Zehn Jahre nach 9/11 – wie Österreich auf den Terror reagierte

Am 11. September 2001 steuerten Terroristen zwei Flugzeuge in die New Yorker Twin Towers. Zehn Jahre danach lässt sich anHand bisher unbekannter Dokumente ein Bild über die Reaktion von Österreichs Politik auf das Jahrhundertereignis zeichnen.

Der Tag hatte sich für die Medienleute mühsam angelassen. Die Arbeiterkammer protestierte gegen Preissteigerungen in Wiener Gasthäusern, die FPÖ kritisierte den ÖGB, und von Westen nahte eine Kaltfront, die nach Meinung der Meteorologen den milden Altweibersommer nachhaltig unterbrechen werde.

Die Austria Presse Agentur (APA) kramte an diesem trägen Spätsommertag in der Schublade und förderte „eine Untersuchung der Hamburger Zeitschrift ‚Fit for Fun‘“ zutage, wonach Frauen bei lesbischem Sex mehr Höhepunkte hätten als bei Hetero-Bumsen. Es war 14.17 Uhr, als diese Meldung ins Netz lief.

Kurz vor 15 Uhr an jenem Dienstag, dem 11. September 2001, der unter dem Kürzel „9/11“ in die Weltgeschichte eingehen sollte, meldete der ÖAMTC, der Tauerntunnel sei wieder einmal wegen eines Unfalls gesperrt.

Es war 15.01 Uhr, als die Nachricht „Flugzeug crashte in World Trade Center“ über alle Nachrichtenagenturen dieser Welt lief. 36 Minuten später war der Ölpreis um 20 Prozent gestiegen, der Dollar gegenüber dem Euro – damals noch Buchgeld – dramatisch eingebrochen und Gold um ein gutes Viertel mehr wert als noch eine halbe Stunde zuvor.

9/11, „ein Angriff auf die USA“, wie der geschockte US-Präsident George Bush in einer Grundschule in Florida stammelte, veränderte die Welt wie kein Ereignis seit dem V-Day 1945.

Der bevorstehende zehnte Jahrestag des Anschlags ist auch in Österreich Anlass für ausgiebige Nachbetrachtungen. Der ORF bereitet eine Doku vor („Der Tag, der die Welt veränderte“), ein ganzes „Weltjournal“ und mindestens ein „Club 2“ sind fix eingeplant. Schon vergangene Woche erschien in Österreich das erste Buch zum Jahrestag: „Europa und der 11. September 2001“ mit Beiträgen von österreichischen Journalisten und Historikern.

Fast jeder damals halbwegs Erwachsene weiß, wo ihn die Nachricht vom ersten Mega-Attentat des dritten Jahrtausends erreichte. Aber kaum jemand – auch die Medien nicht – hat im Trubel der Ereignisse mitbekommen, wie die österreichische Politik damals tickte, welches Echo der mörderische Donnerschlag von Manhattan in den heimischen Staatskanzleien fand. Der Versuch einer Rekonstruktion.

Bundeskanzleramt, Ballhausplatz, 15.30 Uhr

Seit gut zwanzig Minuten präsentiert das Be­ratungsunternehmen Arthur Anderson im ­kleinen Ministerratssaal neue Vorschläge zur Verwaltungsreform. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Vizekanzlerin Susanne Riess-­Passer sowie deren engste Mitarbeiter sind schon da. Finanzminister Karl-Heinz Grasser hat sich verspätet. Als er in den Sitzungssaal stürzt, bringt er eine höchst beunruhigende Nachricht mit: Es seien zwei Flugzeuge in das New Yorker World Trade Center gekracht, das FBI vermute Terror, habe er soeben per Handy erfahren.

Der größte Fernsehapparat des Kanzleramts steht im ehemaligen „Kreisky-Zimmer“, das Wolfgang Schüssel wohl nicht nur wegen der nordseitigen Düsternis der Räumlichkeit nicht bezogen hat. Hier versammelt sich an diesem 11. September 2001 die österreichische Regierungsspitze für die nächsten Stunden.

