber eine, die mit feinsinniger Schwarz-Weiß-Optik und liebenswert praller Figurenzeichnung noch immer mühelos bestehen kann – und vor allem den ungeliebten aktuellen „Figaro“ von Jean-Louis Martinoty vergessen lässt, den man im Haus am Ring seit 2011 schon spielt.
Wie aber kommt Wiens Staatsoper in den Oman? Ursprünglich sollte es Moskau sein, aber dort ging das Gastspielgeld aus, das anderswo noch sprudelt. Und weil Termine frei waren, wurde jetzt eben Maskat bereist, wo bereits im kommenden Januar auch das Staatsballett gastieren wird. Bis dahin werden sich allerdings ein paar Tänzerinnen noch etwas züchtiger kostümieren müssen. Das sind lässliche Anpassungen an die lokalen Sitten. Viel erstaunlicher mutet hingegen an, dass sich in einem islamischen Wüstenstaat von zweieinhalb Millionen Einwohnern, die sich auf die Fläche Italiens verteilen, seit zwei Jahren ein wunderschönes Opernhaus erhebt – eine Fort-ähnliche Fata Morgana aus Marmor, feinsten Holzschnitzereien, dezenten Kristalllustern, geschliffenen Gläsern, supergepflegten Gärten, alles mit Blick auf den indischen Ozean. Das Royal Opera House ist das einzige in der Region; um das nächste zu erreichen, muss man nach Mumbai oder Kairo. In Abu Dhabi baut zwar Zaha Hadid, und auch in Dubai wird an einem Multifunktionstheater westlicher Prägung gearbeitet, aber die Omanis waren schneller.

„Ich möchte mein Publikum nicht unnötig herausfordern“
Dass Mozart im Grafenschloss den Diener gegen die Herrschaft aufbegehren lässt, während der Potentat vier Akte lang nur auf die jungfräuliche Kammerzofe seiner Gattin scharf ist, aber auch die Gärtnerstochter nicht verschmäht, das stört in dem streng islamischen Land am Ende der Arabischen Halbinsel niemanden – sind ja bloß alte Geschichten aus dem fernen Europa. Nur optisch sittenkonform müssen sie sein. Christina Scheppelmann, die als Deutsche seit einem Jahr als Direktorin des Königlichen Opernhauses in Maskat amtiert, stellt fest: „Der Islam ist eine eigentlich tolerante Religion, die gerade hier auch sehr friedlich gelebt wird; ich möchte mein Publikum nicht unnötig herausfordern.“

Ihr Publikum, das sind im Oman lebende und arbeitende Europäer, Amerikaner und Asiaten, aber auch die Betuchteren unter den vielen Indern, die Handel, Gastronomie und Infrastruktur vorantreiben. Es sind Touristen, die hier erst seit 1995 willkommen sind: Seither setzt man im Oman auf die gehobene Klientel in traumhaft schönen Wüstenressorts. Und es sind etwa 15 Prozent Omanis, erkennbar an den im edlen Gebäude für sie vorgeschriebenen Nationaltrachten: die weiße Dishdasha für den Herrn, die schwarze Abaya für die Dame. Das Publikum dieses Hauses ist aber auch der Königliche Hof von Oman, an dessen Spitze der 73-jährige, unverheiratete Sultan Qabus ibn Sa‘id Al Sa‘id als absolutistischer Herrscher regiert, dessen Dynastie seit Mitte des 18. Jahrhunderts das Sagen hat.

