profil vor 25 Jahren: Ein neues Hainburg?

Am Anfang von Österreichs Sozialdemokratie sei mit Viktor Adler ein Millionär gestanden, „der sein Vermögen in die Partei steckte und in Armut lebte“, während nun „Emporkömmlinge“ dominierten, „die der Partei Millionen verdanken und entnommen haben, ohne den eingetretenen materiellen Schaden durch ideelle Gegenleistungen zu kompensieren“. – In dieser Tonart rechnete Norbert Leser, Sozialphilosoph und sowohl Mitglied als auch scharfer Kritiker der SPÖ, mit seiner Partei ab. Sein Buch über „Wesen und Wandel des österreichischen Sozialismus“, das profil in der Ausgabe vom 12. September 1988 vorstellte, erschien perfekt getimt zum 100. Geburtstag der Partei. Der „heimatlos gewordene SPÖ-­Außen“ streute darin kräftig „Salz in schwärende Wunden“. Der „Leser-Strahl“ leuchtete erbarmunglos in Ecken, die die meisten Genossen lieber im Schatten der Vergangenheit belassen hätten, etwa die Tatsache, dass die Partei nach 1945 „der Bekämpfung der Reste des Nazismus nicht die notwendi-
ge Aufmerksamkeit zugewandt“ und „Emigranten die Rückkehr nach Österreich vergrault“ ­hatte. Leser ortete als Ursache „antisemitische Gefühle“, die auch beim seinerzeitigen Innenminister ­Oskar Helmer mehr als vorhanden gewesen seien – etwa in Bezug auf Bruno Kreiskys Parteikarriere. Helmer ha­be ganz offen gefragt, „ob man nichts aus der Vergangenheit gelernt habe und wieder einen Juden ganz nach oben lassen wolle“.

Nicole Schmidt