Wie profil vorliegende Dokumente zeigen, hatte sich die schwarz-blaue Regierung nicht so schlecht auf ein ­Ereignis dieser Natur vorbereitet. Schon im März 2001, also ein halbes Jahr vor dem Anschlag, hatten die Geheimdienste von Bundesheer und Innenministerium ein Dossier erstellt, wonach in Österreich nur eine ganz kleine Zahl islamistischer Ideologen unterwegs sei: „Die unmittelbare Bedrohung für Österreich wird daher als gering eingeschätzt.“ Das 20 Seiten starke Dossier widmet sich allerdings ausführlich einem gewissen „Usama Bin Laden“. Man sei Informationen des CIA nachgegangen, wonach jener Usama auch ­Gewährsleute in Österreich habe – allerdings ergebnislos. Dieser Mann sei jedenfalls im Auge zu behalten. Die österreichischen Geheimdienstler warnen davor, religiösen Fundamentalismus mit Gewaltbereitschaft gleichzustellen: Strenggläubige seien nicht automatisch ­Terroristen, heißt es in dem abwiegenden ­Dossier.

Teilnehmer der Fernsehrunde im alten Kreisky-Zimmer wollen sich daran erinnern, Wolfgang Schüssel habe schon bald nach Eintreffen der ersten Meldungen von einer „Al-Kaida-Organisation“ gesprochen, die hinter den Anschlägen stecken könnte.

Die erste öffentliche Stellungnahme sollte die Außenministerin abgeben, wird vereinbart. Benita Ferrero-Waldner kommt um 16.09 Uhr im ORF mit einigen Sätzen zu Wort, die allerdings in der Dramatik der Ereignisse untergehen: Soeben war der erste Turm des World Trade Center eingestürzt. Wolfgang Schüssel wird von einem ORF-Kamerateam einige Stunden später in der Fußgängerzone der Wiener Innenstadt für ein Statement abgefangen.

Präsidentschaftskanzlei, Ballhausplatz, 15.30 Uhr

Hans Magenschab, Pressesprecher des Bundespräsidenten, stürzt durch die weitläufigen Gänge der Hofburg: durch den Saal mit dem Glockenklavier, auf dem schon Mozart spielte, durch den Spiegelsaal, das Pietra-dura-Zimmer, den Raum, in dem das Totenbett von Kaiserin Maria Theresia stand, und durch die Tapetentür ins Büro des Bundespräsidenten.
Thomas Klestil war eben von einem Mittagessen zurückgekommen. Als langjähriger Diplomat erkennt er schon nach den ersten Meldungen die Dimension des Ereignisses. „Er war sicher, die Sache werde ein militärisches Ende nehmen“, erinnert sich Magenschab, „und er hat ja auch Recht behalten.“ Während sich Kles­til mit seinen Mitarbeitern vor dem Fernsehapparat versammelt, liefert die Staatspolizei laufend Meldungen.

Institut für eine offene Gesellschaft, Gusshaus­straße, Wien-Wieden, 15.30 Uhr

Bei den Nationalratswahlen im September 1999 war Heide Schmidt mit ihrem Liberalen Forum an der Vierprozenthürde gescheitert. Jetzt sitzt sie in ihrem Institut für eine offene Gesellschaft hinter der Technischen Universität und versucht, einen Fuß in der Tür der österreichischen Politik zu behalten. Aber sie hat nicht einmal einen Fernsehapparat. Als sie von einem Bekannten angerufen wird, der ihr erzählt, was er gerade auf CNN sieht, ruft Heide Schmidt ein Taxi.

Hotel Imperial, Ringstraße, 15.30 Uhr

Al Gore, ehemaliger Vizepräsident der USA unter Bill Clinton, der kaum ein Jahr zuvor und unter dubiosen Umständen bei den Präsidentenwahlen dem Republikaner George W. Bush unterlegen war, will zu einer Diskussion über die Zukunft des Internets aufbrechen. Ein Wagen der US-Botschaft sollte ihn abholen, aber es kommen mehrere Männer des Geheimdiensts und halten ihn im Hotel fest. Gore wird später nach Schwechat gebracht, kehrt aber nach einigen Stunden im VIP-Bereich wieder ins Imperial zurück, weil alle Flüge in die USA storniert wurden. Der ehemalige US-Vizepräsident wird noch tagelang in Wien festsitzen.

