Woody Allen: Missbrauchsvorwürfe und Hetzjagd im Netz

Woody Allen: Missbrauchsvorwürfe und Hetzjagd im Netz

Der US-Regisseur und Produzent Robert B. Weide begleitete Woody Allen eineinhalb Jahre für eine Dokumentation. Angesichts der erneuten Missbrauchsvorwürfe und der Hetzjagd im Netz ergreift er für seinen Kollegen Partei.

Wie jeder Mensch, der Zugang zu einem Computer hat, weiß, steht Woody Allen erneut am Pranger - wegen der Anschuldigung, dass er die Tochter, die Mia Farrow und er 1985 adoptierten, vor 21 Jahren missbraucht habe. Wenn eine Celebrity von einem zweiköpfigen Piranha aus Tratsch und Spekulationen verschluckt wird, halte ich mich normalerweise fern. Woody Allen ist da eine Ausnahme. Ich bin Produzent und Regisseur des Dokumentarfilms "Woody Allen: A Documentary", ich habe bei den Golden Globes am 12. Jänner dieses Jahres den Clip gestaltet, der im Vorfeld zur Verleihung des Cecil-B.-De-Mille-Preises für das Lebenswerk an Allen gezeigt wurde. Als ich nach der Ausstrahlung der Golden Globes online ging, sah ich nicht nur die anklagenden Tweets von Mia Farrow und ihrem Sohn Ronan, sondern auch die Explosion von Internet-Geschwätz, die sie verursacht hatten. Die milder Gestimmten forderten nur, dass Woody im Gefängnis verrotte; manche andere wollten seinen Kopf auf einem Spieß sehen.

Trailer zu "Woody Allen: A Documentary"

Meine Verbindung zu Woody ist vor allem eine berufliche, obwohl wir auch nach dem Ende der Dreharbeiten in freundschaftlicher Verbindung geblieben sind. Mit Hilfe seines Assistenten korrespondieren wir via E-Mail; Woody selbst schreibt ausschließlich auf einer 60 Jahre alten Schreibmaschine. Als ich ihm am Tag nach der Globes-Zeremonie schrieb, hatte er zwar eine vage Ahnung, dass Mia und Ronan erneut über ihn hergezogen waren, aber er war sich nicht sicher, was Twitter genau ist. Er verwechselt Blogs gern mit Twitter. Da er nie online geht, wusste er auch nicht, wie viel Breitband diese Geschichte schon verschlungen hatte. Aber selbst wenn er es mitbekommen hätte, wäre es ihm egal gewesen. Seine Gleichgültigkeit gegenüber jeder Form von Klatsch habe ich immer als keine bewusste Entscheidung, sondern als natürliche organische Reaktion empfunden. Mias Anschuldigungen waren für ihn Schnee von gestern, und Ronan, seinen (mutmaßlichen) Sohn, hatte er schon über 20 Jahre nicht mehr gesehen. In unserer Korrespondenz konzentrierte er sich vor allem auf Ratschläge. Ich hatte ihm von einem Gerstenkorn auf meinem Lid erzählt und darüber gescherzt, dass es sich möglicherweise um einen Gehirntumor handle. Er stimmte mir sofort zu, empfahl mir, nicht in Panik zu geraten, wenn ich das Gleichgewicht verlieren sollte, das sei völlig normal bei einem Tumor. Dann riet er mir noch, meine "verbleibenden Tage“ nicht damit zu verschwenden, mich über Mia zu ärgern.

LINK: Offener Brief von Woody Allen in der New York Times

Unter den ausgewogeneren Bloggern schienen sich inzwischen zwei Fragen herauszukristallisieren: "Ist es möglich, die Kunst vom Künstler zu trennen?“ Und: "Ist Amerika bereit, Woody Allen zu vergeben?“ Beide Phrasen implizieren, dass Woody etwas Schreckliches getan habe und es jetzt an uns liege, zu entscheiden, in welcher Größenordnung uns das irritieren dürfe.

Primär darf man in der Debatte zwei Dinge nicht miteinander vermischen, was häufig gemacht wird: Woodys Beziehung zu Soon-Yi, die 1991 begann, und Mias Anschuldigungen, Woody habe ihre gemeinsame, damals siebenjährige Adoptivtochter Dylan kurz nach der Trennung missbraucht.

Soon-Yi war weder Allens Stief- noch Adoptivtocher, sondern das adoptierte Kind von Mia Farrow und André Previn. Woody war für Soon-Yi der Freund ihrer Mutter. Als seine Beziehung mit ihr begann, war sie nicht minderjährig, sondern 19 oder 21 Jahre alt - ihre koreanischen Dokumente weisen ihr Geburtsdatum nicht genau aus. Sie litt auch nie an einer geistigen Störung, wie vielfach behauptet wurde, im Gegenteil: Sie ist klug wie eine Peitsche, hat einen Universitätsabschluss und spricht mehrere Sprachen.

Natürlich ist die Vorstellung, dass ein 55-jähriger Mann eine Liebesbeziehung mit der 19-jährigen Adoptivtochter seiner Freundin an fängt, befremdend. Es ist auch verständlich, dass Mia auf Woody für den Rest ihres Lebens zornig ist. Ich wäre es an ihrer Stelle auch, würde es aber privat halten und Woody nicht via Twitter der Pädophilie bezichtigen.

