Der Platz der Kadaver

Am Horn von Afrika spielt sich die schlimmste ­humanitäre Katastrophe der Gegenwart ab. Ein Augenzeugenbericht aus dem kenianischen ­Flüchtlingslager Dagahaley.

Von Johannes Dieterich, Dagahaley

Das Schlimmste sollte jetzt eigentlich vorüber sein. Die weiß gleißende Sonne, deren Hitze den Schädel zum Kochen brachte, ist einem warmen, gelben Ball gewichen, und der Wind, der den Sand in jede Pore, in die Augen und zwischen die Zähne trieb, hat sich ebenfalls beruhigt. Osman Liban Ali und sein Freund Hassan müssen nur noch wenige Kilometer mit ihrem Eselswagen an den am Wegrand liegenden Kuh- und ­Ziegenkadavern vorbeiziehen. Dann ist ihr Marsch vorbei, der sie elf Tage und Nächte lang fast ununterbrochen auf den Beinen hielt. Am nächsten Morgen werden sie sich in ihren Badelatschen, die ihre schrundig gelaufenen Füße schützen sollten, in die Schlange vor dem Empfangszelt des ostkenianischen Flüchtlingszen­trums Dadaab einreihen – gemeinsam mit fast 1500 somalischen Landsleuten, die derzeit Tag für Tag ins Nachbarland geschlurft, gezogen oder auch gefahren kommen.

Ein Land leert sich.
Nach Angaben der Vereinten Nationen spielt sich am Horn von Afrika die schlimmste humanitäre ­Katastrophe der Gegenwart ab: Erstmals seit der äthiopischen Tragödie vor einem Vierteljahrhundert musste der Staatenbund wieder eine Hungersnot erklären. Zwölf Millionen Menschen sind nach UN-Angaben von dem Desaster betroffen. Eine halbe Million Kinder soll vom Tod durch Verhungern bedroht sein. Im Mittelpunkt der Katastrophe steht dieses Mal das ­Bürgerkriegsland Somalia, das von der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren heimgesucht wird. Drei Jahre lang haben Kleinbauer Osman und sein Freund Hassan keinen richtigen Regen mehr erlebt. Schließlich waren sämtliche von Osmans 50 Ziegen und zehn Rindern verendet. Dem 28-Jährigen blieb nichts mehr anderes ­übrig, als mit seiner Familie das Weite zu suchen.

Dabei haben er und sein Freund Hassan noch einmal Glück gehabt. Ihre Flucht verlief fast ohne Zwischenfälle. Osmans Frau und seine vier Kinder konnten sogar eine Mitfahrgelegenheit auf einem Lastwagen ergattern – wenn alles gut ging, wird er sie im Flüchtlingslager wiederfinden. Salma Mahmod war solches Glück nicht zuteil: Die 30-jährige Witwe, die am nächsten Morgen zusammengesunken in der Schlange auf ihre Registrierung wartet, verlor auf der Flucht drei ihrer vier Kinder. Jeden Morgen sammeln die „Ärzte ohne Grenzen“ vor dem Empfangszelt im Lager Dagahaley jene Menschen auf, die vor Schwäche nicht mehr auf die Beine kommen. Abdullahi Mohammed, dessen Familie von Banditen auf der Flucht bis auf die Kleider ausgeraubt wurde, können auch die Ärzte nicht helfen. Wie viele Flüchtlinge den oft bis zu drei Wochen dauernden Exodus nicht überlebten, wissen weder die UN noch private Hilfsorganisationen zu sagen: Denn die Landstriche, durch die die Fliehenden ziehen, sind wegen der Präsenz der „al-Schabab“ („die Jungs“) genannten radikalislamistischen Milizionäre für Ausländer tabu. Auch Osman weiß nicht, ob die beiden älteren Frauen, die ihn, erschöpft am Wegrand kauernd, um eine Mitfahrgelegenheit anflehten, inzwischen noch am Leben sind. Mitnehmen konnte er sie auf seinem Eselskarren nicht.

Osmans Dorf Hager in der somalischen Juba-Region ist inzwischen vollkommen ausgestorben. Nachdem das Vieh tot, die Ernte vertrocknet und die ersten Nachbarn gestorben waren, habe die große Flucht begonnen, erzählt der Farmer. Auch wenn die „Jungs“ von al-Schabab den Exodus mit massiven Drohungen noch zu verhindern suchten. Trotz der sich anbahnenden Hungersnot hatten die Islamisten seit zwei Jahren keine Hilfsorganisation mehr ins Land gelassen: Sie fürchteten, das Volk könne sich zu den westlichen Gönnern hingezogen fühlen. Erst vor wenigen Tagen revidierten die Gotteskämpfer ihre Strategie. Jetzt rufen sie selbst christliche Hilfsorganisationen auf, ins Land zu kommen – aus Furcht, andernfalls bald nur noch über leere Dörfer oder gefüllte Friedhöfe zu herrschen. Elftausend Menschen, schätzen die Vereinten Nationen, sollen in den vergangenen 45 Tagen in Somalia bereits den Hungertod gestorben sein.