Messegelände, Wien-Leopoldstadt, 15.30 Uhr

„ZiB“-Anchorman Josef Broukal hat dienstfrei. Er soll am Wiener Messegelände eine Diskussion über die Zukunft des Internets mit prominenten Teilnehmern moderieren, etwa mit Siemens-Österreich-Direktorin Brigitte Ederer und dem ehemaligen Vizepräsidenten der USA, Al Gore. Kurz vor dem geplanten Beginn der Diskussion steckt ein Mitarbeiter des Veranstalters Broukal einen Zettel zu: Der Starmoderator möge sofort ins ORF-Zentrum auf dem Küniglberg kommen. Eine Funkstreife fährt Broukal mit Blaulicht nach Hietzing, ziemlich genau am anderen Ende der Stadt.

ORF-Zentrum, Küniglberg, 15.30 Uhr

Der ORF hatte rasch reagiert: Schon um 15.07 Uhr war Hannelore Veit in einer Sondersendung am Schirm gewesen, zwanzig Minuten nach dem ersten Anschlag und sechs Minuten nach der ersten vagen Agenturmeldung. ARD und ZDF schalteten sich erst um 15.45 Uhr zu. „Zwei Flieger sind in die Türme des World Trade Center geflogen und haben dort riesige Löcher hineingerissen“, lautet der erste Satz von Hannelore Veits Moderation. Während sie spricht, schiebt man ihren Co-Moderator Eugen Freund ins Studio. Freund ist weder geschminkt, noch hat er auch nur ein einziges Blatt Papier mitbekommen. Aber die Ereignisse erzählen ohnehin die Geschichte.

Der endlich am Küniglberg eingelangte Josef Broukal löst die Kollegen um 17 Uhr ab. 43 Stunden lang wird der ORF ununterbrochen über 9/11 berichten: von Dienstag, 15.07 Uhr, bis Donnerstag, 10 Uhr – die längste Sendung der ORF-Geschichte und vielleicht auch ihre legendärste. 9/11 war die letzte große Stunde des Fernsehens, bevor sich das World Wide Web anschickte, das Monopol des seit einem halben Jahrhundert dominierenden Mediums endgültig zu brechen. Fabelhafte 93 Prozent der Österreicher hatten das Ereignis im Fernsehen verfolgt, 90 Prozent davon im ORF. Nur 18 Prozent der Österreicher waren ins Internet eingestiegen, ergaben spätere Studien. Das wäre heute wohl anders.

Botschaft der USA, Boltzmanngasse, Wien-Alsergrund, 15.30 Uhr

In der Botschaft herrscht Ausnahmezustand. Selbst hier ist CNN die wichtigste Informationsquelle. Die in die Fahrbahn eingelassenen Sicherheitsbarrieren aus Beton werden hoch­gezogen. Das Sternenbanner am Fahnenmast setzen die Botschaftsangestellten in der allgemeinen Aufregung erst mit einiger Verspätung auf halbmast.

Die Botschaft ist laut einer internen Liste des Innenministeriums vom Tag nach dem Anschlag die gefährdetste Einrichtung der Republik. Auf den Plätzen folgen die UNO-City, die israelische Botschaft, die Synagoge in der Seitenstettengasse, das OPEC-Gebäude am Donaukanal, der Flughafen, der Millennium Tower und – die McDonald’s-Filialen.

Verteidigungsministerium, Dampfschiffgasse, Wien-Landstraße, 15.30 Uhr

Minister Herbert Scheibner (FPÖ) hat einen „Termintag“: Im Halbstundentakt sprechen Beamte, Mitarbeiter oder Journalisten vor. Kurz vor halb vier stürmt sein Adjutant Oberst Andreas Rotter mit einer Meldung ins Ministerbüro. Scheibner ruft sofort Generaltruppeninspektor Horst Pleiner zu sich. Einer der wichtigsten Offiziere ist bei einer Tagung außer Landes: General Alfred Schätz, Chef des geheimnisumwitterten Heeresnachrichtenamts HNA, des „Auslandsgeheimdiensts“ des österreichischen Bundesheers. Schätz wird telefonisch nach Wien beordert. Scheibner und sein Generalstab beschließen noch am Nachmittag die sofortige Schließung aller Kasernentore und die verstärkte Bewachung aller militärischen Anlagen, wie Munitionsdepots und Flughäfen. In Linz und in Zeltweg steigen je zwei Draken-Abfangjäger auf, bestückt mit Luft-Luft-Raketen. Gegen Abend kündigt die US-Botschaft für den nächsten Tag eine militärische Operation auf österreichischem Boden an: Zehn „Black Hawk“-Transporthubschrauber und acht „Apache“-Kampfhubschrauber würden in Budapest starten und 240 US-Bürger zu einer US-Luftwaffenbasis in Deutschland bringen. In Linz-Hörsching wolle man zwischenlanden. Die ­österreichische Heeresführung sagt zu, die ­Amerikaner in Linz zu verpflegen und die Hubschrauber aufzutanken. Wer da so rasch aus Ungarn evakuiert wurde, durften die Österreicher allerdings nie erfahren.

