Zwischen Pop und Politik: Nachruf auf Dietmar Schönherr

Zwischen Pop und Politik: Nachruf auf Dietmar Schönherr

Dietmar Schönherr, der Ende vergangener Woche 88-jährig starb, hatte geschrieben, gespielt, inszeniert, gesungen, moderiert und geholfen: Stefan Grissemann über einen erstaunlich vielfältigen Entertainer.

Als er von einem deutschen Filmsynchron-Unternehmen im Frühling 1955 zur Kinostimme eines Hollywood-Shootingstars namens James Dean erkoren wurde, dachte Dietmar Schönherr ein paar Monate lang, er habe einen langfristigen Versorgungsjob an Land gezogen. Doch schon im September verunfallte das US-Teenager-Idol tödlich, hinterließ nur drei Filme – und brauchte keinen Synchronsprecher mehr. Aber mit Richtungswechseln hatte der Schauspieler und Autor Schönherr kein Problem, an Interessen und Arbeitsfeldern mangelte es ihm nicht.
Beim Tiroler Radio hatte er begonnen, gleich nach dem Krieg, lieh seine suggestive Stimme seit den frühen 1950er-Jahren zahllosen Hörspielen; später übersiedelte er nach Köln, zum WDR, während er sich zudem auf der Bühne, in der Josefstadt, am Zürcher Schauspielhaus und etwa am Salzburger Landestheater, einen Namen machte. Er begriff früh, dass er sein Charisma auch jenseits der Hochkultur einsetzen konnte, tauchte als Schlagersänger in die populäre Kultur ein, veröffentlichte liebes-, glücks- und frühlingssehnsüchtige Singles – und begann sich fürs Fernsehen zu interessieren. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau, der quirligen, aus Dänemark stammenden Show- und Schlager-Prinzessin Vivi Bach, die er 1965 geheiratet hatte, kam er als Moderator und Sänger zu Prominenz: 1967 nannte man Schönherr und Bach „das Traumpaar des deutschen Farbfernsehens“, zwei Jahre später flimmerte die erste der insgesamt 23 Ausgaben der (bald skandalisierten, 1972 abgesetzten) Show „Wünsch dir was“ über die Bildschirme Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Als Schauspieler in Film und Fernsehen arbeitete Schönherr – nach einem ersten Auftritt, den er als 17-Jähriger in dem NS-Fliegerfilm „Junge Adler“ zu absolvieren hatte – zwischen 1955 und 2009 fast unaufhörlich, wenn auch selten in Produktionen, die seiner Intelligenz entsprachen. 1966 erwies er sich immerhin als sehr brauchbarer Science-Fiction-Serienheld: Als Kommandant des Raumschiffs Orion in der – heute kultisch verehrten – deutschen „Enterprise“-Variation „Raumpatrouille“ trug er 1966 den schönen Pulp-Fiction-Namen Cliff Allister McLane.

Um sich unabhängig zu machen vom Kleingeist der deutschen Produktionslandschaft der frühen 1970er-Jahre, wurde er selbst Produzent, schrieb und inszenierte 1972 den Fernsehfilm „Kain“ – scheiterte aber spektakulär, musste mit seiner Firma Konkurs anmelden und seine Regieambitionen begraben. Seiner Heimat blieb er, obwohl er längst nicht mehr dort lebte, treu; er gründete mit Ruth Drexel, Hans Brenner, Felix Mitterer und Kurt Weinzierl 1981 die Tiroler Volksschauspiele in Hall; der legendäre Bühnenhumorist und Autor Otto Grünmandl nannte Schönherr, wohl mit Blick auf dessen Stur- und Erdverbundenheit, einst einen „Starktiroler“.

Als wichtigstes Lebensprojekt erachtete Schönherr sein humanitäres Engagement in dem nicaraguanischen Dorf Posolera, wo er in den 1980er-Jahren mit dem Befreiungstheologen Ernesto Cardenal eine Kunst- und Musikschule etablierte. „Nicaragua, mi amor“ hat er ein Reisetagebuch genannt, das sein Hilfswerk beschrieb. Als Schriftsteller ging er meist autobiografisch vor, aber das Talent des Romanciers war auch in den wahren Geschichten, von denen er gern schrieb, offensichtlich. Mit seinen politischen Überzeugungen hielt er nicht hinter dem Berg: Er demonstrierte für den Frieden, an der Seite Heinrich Bölls und Walter Jens’ gegen die atomare Aufrüstung, wurde 1981 vom Schweizer Fernsehen wegen einer Live-Tirade gegen Ronald Rea-gan als Talkshowmaster gefeuert.
Milder wurde er mit dem Alter nicht, Geschichten über Jähzorn und schlechte Laune machten die Runde. Aber das Knorrige war Teil seines Wesens, seiner Kunst. 2011 wurde Schönherr mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet, 2013 musste er den Tod seiner Frau erleben, die er über Jahre gepflegt hatte. Am Freitag vergangener Woche starb Dietmar Schönherr, 88 Jahre alt, in seinem Exil auf Ibiza, wo er drei Jahrzehnte lang gelebt hatte.