Qabus gilt als eine Art Phantom der Oper; er soll tatsächlich bisweilen nachts in seinem Musentempel an der Orgel sitzen. Ausgebildet in England, stürzte er 1970 den eigenen Vater, der das unterentwickelte, sich seiner Erdölvorkommen aber bewusste Land rigide abgeschottet hatte. Gegenüber den reichen Nachbarn in Saudi-Arabien und den glamourösen Golfemiraten wirkt der Oman wie ein Armenhaus – aber eines ohne Einkommenssteuer, mit kostenloser Krankenversorgung, ein Land, in dem jeder volljährige Einwohner ein Grundstück von 600 Quadratmetern erhält und wo es umgerechnet 20 Euro kostet, wenn der obligatorische SUV verschmutzt ist. Das Bild des Sultan Qabus, den sein Volk nur „Papa“ nennt, ist überall präsent, auf Brücken und Taxis, Banken und Öltanks ist er als gütiger Märchenonkel mit Kaftan, Krummdolch und Kaschmirturban zu sehen. Seit seinen Orgelstudien in England liebt Qabus die westliche Klassik. 1985 ließ er aus Repräsentationszwecken das Royal Oman Symphony Orchestra gründen, in der arabischen Welt das einzige permanente Orchester westlicher Prägung mit einheimischen Musikern. Zudem veranstaltet man neun öffentliche Konzerte im Jahr in einem Hotelauditorium. Im Oman existiert sogar ein Klassiksender, und nachdem genug in Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Straßen investiert worden war, fand es der Sultan 2001 an der Zeit, sich ein Opernhaus bauen zu lassen – und es auch selbst zu bezahlen.

Das Royal Opera House wurde im Oktober 2011 unter Leitung von Plácido Domingo mit einer weiteren Zeffirelli-„Turandot“ neureich eröffnet. Doch seit die in Italien, Spanien und an den Opernhäusern in San Francisco und Washington beschäftigte Christina Scheppelmann in Maskat das Sagen hat, wird hier nicht mehr sinnlos geklotzt, sondern sinnvolle Musiktheaterpädagogik im großen Stil betrieben. Sie lässt sich von dem ägyptischen Musikologen Issam El-Mallah beraten, der früher in Innsbruck und München lehrte und heute als Musikbeauftragter des Sultans fungiert. Ihre Bühnenarbeiter kommen von der Londoner Covent Garden Opera,
die künstlerische Mannschaft stammt aus Ljubljana und Palermo.
Natürlich wollen alle, die in der Klassikwelt Rang und Namen haben, in Maskat auftreten. Man zahlt dort ordentlich, ist verlässlich, und das Haus ist eine Augen- und Ohrenweide. Staatsoperndirektor Dominique Meyer, der zehn Container Mozart-Material vorausgeschickt hat und mit 150 Personen angereist ist, freut sich, dass er hier, bei laufendem Betrieb zu Hause, dringend nötiges Geld verdienen kann. Und der Tross aus Wien staunte nicht nur über das in Arabien lange gültige Zahlungsmittel des Maria-Theresien-Talers, man ehrte Mozart auch, so gut es ging: Der Franzose Alain Altinoglu dirigierte komödiantisch und empfindlich, während Ileana Tonca als Susanna und Adam Plachetka als Graf an der Spitze des gutgelaunten Ensembles großartig agierten.

Bei Mozart dominieren bekanntlich die Frauen, das könnte bei ihren sich vehement emanzipierenden Geschlechtsgenossinnen in Maskat durchaus Spuren hinterlassen. Und wer weiß, vielleicht kehrt ja via Oman sogar die schöne Ponnelle-Reliquie wieder in den Wiener Spielplan zurück.

Infobox

Das Royal Opera House in Maskat
Von einer hawaiianischen Architekturfirma wurde das Königliche Opernhaus in der omanischen Hauptstadt entworfen. Man hat kein eigenes Ensemble, sondern lädt für spezifische Werke renommierte Opernkompagnien ein. In der laufenden Spielzeit ließ man das Teatro San Carlo aus Neapel mit Rossinis „Barbier von Sevilla“ und eben die Wiener Staatsoper mit der inhaltlichen Fortsetzung „Die Hochzeit des Figaro“ anreisen. Das Macerata Festival gastierte mit Verdis „La Traviata“ bereits hier, die Welsh National Oper wird Donizettis „Maria Stuarda“ zeigen, die Arena di Verona Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ – wenn auch aus sittlichen Gründen mit einem Tenor statt einem Mezzo als Romeo; und das Nationaltheater Brünn wird sich an Dvoráks „Rusalka“ versuchen. 70 Spieltage umfasst die Saison 2013/14, neben den Opern-abenden stehen Klassikkonzerte und Ballett, omanische und orientalische Musik, vereinzelt sogar Jazz auf dem Programm.