Truppenübungsplatz Seetaler Alpe, Steiermark, 15.30 Uhr

Langsam treffen die 1500 Soldaten am Übungsgelände ein. Gastgeber ist das österreichische Bundesheer, das Einheiten aus 21 Nationen zu einem Großmanöver im Rahmen der „Partnerschaft für den Frieden“ (Partnership for Peace, PfP) auf den Truppenübungsplatz Seetaler Alpe eingeladen hat, darunter Soldaten aus sieben NATO-Mitgliedsstaaten. Auch 45 US-Soldaten stellen gerade ihr Marschgepäck ab, als die Meldungen von den Anschlägen in den USA eintreffen.

Die militärische Führung berät, ob das Manöver abgesagt werden soll, beschließt dann aber dessen Fortsetzung. Nur auf die Eröffnungszeremonie wird aus Rücksicht auf die geschockten Amerikaner verzichtet.
Das Heeresabwehramt versorgt inzwischen über Deckmänner das „Komitee Solidarität für Neutralität“ – eine Plattform von zwölf antimilitaristischen Gruppen, die die Militärübung durch eine Sternwanderung im Übungsgelände stören will – mit falschen Informationen. In den folgenden Tagen marschieren die Pazifisten fernab des tatsächlichen Manövergebiets auf.

Kärntner Landesregierung, Klagenfurt, 15.30 Uhr

Landeshauptmann Jörg Haider ist in seinem Büro, als die Meldung von den Anschlägen in New York eintrifft. In einer ersten, einigermaßen skurrilen Stellungnahme ortet Haider „die organisierte Gewaltszene der Globalisierungsgegner“ hinter den Anschlägen auf die Twin ­Towers. Die EU müsse jetzt sofort das Schengen-Abkommen modifizieren, fordert er. Sein Gesinnungsfreund, der FPÖ-Rechtsaußen Otto Scrinzi, tritt drei Wochen später in einem Beitrag in der rechtsradikalen Zeitschrift „Aula“ zur Schuldaufrechnung an: „Nicht in Pearl Harbor, sondern in Dresden, Hamburg, Hiroshima und Nagasaki hat das Unheil von Manhattan begonnen.“ Zu diesem Zeitpunkt ist Haider als erster österreichischer Politiker schon in New York, besucht den Ground Zero, lädt 150 zu Waisen oder Halbwaisen gewordene Kinder zum Winterurlaub nach Kärnten und bemüht sich vergeblich um ein gemeinsames Foto mit dem New Yorker Bürgermeister Rudi Giuliani. Auch das ORF-Büro in Washington schickt trotz wütender Interventionen Haiders kein Kamerateam, um den vor den rauchenden Trümmern posierenden Landeshauptmann zu filmen. Also besorgt sich Haiders Pressesprecher Karlheinz ­Petritz eine Kamera und filmt und interviewt selbst. Das Band wird an den ORF Kärnten geschickt, der es tatsächlich in der Sendung „Österreich heute“ spielt. Der Redakteursrat des ORF protestiert scharf: Es dürfe nicht zugelassen werden, dass die Berichterstattung von „Mikrofonständern“ übernommen wird.

