A la Mode

Verhaltenstipps für alle, die 2005 nicht gegen den Mainstream schwimmen wollen.

Wenn Sie vorhaben, in diesem Jahr in die Politik zu gehen – gesundheitlich geeignete Voraussetzungen dafür scheinen Panik-Attacken, Schlaflosigkeit oder ein Burn-out-Syndrom zu sein –, dann ziehen Sie sich seelisch warm an. Es herrscht auf dem Terrain dieser teils gedankenlosen Hasardeure, teils verbissenen Mördergrübler nämlich eine höllische Kälte – paradox, aber wahr.

Zynismus gegenüber allem, was Gott oder sein sterbliches Ekelbild geschaffen hat, muss Ihr mindestes Unterfutter sein: wer Menschen nicht verachtet, kann sie nicht verarschen. Darin aber, werden Ihnen hartgesottene Rosstäuscher bald suggerieren, besteht ein wesentlicher Part Ihrer Profession. Schlüpfen Sie in eine querschuss-sichere weiße Weste und nadelstreifen Sie einen begräbnisfarbenen Anzug mit Titanflecken an den Ellbogen über; wenn Sie Ihr Heim verlassen, dann nie ohne Hut (auf der Sie zu sein haben) und tritt-feste Schuhe und einen aalglatten, gegen Argumente und Fakten imprägnierten Staub-Abwirbel-Mantel.

Üben Sie sich im schroffen Brüskieren, Ins-Wort-Fallen, und viel(=nichts)sagenden Andeuten. Das Anlügen und Abstreiten kommt von selbst. Geben Sie niemals Ihr Wort, es sei denn zu einem Sterbenden unter vier Augen. Lassen Sie sich von einer mitfühlenden Presse bedauern ob Ihrer geringen Lebensqualität – sie ahnt nicht, wie Sie das Bescheißen genießen.

Mag aber auch sein, dass Sie zwei und zwei zusammenzählen können und sich deshalb wirtschaftlich orientieren wollen. In diesem Jahr trägt der Unternehmer von Fluchtachtelwelt Firmengründungen über Nacht und Konkurse im Nebel. Wenn Sie heuer nicht spektakulär Pleite gehen, zählen Sie nicht zur ökonomischen Hautevolee, denn auch Arbeitgeber haben erfasst, dass sie sich der gesellschaftlichen Gier nach Events nicht verschließen können: Banken borgen prominenten Abbrandlern mehr als seriösen Nobodies.

Wenn’s zu einem stattlichen Firmenkracher nicht ganz reicht, weil irgendwer in der Belegschaft heimlich gespurt hat, dann fusionieren Sie sich wenigstens mit einem tratschbekannten, schon abgefüllten Hallodri. Sollten Sie jedoch ahnungslos so viel finanziellen Überschuss erwirtschaftet haben, dass es zum Leben Ihres Betriebs grade reicht, dann kaufen Sie einen anderen dazu. Und zwar Ihren schärfsten Konkurrenten, denn nichts sieht die branchenferne Öffentlichkeit lieber als feindliche Übernahmen. Und versprechen Sie Landespolitikern jede Menge Investitionen in Krisengebieten: Sie werden auf lange Zeit als die Mutter Teresa des Kapitalismus gelten.

Vielleicht sind Sie unmusikalisch, konnten in der Schule nie malen, hassen seit damals auch das Theater, halten Kino für ein asiatisches Land – dann dringen Sie unerschrocken in heimische Kulturgremien ein. Egal, ob Sie diesbezüglicher Wiener Stadrat oder nur Intendant eines gängigen Kobels werden wollen, ob Kärntner Kobold oder Salzburger Festspieldirektor – die Türen stehen Ihnen offen. In keinem öffentlichen Bereich haben Sie mehr bedeutungsschwangere Narrenfreiheit, in keinem können Sie nachhaltiger eine ganze Generation verblöden, in keinem können Sie mit so viel nachgeschmissenem Geld so viel Schmarrn produzieren und so viele Menschen um ihre Existenz bringen.

Wenn Sie daran zweifeln, ein derart hemmungsloses Gesamtkunstwerk zu sein, so wenden Sie sich bescheiden dem Sport zu. Auch dort, von glimpflichen Gemütern und einer glühend fanatisierenden Presse sicher umgeben, lässt sich trefflich verdienen. Um als „fachlich versierter“ Spitzen-Multifunktionär bei allen -Ms und -iaden herumgereicht zu werden, müssen Sie nur zwei Fixpunkte verinnerlichen: Das Zeugs, bei dem Sie mitzuschneiden gedenken, muss TV-tauglich sein; vergessen Sie Sport-Unarten, für die es kein „Werbe-Umfeld“, kein Product Placement, keinen Sponsor gibt. Ihr zweites Augenmerk gilt dem Nationalismus: was sich nicht bis zum Gespenstischen als „mit österreichischen Stars“ verkaufen lässt, existiert nicht. Im Sports-Biz gilt der ochlokratische1) Gedanke: Im TV sein ist alles.

Sollten Sie zufällig Geld (geerbt, geschont) haben, so geben Sie die Parole aus, jeder müsse für schlechte Zeiten sparen, was unsere Zeit bald zu einer so schlechten macht, dass Sie Objekte, die Sie schon lang begehren, günstig erwerben können.

Die Beschreibung Ihrer Freizeit ist für 2005 mit „Sex und Tischtennis“ am beneidenswertesten umrissen; als trendy darf noch „das Training für die aktive Teilnahme am Stadtmarathon von Shanghai“ genannt werden oder das Mitsegeln im „Admiral’s Cup“. Golf ist ebenso out wie Barmixerkurse und Städtereisen.
Als Geschenke sind Kuraufenthalte nützlich (da wissen Sie, dass eine Person nicht da ist), Tattoo-Sets in und leicht ramponierte „selbstgelesene“ Bücher durchaus möglich.

Die Mode diktiert der überragende Macho Karl Lagerfeld, der „nur ganz schlanke junge Frauen“ duldet. Männer sind dem ehemals Dickleibigen wurscht.
Sollten Ihre stromlinienförmig geschmiedeten Pläne allerdings scheitern, so ziehen Sie die Konsequenz stilvoll: besorgen Sie sich eine goldene 4-Millimeter-Liliput-Pistole mit nur einer Kugel.