Aber der Hans, der kann’s

Der Chef unseres Fußball-Nationalteams erwies sich als prachtvoller Psychologe.

Stellen Sie sich nur einen, eventuell schmerzhaften, Moment lang vor, Sie seien der Coach der österreichischen Fußballgötter, der Teamchef jenes Landes, das der Sportpresse zufolge von „König Fußball regiert“ wird – und Woche für Woche trotzig beweist, dass wir zumindest fußballerisch eine wahrhaftige Demokratie sind.

Bedenken Sie ferner, dass Sie zwei für Ihren Job nicht unwesentliche Aufgaben erfüllen müssen; Sie müssen sich unter den noch annähernd dieser Sportart wohlwollend gegenüberstehenden einheimischen Berufsspielern hastig und fruchtbar umsehen, wer von den verhältnis-unmäßig viel Verdienenden Ihr Vertrauen für die Qualifikationsspiele zur Fußball-WM 2006 verdient; und Sie müssen dies so unverfänglich, um nicht unauffällig zu schreiben, wie nur irgend möglich tun, um ja nicht die zu befürchtenden, erwartungsgemäß vernichtenden Schlagzeilen heraufzubeschwören.

Hans Krankl hatte das Glück des Tüchtigen. Zu einem Zeitpunkt, da ausnahmsweise fast ganz Europa vom Sport in dessen mannigfachsten Erscheinungsformen sprach, nahm er mit seiner Elitetruppe an dem einzigen sportlichen Ereignis teil, das, obgleich seine Tragweite branchenspezifisch sehr wichtig war, nun wirklich keinen Hund interessierte.

Im psychologisch allerbesten Moment präsentierte er seine alten bekannten und neuen mit Recht unbekannten Schützlinge in einer zweitägigen Aufführung eines Dings, das er als „das legendäre Vier-Nationen-Turnier von Zypern“ bezeichnete. Das mit Sicherheit Legendärste daran war, dass zu den zwei Auftritten unserer Beherzten keine 500 Menschen erschienen.

Wie denn auch? Selbst die Einwohner der Fußballweltmacht Zypern sahen sich im Fernsehen lieber den Karneval in Rio an, weil sie ihre Nationalelf etwas realistischer einschätzen als wir die unsere. Und die restlichen Europäer waren an manchen großen Läufern bei der Ski-WM in Bormio interessiert, fast ebenso stark daran, wie effizient im Fußball wirklich gemogelt werden kann und ob es in Deutschland und Österreich tatsächlich denkmöglich ist, dass erwachsene Menschen absichtlich noch schlechter spielen können.

In etlichen europäischen Ländern wurde jenen, die Fußball noch für eine genüssliche, allenfalls lässliche Sünde halten und nicht für eine Demonstration jäher Beschaffungskriminalität, überdies noch Spannendes beschert. Ein Ami versucht im dritten Anlauf, den britischen Traditionsklub ManU zu kaufen, der Millionärsstadl Chelsea wird heuer womöglich erstmals seit Fangedenken englischer Meister, in Spanien schleicht sich Real Madrid an den schon höchstgejubelten Rivalen FC Barcelona an, in Italien rückt der AC Milano der alten Dame Juventus auf den Leib, und in Deutschland scheint sich Bayern München für die letzten verhauten Jahre zu revanchieren.

Sogar Österreich sorgte für unsportliches Aufsehen, weil der Bau-Auftrag fürs Klagenfurter Stadion infolge der fahrlässigen Dodelhaftigkeit irgendwelcher Kärntner Lindwürmer ins Wanken geriet und mit einem Mal nicht mehr sicher war, dass die Fußball-EM 2008 wie geplant in der Schweiz und Österreich stattfindet.

Es war also ganz schön was los für die Aficionados, und so war Hans Krankls Idee, mitten in der Wintersport-Klimax und abseits der ersten Frühjahrsrunden der Meisterschaften in den großen Fußballnationen an einem Turnier in Zypern teilzunehmen, genial. Auch für die Spieler musste diese Entscheidung Honigseim für die Seele gewesen sein. Endlich einmal wo spielen können, wo einem, außer dem treuen ORF, niemand zuschaut, einmal kein undankbar murrendes oder gar fachlich juristisches Publikum, endlich einmal nach Lust und Laune zeigen dürfen, was in einem steckt.

Gewiss, ein Restrisiko war schon dabei, denn nicht nur die Zyprioten, sondern auch die beiden anderen Gäste, Finnland und Lettland, mochten insgeheim eine ähnliche Vorstellung hegen. Allein, in diesem Fall gedachten unsere eiskalten Profis, ihre überlegene Technik auszuspielen, die höchstens von der stets subtilen Strategie des Meisters Krankl übertroffen werden kann.

Im ersten Spiel gegen den Gastgeber Zypern musste das unerhört motiviert wirkende Team natürlich zunächst dem verheerenden Publikumsterror trotzen: 400 Unverfrorene waren bei minus 5 Grad Celsius ins Stadion gekommen. Doch in den ersten 45 Minuten gelangen den Österreichern gleich drei Angriffe aufs zypriotische Tor, deren einer auch erfolgreich endete. Als das haushohe 1:0 schon fix schien, glichen die andern in der Schlussminute aus und schlugen unsere begreiflich entgeisterten Fersler im Elferschießen. Auch im zweiten Match gegen Lettland waren unsere Artisten nicht zu biegen, schließlich stand es wieder 1:1, und erst im Elferschießen verloren wir wieder, sodass wir uns als guter Vierter verabschieden konnten.

Und Hans Krankl hat klar erkannt, dass wir uns vor den Qualifikationsspielen nicht zu fürchten brauchen, denn: „In denen gibt’s kein Elferschießen.“

Was Hänschen nicht lernte, lernt Hans immer mehr.