Aktion Kinderzimmer

Der Innenminister freut sich, dass der internationale Terror nun auch in Österreich angekommen ist. Denn er hat ihn eh fest im Griff.

So beginnen die wirklich prickelnden Kriminalgeschichten: „Ende Dezember 05, und an einem Tag in der Nacht war ich gegen 00:30 Uhr auf dem Weg nach Hause, nachdem ich einen Freund in Siebenhirten in Wien wohnt.“ Dann geht alles ganz schnell. Ein schwarzer Minibus nähert sich langsam. „Plötzlich sprangen 4 Männer mit Hüte und Sonnenbrillen raus und versuchten mich zu packen und ins Bus zu schmeissen.“ Einer der Männer „versuchte mir etwas ins Gesicht zu spritzen. Ich war unruhig und versuchte mich zu lösen. Dadurch spritzte er diesen Stoff sein Kollege, der mich von hinten packten. Da sagte er: ,Shit, shit, Fuck‘ und lies mich los.“

So weit der „Tathergang“ aus Sicht des mutmaßlichen Opfers Mohamed Mahmoud, dargelegt in einer schriftlichen Stellungnahme für profil im August 2006. Wir drucken sie in der aktuellen Ausgabe ab, weil Mahmoud eine jener drei Personen ist, die vergangene Woche wegen des Verdachts islamistischer Terrorzellenbildung verhaftet wurden. Liest man Mahmouds Schilderungen, drängt sich allerdings ein ganz anderer Verdacht auf: Das Problem heißt nicht Islamismus – es heißt Analphabetismus. Diese Einschätzung ist weniger zynisch, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag, denn wo offenkundiger Bildungsnotstand auf flagrante Paranoia prallt, müssen extremistische Tendenzen nicht lange wachgekitzelt werden.

Mahmoud, Obmann des Vereins „Islamische Jugend Österreich“, wurde in einigen Medien als „Internet-Chef“ der al-Qa’ida gehandelt. Wenn das kein hysterischer Scherz ist, dann wiederum kann es mit der Schlagkraft des globalen Terrornetzwerks nicht sonderlich weit her sein, und man hätte allen Grund, sich entspannt zurückzulehnen: Welche ernsthafte Gefahr für die öffentliche Sicherheit kann von knapp volljährigen simple minds drohen, die, so die Tageszeitung „Österreich“, im „Kinderzimmer“ verhaftet werden?

Die von Günther Platter (ÖVP) in der Vorwoche druckvoll orchestrierte Aufregung hat einen schalen Beigeschmack: Man wird den Eindruck nicht los, der Innenminister habe es geradezu darauf angelegt, mit allem amtlichen Nachdruck verkünden zu können, der islamistische Terror sei nunmehr auch in Österreich angekommen – aber, hallo, selbstverständlich gleich aufs Resoluteste niedergeschlagen worden. Die reale Substanz des Bedrohungsszenarios zählt dabei weniger als dessen symbolische Verwertbarkeit für innenpolitische Profilierung.
Tatsächlich haben die Rädelsführer der ressentimentalen Denkschule das Thema sofort dankbar aufgegriffen. HaiderStracheWestenthaler färbten das Zerrbild vom islamistischen Beelzebub mit prallem Pinsel nach und forderten im Brustton akut gefährdeter Rechtsstaatlichkeit ein, was das Gesetz zum Teil ohnehin schon vorsieht. Wenn es bei der „Aktion Kinderzimmer“ darum ging, die Stimmung im Hinblick auf rigidere Einwanderungs- und Integrationsregelungen aufzuheizen, dann ist das Kalkül mit Sicherheit aufgegangen. Auch das bislang offiziell aggressionsfreie Gesprächsklima zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde und der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs hat sich dramatisch abgekühlt.

Es wäre fahrlässig, die Terrorproblematik als verschwörungstheoretischen Humbug hysterisierter Politiker und Medien abzutun. Nicht minder kontraproduktiv aber ist es, mit strammem Alarmismus Ängste zu schüren, die einigen bärtigen Hitzköpfen der dadurch ausgegrenzten Minderheit den (willkommenen) Vorwand bieten, sich militant zu radikalisieren – eine klassische Pervertierung von Ursache und Wirkung. „Überall auf dem Kontinent und auch an seinen Rändern gibt es hunderttausende junger Moslems, die vor einer Entscheidung stehen“, schreibt der britische Publizist Timothy Garton Ash: „Entweder sie werden die Bomber von morgen, oder sie werden gute Bürger, die in die Pensionskassen unserer kränkelnden Staaten einzahlen: die Europäer von morgen.“

Pünktlich zum sechsten Jahrestag von 9/11 meldete sich auch der weltweit gefürchtete Terrorpate Osama Bin Laden nach langem Schweigen wieder einmal zu Wort. Durch einen auf juvenil gefärbten Bart signalisierte er ungebrochene Spannkraft, auch wenn er sonst nur reichlich wirre Plattitüden zur Erderwärmung von sich gab. Gemessen an der Wirkungsmächtigkeit dieses Auftritts, könnte der Wiener Nachwuchs-Islamist Mohamed Mahmoud tatsächlich der „Internet-Chef“ von al-Qa’ida sein, was jedoch ungefähr so plausibel erscheint wie die Annahme, dass Günther Platter vergangene Woche ein vernichtender Schlag gegen den terroristischen Untergrund in Österreich gelungen sei.