Affäre: Nah am Feuer

Der schillernde Wiener Geschäftsmann Martin Schlaff hat sich klammheimlich beim RHI-Konzern eingekauft. Der Hersteller von feuerfesten Produkten könnte schon demnächst russisches Eigentum werden.

Es ist nicht ganz einfach, eines Mannes wie Martin Schlaff habhaft zu werden. Der 53-jährige Unternehmer absolviert jährlich ein Reisepensum, welches eines Außenministers würdig wäre. New York, London, Paris, Moskau, St. Moritz. Er disponiert nebst zahlreichen anderen Annehmlichkeiten über eine Candair Challenger Typ 604, die einmal einem gewissen Jassir Arafat gehört hat. Schlaff begrüßt dann und wann Freunde an Bord. Wolfgang Schüssel zum Beispiel, Alfred Gusenbauer, Hubert Gorbach, Ex-Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner oder auch Staatsoperndirektor Ioan Holender. Schlaff hat eine Menge Freunde in aller Welt, weshalb es in dem Flugzeug mithin ziemlich eng werden kann.

Es ist reichlich schwierig, die vielfältigen Unternehmungen von Martin Schlaff auf einen Nenner zu bringen. Über seine Robert-Placzek-Gruppe, am Trattnerhof Nummer eins in der Wiener Innenstadt domiziliert, handelt er international mit Holz, Papier und Zellstoff. Einst hat er Computer in die damalige DDR geliefert, mit der Bawag ein Kasino in Jericho im palästinensischen Autonomiegebiet eröffnet, später mit Partnern Mobilfunkunternehmen in Bulgarien und Serbien ge- und später mit fettem Profit wieder verkauft.

Es ist schier unmöglich, ihn dazu zu befragen. Interviews sind ihm prinzipiell lästig, Fragen nach seinen Geschäften erst recht.

Das gilt auch für seinen jüngsten Coup. Schlaff hat sich vor wenigen Wochen in aller Stille gut sechs Prozent des RHI-Konzerns gesichert und ist damit auf dem Papier zu einem der größten Einzelaktionäre des börsenotierten Herstellers von feuerfesten Werkstoffen (Jahresumsatz 2005: 1,2 Milliarden Euro) avanciert.

Bei den Anteilen handelt es sich um so genannte Wandelschuldverschreibungen, die bislang von der Erste Bank gehalten wurden. Die Papiere – sie können ab Jahresbeginn 2007 in RHI-Aktien getauscht werden – waren Teil jenes Sanierungspakets, welches anlässlich der Beinahepleite des Konzerns Anfang 2002 von den Gläubigerinstituten Bank Austria Creditanstalt (BA-CA), Erste Bank, Raiffeisen Zentralbank (RZB) und Bawag geschnürt worden war (siehe auch Kasten nächste Seite).

Der Rückzug. „Es war im Markt bekannt, dass wir unsere RHI-Positionen auflösen wollten“, sagt ein Manager der Erste Bank. „Herr Schlaff ist mit dem Wunsch, diese zu übernehmen, an uns herangetreten, und wir haben verkauft.“ Mehr will der Erste-Mitarbeiter mit Hinweis auf das Bankgeheimnis nicht sagen. Dem Vernehmen nach soll Schlaff die Transaktion bei keinem Geringeren als Erste-Generaldirektor Andreas Treichl entriert haben. Auch zu Treichl soll der Geschäftsmann ausgesuchte Kontakte unterhalten.

Schlaff selbst will den Deal, der profil inzwischen von mehreren Seiten bestätigt wurde, freilich gar nicht getätigt haben. Über seinen Sprecher lässt er lediglich ausrichten: „Martin Schlaff besitzt keine RHI-Anteile.“

Das Dementi kommt nicht weiter überraschend. Denn bei dem Geschäft geht es um weit mehr als eine simple Wertpapiertransaktion.

Dem RHI-Konzern stehen, nur fünf Jahre nach den existenzbedrohenden Schadenersatzklagen von Asbestgeschädigten in den USA, turbulente Zeiten ins Haus.