Auch Nunay Ali Hassan kam vor 15 Tagen voller Erwartungen im Lager Dagahaley an. Jetzt sitzt der 80-jährige Greis mit seiner Frau, seiner 98-jährigen Mutter und drei Enkeln in einem aus Zweigen und Decken gebauten Wüsten-Iglu – und wartet, bis mitleidige Nachbarn etwas von ihrem Maisbrei mit ihm teilen. Bei ihrer Ankunft im Lager erhielt die Familie zwar das obligatorische farbige Armband, doch bis zur offiziellen Registrierung, die auch zum Empfang von Nahrungsmittelhilfe berechtigt, können insgesamt Wochen vergehen. Denn das UN-Flüchtlingswerk ist mit der Registrierung der Neuankömmlinge vollkommen überfordert. Täglich werden die Wartezeiten der auf ihre Registrierung wartenden Hungerflüchtlinge länger. Auch sind die drei nur wenige Kilometer aus­einander gelegenen Lager des Flüchtlingszentrums inzwischen völlig überfüllt. Schon vegetieren weit mehr Menschen außerhalb der Camps vor sich hin, als in den zu kleinen Städtchen herangewachsenen Quartieren leben, in denen Somalier bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten Zuflucht vom Chaos in ihrer anarchischen Heimat suchen.

„Bulabakti“ heißt das Areal
, in dem Greis Nunay seine Hütte errichtet hat: „Der Platz der Kadaver“, weil hier einst die Überreste geschlachteter Tiere hingeworfen wurden. Inzwischen hat der makabre Name eine noch makabrere Bedeutung erhalten. In den 15 Tagen, die der Großvater hier lebt, sind in seiner Nachbarschaft bereits vier Menschen gestorben. Neben Nunays Iglu schreit ein nackter kleiner Junge, dessen faltiger Po auf akute Mangelernährung hinweist, nach seiner Mutter. Vermutlich ist sie zur Nahrungssuche unterwegs. Im nahe gelegenen Hospital in Ifo musste Dr. Moses Lagat bereits zum zweiten Mal die Station für mangelernährte Kinder vergrößern. Zwischen mehr als dreißig lebensgefährlich erkrankten Skelettchen schreit dort auch die zweijährige Tamima, die kaum noch fünf Kilo auf die Waage bringt. Sie kam mit ihrer 34-jährigen Mutter bereits vor einem Monat im Flüchtlingszentrum an. Vom drohenden Hungertod bewahrt hat sie das nicht.

Womöglich ist die derzeitige Hungersnot eine der bestvorhergesagten Katastrophen dieser Welt. Bereits seit Monaten machten Experten auf die bevorstehende Dürre am Horn von Afrika aufmerksam: eine Konsequenz der regelmäßig auftretenden Abkühlung des Pazifiks, des so genannten La-Niña-Effekts. Zusammen mit dem somalischen Bürgerkrieg versprach die Trockenheit eine katastrophale Mischung abzugeben – und trotzdem blieben vorbeugende Maßnahmen, welche die Wucht der Krise hätten mindern können, aus. „Keiner zahlt für eine nur angekündigte Katastrophe“, bringt Johann van der Kamp von der Deutschen Welthunger­hilfe den Zynismus auf den Punkt. „Das Desaster muss schon perfekt sein, damit die Regierungen überhaupt in die Tasche greifen.“ Für Zigtausende zu spät.

Allerdings scheint die Hilfsbereitschaft dieses Mal nicht einmal nach Beginn der Katastrophe auf Touren zu kommen. Nach Auffassung der Vereinten Nationen sind über eine Milliarde Dollar nötig, um der Hungersnot wirksam begegnen zu können. Doch bislang haben sich die Regierungen der Industrienationen lediglich zur Zahlung von 200 Millionen Dollar verpflichtet. Staatliche Hochverschuldung im Euroraum und andere Folgen der Weltwirtschaftskrise hätten die Freizügigkeit in den Geberländern stark eingeschränkt, klagt van der Kamp: „Und dabei wird sich die Lage am Horn von Afrika in den kommenden Monaten noch rapide verschlechtern.“

Unter den privaten Hilfsorganisationen ist die von Medienberichten angefeuerte Maschinerie schon besser angelaufen, was der Wirksamkeit der Hilfsprogramme allerdings auch nicht unbedingt zugutekommt. Derzeit strömen Wohlfahrtsexperten ins Epizentrum der Katastrophe nach Dadaab, um sich einen Anteil an den ­publikumswirksamen guten Werken zu sichern, während bereits anwesende Wohltäter die neue Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen versuchen. Wer wie das mächtige US-Hilfswerk Care einen Langzeitvertrag mit dem Welternährungsprogramm WFP zur Nahrungsverteilung abgeschlossen hat, kann jetzt die Früchte seiner ­Monopolstellung ernten: auch wenn das nicht unbedingt der Effektivität der Hilfsleistungen zugutekommt.