Innenministerium, Herrengasse, Wien, 15.30 Uhr

Michael Kloibmüller, Assistent von Kabinettschef Christoph Ulmer, ist der Erste, der die verstörende Agenturmeldung, die vorerst nur aus einer Titelzeile besteht, vom Ticker reißt: „Flugzeug crashte in World Trade Center“. „Einige Minuten lang hatten wir gedacht, es könnte sich um das ja ebenfalls ,World Trade Center’ genannte Bürogebäude am Flughafen Schwechat handeln“, erinnert sich Kloibmüller, heute Kabinettschef bei Innenministerin Johanna Mikl-Leitner. Als wenige Augenblicke später die zweite Maschine in den Turm flog, war alles klar. Wie im Verteidigungsministerium fehlt an diesem Tag auch im Innenministerium ein wichtiger Mann. Peter Gridling, Chef der Einsatzgruppe zur Bekämpfung des Terrorismus (EBT), befindet sich auf einer Anti-Terror-Tagung am deutschen Chiemsee und trifft erst am späten Abend in Wien ein.

Offenbar kam es schon am Tag nach den Anschlägen zu Spannungen mit der US-Botschaft. In profil vorliegenden Aufzeichnungen des Innenministeriums heißt es: „Forderungen nach kriminalpolizeilichen Vorgangsweisen und Grundrechtseingriffen konnte mangels Verdachtslagen und mangels konkreter Vorhalte nicht nachgekommen werden.“ Hatte der damals die Wiener US-Botschaft leitende Daniel Weygand die willkürliche Verhaftung in Österreich lebender Muslime verlangt?

Die österreichischen Sicherheitsbehörden gingen bei der Beobachtung der islamischen Szene in den folgenden Jahren jedenfalls alles andere als lax vor. profil verfügt zum Beispiel über einen mehr als hundert Seiten starken Observationsakt des Wiener Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung aus dem Jahr 2005, in dem es ausschließlich um die Beobachtung eines von Bosniern frequentierten Bethauses geht. Selbst Details aus dem Leben der zuständigen Hausbesorgerin sind darin festgehalten, obwohl die Verfassungsschützer zum Schluss kommen: „Es konnte keine Unterstützung und Probagierung (sic!) des Dschihad in Tschetschenien, Afghanistan oder im Irak dokumentiert werden. Es konnten keine Hinweise auf eine unmittelbare Terrorismusgefahr oder die Möglichkeit eines geplanten Anschlags gewonnen werden.“

Büro des Meinungsforschungsinstituts OGM, Bösendorferstraße, Wien, 15.30 Uhr

Wolfgang Bachmayer war auf einem Auswärtstermin gewesen. Als er gegen halb vier in sein Institut kommt, findet er die Büros leer vor. Nur aus dem hintersten Raum, dort, wo der Fernsehapparat steht, dringt aufgeregtes Stimmengewirr.

Bachmayer trommelt seine Interviewer zusammen und geht schon am nächsten Morgen mit der ersten Umfrage ins Feld. Deren Ergebnisse zeigen die tiefe Verstörung der Österreicher über die Ereignisse in den vorangegangenen Stunden.

Praktisch jeder der Befragten hatte von den Anschlägen gehört. 20 Prozent meinten, es stehe nun der Dritte Weltkrieg vor der Tür. Zwei von drei Befragten hielten die Ereignisse von Manhattan nur für den Auftakt einer furchtbaren Attentatsserie. Dass auch Österreich davon betroffen sein könnte, glaubte trotz der allgemeinen Aufregung nur jeder Vierte. Ganz hat sich die Aufregung bis heute nicht gelegt: Als profil vergangene Woche die Frage stellte: „Glauben Sie, dass es auch in Österreich gefährliche islamistische Terrorzellen gibt?“, antwortete fast die Hälfte mit „Ja, bestimmt“ bzw. „Eher ja“.

Epilog

2008 wurde in einer europäischen Wertestudie erhoben, welche Spuren die Ereignisse des 11. September 2001 in den Köpfen der Menschen hinterlassen haben. „Zu jenen Ländern, in denen sowohl fremdenfeindliche als auch antimuslimische Gefühle am stärksten ausgeprägt sind, zählen primär Österreich, Tschechien und Ostdeutschland sowie sämtliche baltischen Staaten“, heißt es da. 1998 hatten in einer Vergleichsstudie 15 Prozent der Österreicher gemeint, sie wollten keine Muslime als Nachbarn, 2008 gaben 32 Prozent diese Antwort. In keinem anderen Land war der Anstieg so stark.