Mit 1. Jänner 2007 drohen die über Jahre verfestigten Anteilsverhältnisse völlig durcheinanderzugeraten. Wegen nämlicher Wandelschuldverschreibungen, die jetzt nach und nach auf den Markt kommen. Im Februar 2002 hatte das hoch verschuldete Unternehmen über die Platzierung der Titel insgesamt 144,7 Millionen Euro in die leeren Kassen geholt. Die Banken zeichneten damals Schuldverschreibungen im Gegenwert von 100 Millionen Euro, der Rest entfiel auf private Investoren. Während die Privaten bereits ab 2003 Zug um Zug wandeln konnten, war das ungleich größere Bankenpaket gleichsam blockiert.

Die Sperrfrist endet am 31. Dezember 2006, Mitternacht. Ab da können auch diese Schuldverschreibungen, die so genannte Tranche A, in RHI-Aktien getauscht werden. Und das nicht zu knapp: Mit einem Schlag kommen bis zu 13 Millionen weitere Aktien in Umlauf, das entspricht annähernd der Hälfte des aktuellen RHI-Aktienkapitals.

Zu Redaktionsschluss war völlig unklar, wo die Anfang 2002 von den Banken aufgegriffenen Wandelschuldverschreibungen in den vergangenen fünf Jahren gelandet sind. Die Bawag soll ihre RHI-Anteile bereits lange vor der Erste Bank verhökert haben, auch die BA-CA dürfte nur mehr auf einem Bruchteil des ursprünglichen Bestandes sitzen. Einzig die RZB beteuert, bislang keine Schuldverschreibungen verkauft zu haben.

Die Moskau-Connection. Seit Tagen halten sich in Wien hartnäckig Gerüchte, die Papiere seien zu einem guten Teil ins Ausland gegangen, genauer: zu russischen Investoren beziehungsweise deren Vertrauensleuten im Westen.

Und das bringt wiederum Martin Schlaff ins Spiel. Dem Vernehmen nach soll er die Anteile im Auftrag Dritter beschafft haben. RHI-Aufsichtsratspräsident Michael Gröller dazu: „Martin Schlaff ist, soweit ich das beurteilen kann, ein Trader im klassischen Sinn des Wortes.“

Der Unternehmer mit der sorgsam gepflegten Öffentlichkeitsscheu verfügt über eines der am feinsten gewobenen Beziehungsnetze überhaupt. In den Nahen Osten zum Beispiel. Mit Herren wie Jitzhak Rabin, Ariel Sharon und Jassir Arafat war oder ist Schlaff ebenso auf Du wie mit der halben österreichischen Bundesregierung. Und offenbar auch mit einer Reihe russischer Oligarchen, darunter: Oleg Deripaska, so etwas wie der ungekrönte König der weltweiten Aluminiumindustrie, sowie Alexej Mordaschow, Mehrheitsaktionär des russsichen Stahlkonzerns Sewerstal.

Beide gelten als Intimfreunde von Präsident Wladimir Putin – und spielen Schlüsselrollen bei der geplanten Neuordnung des russischen Stahl- und Aluminiumsektors. Also jenes Bereichs, in dem die RHI-Gruppe den Großteil ihrer Umsätze tätigt. Die feuerfesten Produkte des österreichischen Konzerns sind, wie der Name schon sagt, extrem hitzeresistent. Sehr vereinfacht gesagt, werden damit Öfen in der Stahl-, Aluminium-, Kupfer- und Glasindustrie ausgelegt.

Jüngst erst hat Deripaska seine Russian-Aluminium-Gruppe auf Putins Wunsch mit dem Sual-Konzern von Wiktor Wexelberg zum weltgrößten Aluminiumhersteller fusioniert. Geht es nach dem Kreml, soll demnächst auch Mordaschows Sewerstal mit der Evraz-Gruppe zusammengehen – sie steht im Einflussbereich eines gewissen Roman Abramowitsch, seines Zeichens reichster Russe überhaupt.

