profil vor 25 Jahren: Spritze statt Pille

In seinem Antritts-Editorial gab der frischgebackene profil-Herausgeber Peter Rabl ein Versprechen ab: „profil bleibt profil“, genauer: „profil bleibt die Warnanlage für unsere Demokratie.“

In der Titelgeschichte der ersten Rabl’schen Ausgabe – es war jene vom 5. September 1988 – ging es freilich weniger ums Warnen als ums Verhüten. Hinter der kecken Frage „Spritze statt Pille?“ (und einem kaum weniger kecken Coverbild) verbarg sich eine brisante Analyse aktueller frauenmedizinischer Entwicklungen: „Durch eine Impfung werden im weiblichen Organismus Antikörper gegen den Trophoblasten erzeugt, also jenes Gewebe, mit Hilfe dessen sich der Embryo in der Gebärmutter einnistet.“ Radikale Bevölkerungspolitiker sahen darin schon eine Patentlösung, um die hohe Geburtenrate in der Dritten Welt zu senken. Dabei befand sich auch die österreichische Familienplanung beileibe nicht auf dem neuesten technischen Stand: „1987 ermittelte die International Health Foundation, dass sich hierzulande jede sechste Frau, die kein Kind will, ungeschützt ins sexuelle Vergnügen stürzt.“

Warum das so war, konnten die ­Forscher leider nicht abschließend klären; dafür schickte profil-Kolumnistin Elfriede Hammerl ein paar böse rhetorische Fragen an eine fiktive, finanziell nicht so gut gestellte Frau: „Warum kriegen Sie kein Kind, junge Frau? Kommen Sie uns nicht mit Ihren egoistischen Erklärungen! (...) Wie? Sie kommen uns nicht mit Ihrem, sondern mit dem Kindeswohl? (...) Unsere Gesellschaft braucht doch auch Kinder, für die das Schlechteste gerade gut genug ist, sonst können die anderen (die in den Häuschen mit Sandkiste) ihre Häuschen und Teddybären und ihre Reitstunden und ihre liebevollen, entspannten Angehörigen ja unmöglich als Glück begreifen! (...) Wo keine Unterschicht, da keine Oberschicht.“

Sebastian Hofer