„Ahmadinejad hat vor dem Haus gewartet“

Der iranische Journalist D über seine Behauptung, der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad sei 1989 Mitglied jener iranischen Terrorgruppe gewesen, die drei Kurden in Wien ermordete.

In einer Telefonzelle irgendwo in Frankreich steht D, als profil anruft. D, ein aus dem Iran geflohener Journalist, will seine Identität nicht preisgeben. Er hat Angst. Ein hoher Pasdaran-Offizier, Nasser Taghipoor, habe ihm, bevor er auf mysteriöse Art zu Tode gekommen sei, Brisantes erzählt: Taghipoor sei selbst Mitglied jener Terroreinheit gewesen, die im Juli 1989 in Wien den Führer der iranischen Kurden, Abdulrahman Ghassemlou, und zwei weitere Kurden erschossen hat. Mitglied dieses Mordkommandos in Wien sei auch der kürzlich gewählte iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad gewesen. Am 20. Mai führte der grüne Abgeordnete Peter Pilz ein langes Gespräch mit D – zu einer Zeit, als Ahmadinejad bereits für das Präsidentenamt kandidierte, jedoch keineswegs zum Kreis der Favoriten gezählt wurde. Sein Name sei, so Pilz, damals „nur ganz am Rande“ gefallen. Wie glaubhaft ist D, wie plausibel sind seine Aussagen? Dem wollte profil in dem Telefongespräch mit dem Iraner nachgehen.

profil: Wie kam es dazu, dass Nasser Taghipoor Ihnen von der Mordkommandoaktion in Wien erzählte?
D: Ich kannte Herrn Taghipoor seit Mitte der neunziger Jahre. Er war ein Freund der Familie. Wir haben eine familiäre Beziehung gehabt. Er hat meinen Werdegang verfolgt, wie ich studiert habe, wie ich Journalist wurde. Wir waren recht eng. Wir haben uns ein- bis zweimal im Monat spontan getroffen und über verschiedene Tagesthemen geredet.
profil: Wurde da auch kontroversiell diskutiert?
D: Taghipoor war die längste Zeit sehr loyal zur Regierung. Es kam oft zu Meinungsverschiedenheiten zwischen uns. Er war seit der Gründung der Revolutionsgarden, der Pasdaran, sehr aktiv dabei. Die Werte, die zur Revolution geführt haben, waren für ihn überaus wichtig.
profil: Welche Funktion hat Taghipoor gehabt?
D: Bei ihrer Gründung waren die Pasdaran noch keine organisierte Einheit. Sie entstanden in der Revolution gegen den Schah. Da bewaffneten sich die Leute. Eine Karriere als Offizier oder Unteroffizier, wie man das bei den regulären Armeen kennt, gab es anfangs nicht. Als man die Organisation formalisierte, wurde er Oberst und gleich in der Al-Quds-Einheit, die für Information, Informationssicherheit und verschiedene Aktionen zuständig war, aktiv.
profil: Welchen Rang hatte er, als er Ihnen die Geschichte von den Kurdenmorden erzählte?
D: Er war Sardar. Das ist ein islamischer Rang. Man könnte das frei mit „Heerführer“ übersetzen.
profil: War er mit politischen Führern des Landes bekannt?
D: Er war ein guter Freund des Sohns des ehemaligen Präsidenten Hashemi Rafsandjani (Anm. d. Red.: der jetzt bei den Präsidentenwahlen Mahmoud Ahmadinejad unterlag).
profil: Wie hieß der Sohn?
D: Jazer Rafsandjani.
profil: Welche Funktion hatte der?
D: Er hat selbst keinen Rang gehabt. Er arbeitete im Büro seines Vaters, als der Präsident war.
profil: Wann hat Taghipoor Ihnen vom Mordanschlag in Wien erzählt?
D: Ende 1380 im iranischen Kalender. Also etwa vor dreieinhalb Jahren.
profil: Warum, glauben Sie, hat er gerade Ihnen das erzählt?