Womit Russland weite Teile des weltweiten Aluminium- und Stahlmarktes beherrschen würde.

Mordaschow und Deripaska sind in Österreich nicht gänzlich unbekannt. Der Sewerstal-Eigentümer durchlief zu Beginn der neunziger Jahre eine Ausbildung bei der VoestAlpine – als eine Art kaufmännischer Lehrling. Deripaska wiederum weilte erst Anfang Februar dieses Jahres in Wien. Zusammen mit ausgewählten russischen Geschäftsleuten kam er einer Einladung der BZÖ-nahen Werbeagentur 100% Communications nach. Die Agentur von BZÖ-Wahlkampfleiter Gernot Rumpold spielt eine aufklärungswürdige Rolle in der Affäre um die Beschaffung der Eurofighter. An dem „Russischen Meinungsaustausch“ im Kursalon Hübner nahmen auch Vizekanzler Hubert Gorbach und Justizministerin Karin Gastinger teil (siehe BZÖ-Bericht Seite 30).

Die RHI mag in der Neuausrichtung der russischen Schlüsselindustrien eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen. Aber sie verdient inzwischen wieder gutes Geld – und die Kontrolle ist vergleichsweise einfach zu erlangen. Lediglich zwei Aktionäre halten – jedenfalls vor der Fälligkeit der Wandelschuldverschreibungen Anfang 2007 – jeweils etwa fünf Prozent: die Kärntner AvW-Gruppe sowie der deutsche Industrielle Wilhelm Winterstein.

Mit Jahreswechsel dürfte sich das ändern. Wo immer die Wandelschuldverschreibungen gelandet sein mögen – der oder die Besitzer könnten mit einem Schlag das Ruder bei RHI übernehmen. „Es ist davon auszugehen, dass es zu nennenswerten Veränderungen im Aktionärskreis kommen wird“, sagt RHI-Aufsichtsratspräsident Gröller, „mit Jahresbeginn werden sich die neuen Aktionäre deklarieren müssen.“

Der scheidende Vorstandschef Helmut Draxler, der die Sanierung des Konzerns maßgeblich verantwortet, will zwar nichts von neuen Aktionären gehört haben. „Wir wissen nicht, wer wie viele Anteile gezeichnet hat. Ich habe kein einziges Indiz dafür, dass einer oder mehrere Russen ein Engagement anstreben. Mit dem Management hat jedenfalls niemand Kontakt aufgenommen.“ Die mögliche Erklärung für das plötzliche Interesse am Konzern liefert er aber gleich mit. „Unsere Aktie ist nach wie vor preiswert, und wir haben zuletzt im Geschäft eine super Performance hingelegt.“

Der Widerstand. Die russischen Begehrlichkeiten haben indes auch zwei RHI-Urgesteine auf den Plan gerufen. Die früheren Generaldirektoren Hellmut Longin und Walter Ressler. Sie mühen sich seit Wochen, eine Art „österreichisches Konsortium“ auf die Beine zu stellen. Bislang allerdings mit überschaubarem Erfolg.

Beide Herren sind zwar gut situiert. Das angepeilte Ziel einer Sperrminorität dürfte jedoch ziemlich kostspielig werden. Der Kurs der RHI-Aktie ist im Lichte der Spekulationen um annähernd 40 Prozent gestiegen. „Es hat immer wieder Übernahmegerüchte um RHI gegeben“, sagt Ressler, „und letztlich ist es nie dazu gekommen. Wir wollen dessen ungeachtet ein österreichisches Kernaktionariat schaffen.“

Wie er das hinkriegen will, sagt Ressler nicht. Aufsichtsratschef Gröller äußert darauf angesprochen erhebliche Zweifel: „Es wäre natürlich schön, gäbe es ein österreichisches Konsortium. Aber ich kann Ihnen versichern: Es gibt keines.“

Von Michael Nikbakhsh