Moralische Grenzüberschreitung
Ich kann auch Ronan Farrows Zorn nachvollziehen, der sagte: "Er ist mein Vater, der meine Schwester geheiratet hat. Das macht mich zu seinem Sohn und seinem Schwager. Das ist eine moralische Grenzüberschreitung.“ Nachdem Mia Farrow kürzlich andeutete, dass Ronans biologischer Vater "möglicherweise“ Frank Sinatra war, dürfte Ronans moralisches Problem vielleicht gelöst sein. Kommen wir zu den Missbrauchsvorwürfen, die von der heute 28-jährigen Dylan Farrow erhoben werden. Im August 1992, vier Monate, nachdem die Beziehung zwischen Woody und Soon-Yi einen verständlichen Feuersturm im Hause Farrow ausgelöst hatte, besuchte Woody den Landsitz der Farrow-Familie in Connecticut, wo Mia sich mit ihren Kindern aufhielt. In einem unüberwachten Moment soll Woody Dylan mit auf den Dachboden genommen und sie dort "unangemessen berührt“ haben.

Warum behauptet Malone (so nennt sich Dylan heute, Anm.), dass es passiert ist? Weil sie es offensichtlich glaubt. Und Ronan fühlt sich auch wohl dabei, auf 140 Zeichen seiner Schwester die Stange zu halten. Wir dürfen nicht vergessen, dass beide Kinder in einem Haushalt aufgewachsen sind, in dem der Missbrauchsvorwurf gegen Woody Allen seit Jahren als unumstößliches Faktum galt.

Heikler Pfad
Mir ist klar, dass ich mit diesen Argumenten einen sehr heiklen Pfad betrete und Gefahr laufe, das Opfer zum Schuldigen zu machen. Aber wenn Mias Sicht der Dinge wahr ist, hieße das, dass Woody, obwohl er sich mitten in einer Sorgerechts- und Unterhaltsschlacht befand, dennoch beschloss, seine Adoptivtochter auf den Dachboden zu schleppen und sie dort schnell zu missbrauchen. Ein wirklich idealer Zeitpunkt - noch dazu in einem Haus, das seiner zornigen Ex-Freundin gehört und das voll von Kindern und Nannys war? Ganz abgesehen davon, dass Woody bekanntlich klaustrophobisch ist.

Einfluss der Mutter
Selbst Menschen, die Woody jetzt nicht vorverurteilen und Zweifel über die Richtigkeit der Vorwürfe anmelden, irren sich gewaltig, wenn sie sagen, dass Allen damals bei der Gerichtsverhandlung über den angeblichen Missbrauch seiner Adoptivtochter für nicht schuldig befunden worden war. Das ist falsch. Denn aus Mangel an Beweisen war es gar nie zu einer Anklage gekommen. Die ermittelnden Beamten konnten nichts sicherstellen, was Mias und Dylans Beschuldigungen auch nur irgendwie stützte. Auch ein Ärzteteam des Yale-New-Haven-Hospital kam nach einer sechsmonatigen Studie, die auch medizinische Untersuchungen an Dylan inkludierte, zu dem Schluss, dass Dylan nicht missbraucht worden war. John M. Leventhal, Psychiater und Leiter des Teams, erklärte in der "New York Times“ im März 1993: "Alle Aussagen waren von einem emotional verstörten Kind gemacht worden. Zusätzlich stand dieses Kind unter dem starken Einfluss seiner Mutter, die es dabei auch gecoacht hatte.“ Mir ist auch unklar, warum Mia die Videokamera immer wieder an- und ausschaltete, als sie die Aussagen ihrer Tochter über Tage hinweg festhielt, und warum sie sich einem Lügendetektortest verweigerte, dem Woody sich hingegen sehr wohl unterzogen und zu seinen Gunsten absolviert hatte.

„Zeit, Eiscreme zu holen”
Ich war Mia äußerst dankbar, als sie mir im Vorfeld zu den Globes die Genehmigung erteilte, für den Clip über Woodys Werke Ausschnitte zu benutzen, in denen sie zu sehen war. Diese Erlaubnis hatte sie mir auch schon zuvor für meinen Dokumentarfilm gegeben. Ich dachte, dass nach 20 Jahren endlich die Wunden verheilt wären. Während Woody, wie immer bei Preisverleihungen, abwesend war (er sah sich ein Musical an) und Diane Keaton die Ehrung für ihn entgegennahm, begann Mia loszutweeten. Ihre erste Botschaft lautete: "Zeit, Eiscreme zu holen und zu ‚Girls‘ umzuschalten.“ Ihre zweite Ansage war schon viel gemeiner: "Eine Frau hat öffentlich erklärt, von Woody Allen im Alter von sieben Jahren missbraucht worden zu sein. Diese Golden-Globe-Ehrung missachtet sie und alle Missbrauchsüberlebenden.“

Bei Mias drittem Tweet - "Ist er pädophil?“ - dachte ein netter Teil von mir: Diese Frau sollte sich nicht so wahnsinnig wichtig nehmen. Bösartigere Teile wollten eigentlich selbst lostweeten.

Warum hatte sie im Vorfeld erlaubt, dass Filmszenen mit ihr in einem Clip zu Woody Allens Ehren gezeigt werden? Wir hatten zur Sicherheit auch eine Version auf Lager, in der sie nicht vorkam. Und warum hat sie, wenn Kindesmissbrauch ihr ein solches Anliegen ist, verschwiegen, dass ihr Bruder John Charles Villiers-Farrow kürzlich zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wurde - wegen mehrfachen Missbrauchs von Kindern?

Der auszugsweise Abdruck des Textes erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Robert B. Weide , ursprünglich erschien der Artikel im Online-Medium www.thedailybeast.com .