D: Genau diese Frage habe ich ihm damals auch gestellt. Und er hat zwei Gründe angegeben: „Erstens einmal, weil ich dich schon von Jugendzeit an kenne. Ich habe Vertrauen zu dir. Zum Zweiten, weil du Journalist bist. Wenn das irgendwann einmal veröffentlicht wird, dann weißt du, wann und wo das publiziert werden soll, weil du dich da auskennst.“
profil: Wo und unter welchen Umständen hat das Gespräch stattgefunden?
D: Ich habe in der Nähe seines Arbeitsplatzes gewohnt. Er hat mich angerufen. Er wollte mit mir sprechen. Ich habe ihn gefragt, ob ich gleich zu ihm ins Büro kommen solle. Er lehnte ab. Ich möge zu ihm, in sein Elternhaus, kommen. Da war es dann nach zehn Uhr abends. Zunächst hat er eine Stunde über alles Mögliche geredet. Ich habe aber eine gewisse Anspannung bei ihm bemerkt. Da fragte ich ihn, was er mir sagen wolle, nur zum Plaudern hätte er mich doch nicht zu sich gebeten. Das sei richtig, antwortete er. Er wolle etwas bei mir deponieren: „Ich erwarte einen Auftrag, eine Reise. Und wenn ich zurückkomme, dann musst du mir versprechen, dass du alles, was du heute hörst, vergisst. Aber wenn mir irgendetwas passieren sollte, darfst du die Informationen veröffentlichen.“ Und er sagte: „Falls du das machst, was ich dir sage, dann wird das für dich keine Probleme bringen.“
profil: Und dann erzählte er Ihnen die Mordgeschichte. Warum? Wollte er jemandem schaden? Wollte er beichten?
D: Ich wusste selbst nicht, wieso er mir das erzählt. Erst später begriff ich, was er damit bezweckt hat. Ich glaube, er ist zum Schluss gekommen, dass das Regime die Pasdaran und die Spezialeinheit Al Quds, wo er das Sagen hatte, instrumentalisiert. Er hat sich irgendwie betrogen gefühlt.
profil: Wodurch?
D: Die Hauptaufgabe von Al Quds bestand ursprünglich in der Unterstützung der Freiheitsbewegungen in aller Welt. Aber diese Einheit hat sich dann von den Zielen der Anfangszeit sehr weit entfernt und ist zu einem Instrument zur physischen Vernichtung Oppositioneller geworden.
profil: Da hat er ja mitgespielt.
D: Die Führungskräfte haben angefangen, Geschäfte zu machen. Sie haben Geld zur Verfügung gehabt, das sie dann für persönliche Zwecke benutzten und abzweigten.
profil: War Taghipoor zum Zeitpunkt des Gesprächs überzeugt, dass es richtig war, die Morde in Wien zu begehen?
D: Das glaube ich nicht. Er hat sicher Schuldgefühle verspürt, sonst hätte er es mir nicht erzählt.
profil: Was war der Auftrag, vor dem er sich gefürchtet hat?
D: Die Pasdaran haben sich auch an Aufbauprojekten beteiligt, quasi als populistische Aktionen. Dass er für solch eine Aufbauaktion eingesetzt wird, war für ihn – angesichts seiner Qualifikationen – höchst überraschend. Und er hatte offenbar Angst. Einige Zeit später geschah in der Tat, was er geahnt hatte. Er ist, so hieß es, bei einer Tauchübung im Karounfluss, im Süden des Irans, ertrunken aufgefunden worden.
profil: Hat er explizit Ahmadinejad als Mitwirkenden an der Kommandoaktion in Wien genannt?
D: Er hat ihn mehrmals erwähnt.
profil: Sie haben dem früheren iranischen Präsidenten und jetzt in Paris lebenden Oppositionellen Bani Sadr einen schriftlichen Bericht gegeben. Da kam Ahmadinejad nicht vor?
D: Das war ein allgemeiner Bericht, und ich bin mit Bani Sadr übereingekommen, dass wir keine Namen nennen.
profil: Aber da sind doch Namen genannt.
