An der Front

Dass man in die harmlosen Spiele des jungen Heinz-Christian Strache alles Mögliche hineininterpretiert, ist wieder einmal typisch.

HC lag, als täuschend echte Wildschwein-Losung getarnt, am Fuße einer Eiche und wagte kaum zu atmen. Jetzt lag es an ihm. Über diesen Hügel würde er anrollen, der zwar zahlenmäßig, aber sicher nicht moralisch überlegene Feind.

Und der Einzige, der ihn stoppen konnte, war HC.

Dass er bereit war, alles dafür zu tun, hatte er schon in allen bisherigen Schlachten eindrucksvoll bewiesen. Die Verwundungen, die er bei seinen heldenhaften Einsätzen davongetragen hatte, konnte er kaum mehr zählen. Der böse Kratzer am Handrücken, den er sich in einer Kampfpause beim Brombeerpflücken zugezogen hatte, schien entzündet zu sein. HC würde vielleicht selbst im Feld eine Notamputation durchführen müssen. Auch der Schiefer, den er sich am Sitzbalken der Latrine eingezogen hatte, steckte immer noch tief und inoperabel in seinem Hintern. Wenn er dem Feind in die Hände fallen sollte, würde der ihn sicher grausam foltern, indem er ihn stundenlang auf einem nicht gepolsterten Sessel sitzen ließe.

Aber ließ ihn dies irgendwie vorsichtiger werden? Beeinträchtigte es seinen legendären Mut, seine selbst für seine Kameraden mitunter erschreckende Kaltblütigkeit im Nahkampf, ja seine Unerbittlichkeit einem am Boden liegenden, wimmernden Feigling gegenüber?

Nein. HC hatte keine Angst. Dieses Wort kannte er nicht. Schon früher war er immer der Einzige gewesen, der noch über den Zebrastreifen rannte, wenn die Ampel schon grün blinkte. Und selbst wenn „Derrick“ wieder einmal noch so erschreckend gewesen war, ließ er höchstens draußen am Gang das Licht brennen – aber nicht in seinem Kinderzimmer. Das war ihm geblieben. Und wenn es galt, die germanische Welt zu retten, gab es natürlich kein Zurückweichen.

Plötzlich begannen die feindlichen Geschütze zu grollen. Sie mussten ganz in der Nähe sein, so teuflisch krachte das Crescendo der Stalin-Orgeln – da flüsterte sein Kamerad HJ neben ihm: „Tschuldige – ich hab gestern Abend Bohnensuppe gegessen.“ HC konnte es kaum fassen. HJ, mit dem gemeinsam er schon so viel durchgemacht hatte. Mit dem er zahllose Stahlgewitter überstanden hatte. Von dem er gelernt hatte, wie man einem Feind von hinten mit einem einzigen, sauberen Schnitt die Kehle durchtrennt. Mit dem er Dinge erlebt hatte, die sich andere nicht einmal vorstellen möchten – kurz lief HC ein kalter Schauer über den Rücken, als er sich daran erinnerte, wie er damals auf diese tote Feldmaus getreten war – ausgerechnet der sollte jetzt …?

„War es eine serbische?“, fragte HC tonlos, ohne die Hügelkuppe aus den Augen zu lassen, über die die Bolschewiken oder die Zionisten oder, wenn Gott das Reich heute völlig vergessen hatte, sogar die bolschewistischen Zionisten kommen würden. HJ senkte den Blick. Mit den Partisanen auf diese Weise zu fraternisieren – damit war er ein Fall fürs Kriegsgericht, das wusste er genau.

Beowulf, Wulfdietrich und Wulf-Wulf, die obersten Richter, hatten schon Kameraden wegen weniger zu einer Scheinerschießung verurteilt. Der arme Ansgar hatte sich von seiner – er war verurteilt worden, weil er beim Singen der Hymne vollkommen geistesabwesend mit „Land der Berge“ angefangen hatte – immer noch nicht erholt und nässte nachts ein. Und einmal war HC im Stockbett des Lagers unter ihm gelegen.
HC biss sich auf die Lippen. Konnte er sich auf HJ noch verlassen? Würde er ihm im unmittelbar bevorstehenden Kampf den Rücken decken? HJ schien seine Gedanken lesen zu können: „Ich bin immer noch derselbe“, flüsterte er. „Meine Ehre heißt Treue. Und wenn dein Name bald auf einem Kriegerdenkmal steht, dann auch meiner.“

Da knackte es mit einem Mal im Unterholz, kaum fünf Meter vor ihnen. Und dann links von ihnen. Schließlich auch noch rechts. Verdammt. Sie waren umzingelt. Dieses Gefecht hier würde wohl ihr letztes sein. Aber sie würden nicht alleine gehen, so viel stand für HC zweifelsfrei fest. Er würde so viele Feinde mitnehmen wie nur irgend möglich, würde dafür sorgen, dass man seinen Namen noch in tausend Jahren kennt und mit Ehrfurcht ausspricht, wie jenen von Hagen von Tronje oder Gerd Müller oder … „Peng!“, sagte da jemand hinter ihm und dann noch einmal: „Peng!“ HC drehte sich um und sah einen grinsenden Ansgar, der eine gelbe Armbinde trug und offenbar eine trockene Hose hatte. „Ihr seid tot. Das Reich ist unser.“

HC seufzte. Schon wieder verloren. „Wo sind die anderen?“, fragte er und konnte seine Enttäuschung kaum verbergen. „Der Horst-Friedrich ist schon heimgegangen, weil er Deutsch-Nachhilfe hat. Der Hans-Heinrich musste zum Mittagessen, weil sonst kriegt er wieder Hausarrest und fehlt uns dann bei der Entscheidungsschlacht um die Wolfsschanze. Und die anderen haben gesagt, sie gehen jetzt das Bier austrinken, bevor es ganz warm wird. Wir sollen nachkommen.“

HC stand auf und klopfte sich den Staub aus der Uniform. Eine Schlacht war vielleicht verloren, gut. Aber noch lange nicht der Krieg.