D: Nur die bereits bekannten. Es gibt noch andere Personen, die ich nicht erwähnt habe, um zu verhindern, dass dadurch meine Identität offen gelegt wird.
profil: Wann haben Sie den Bericht geschrieben?
D: Den ersten habe ich noch im Iran geschrieben, nicht hier in Frankreich. Er war auf der Festplatte in meinem Computer, und der ist dann von der Regierung beschlagnahmt worden. Der Bericht auf der Festplatte war codiert.
profil: Nach der Hausdurchsuchung in Teheran sind Sie aus dem Iran geflohen. Wann war das?
D: Genau will ich Ihnen das nicht sagen. Sagen wir: vor weniger als einem Jahr.
profil: Und wie sind Sie dann zu Bani Sadr gekommen?
D: Bevor ich nach Paris kam, habe ich ihn persönlich nicht gekannt. Ich wusste aber einiges über ihn. Am Anfang habe ich ihm auch nichts von der Sache in Wien erzählt, erst als eine Art Vertrauen zwischen uns entstanden war, gab ich ihm den Bericht.
profil: Wussten Sie, als Sie den Bericht schrieben, dass Ahmadinejad für die Präsidentschaft kandidiert?
D: Als ich den Bericht im Iran auf meine Festplatte schrieb, wusste ich das noch nicht. Dann bei Bani Sadr schon.
profil: Welche Rolle hat Ahmadinejad in Wien gespielt?
D: Er war quasi Reserve. Wäre einer des Terrorkommandos ausgefallen, wäre er der Ersatzmann gewesen. Er ist aber nicht in Aktion getreten.
profil: Vor Ort war er schon?
D: Er hat vor dem Haus gewartet.
profil: Was für eine Funktion hatte Ahmadinejad 1989 innerhalb der Pasdaran?
D: Damals gab es weder bei den Pasdaran noch bei Al Quds Ränge. Die wurden erst später, wann, weiß ich nicht, eingeführt. Bitte beeilen Sie sich, ich muss bald aufhören.
profil: Nur noch ein paar Fragen: Aus wie vielen Personen bestand die Kommandogruppe in Wien?
D: Es gab ein Verhandlungsteam und ein Terrorteam. Ahmadinejad war der Mittelsmann zwischen der iranischen Botschaft in Wien und dem Terrorteam. Er hatte auch die Aufgabe, die Waffen zu besorgen. Er hat sie von der Botschaft bis zum Haus, in dem die Morde begangen wurden, gebracht.
profil: Wie viele Leute waren im Terrorteam? Neben dieser Gruppe und dem Verhandlungsteam soll es, so wird jetzt von verschiedenen Quellen behauptet, noch ein drittes Team gegeben haben.
D: Mit Ahmadinejad als Ersatzmann waren im Terrorteam drei Personen. Man kann nicht von einer dritten Einheit reden. Es gab noch weitere Personen – eine ergänzende Einheit zum Terrorteam. Falls das versagt hätte, wären die eingesprungen.
profil: Sie schreiben in Ihrem Bericht, dass die zwei, die geschossen haben, mit falschen Papieren und unter falschem Namen aus Abu Dhabi nach Österreich eingereist sind. Wie ist Ahmadinejad eingereist?
D: Mit einem Diplomatenpass.
profil: Unter seinem richtigen Namen?
D: Das weiß ich nicht.
profil: Eine persönliche Frage: Sie wollen Ihre Identität nicht preisgeben. Warum?
D: Ich will meine Familie im Iran nicht in Gefahr bringen. Und ich habe ein ungutes Gefühl. Ich lebe auch in Gefahr. Hier in Frankreich habe ich Unterstützung bekommen. Aber ich muss auf mich selbst aufpassen, dass mir nichts passiert.
profil: Sind Sie bereit, gegenüber ermittelnden österreichischen Behörden auszusagen?
D: Ja, unter der Bedingung, dass meine Identität nicht preisgegeben wird.
profil: Sind Sie schon von offizieller österreichischer Seite kontaktiert worden?
D: Ja, vom Innenministerium.

Interview: Georg Hoffmann-Ostenhof