Andeutungen über einen Verwandlungskünstler

Am 22. März feiert der österreichische Impresario, Autor und Liedermacher André Heller seinen 60. Geburtstag. Der deutsche Kulturkritiker, Essayist und Lyriker Hans Magnus Enzensberger über das lebende „Gegenteil eines Alleinunterhalters“.

Wenn von André Heller die Rede ist, weiß natürlich niemand, um wen es sich eigentlich handelt. Das ist der Preis, der dafür fällig wird, dass er weltbekannt ist. Auch Berühmtheit wird ja bestraft, wenngleich bei Weitem nicht so hart wie der Mangel an Erfolg. Hier gilt die abgedroschene, aber wahre Redensart: Wo viel Sonne, da ist auch viel Schatten. Daraus folgt, dass es umso schwerer wird, André zu kennen, je mehr Leute zu wissen glauben, wer das ist.

Nicht als wäre er ein Mann ohne Eigenschaften; ganz im Gegenteil, er hat ihrer einfach zu viele. Das gilt für seine Berufe ebenso wie für seine Vorlieben und Talente; es gilt sogar für seine Adressen. Sie sind nämlich zu zahlreich, als dass man hoffen könnte, ihn unter einer von ihnen anzutreffen. Andererseits wird man nicht behaupten können, dass er sich versteckt. Er ist ja kein Geheimniskrämer. Gern und lebhaft erzählt er in seinen Büchern wunderbare und grässliche Dinge aus seinem Leben, eine autobiografische Offenheit, die mit allerlei Selbstzweifeln und Geständnissen entwaffnet und entzückt.

Manchmal kokettiert er mit seiner Bescheidenheit. Aber das täuscht. Seine Neigung zum Understatement in Ehren, aber was er sich vornimmt, das grenzt jedes Mal an Übermut. Eins von beiden, denkt der nicht immer kerngesunde Menschenverstand: entweder Größenwahn oder Demut! Doch so leicht ist mit diesem Phänomen – ja, nennen wir ihn ruhig ein Phänomen – nicht fertig zu werden. Denn man hat es hier mit einem äußerst volatilen Element zu tun. Er ist am liebsten dort, wo man ihn am wenigsten vermutet.

Wahrscheinlich ist André Heller im Grunde ein Flüchtling, einer freilich, der sich nicht beklagt und dem es fernliegt, sich als Opfer zu fühlen. Auf die Vertreibung aus dem Garten Eden reagiert er dadurch, dass er sich seine eigenen Paradiese erfindet. Man beachte den Plural: Ein solcher Zufluchtsort genügt ihm keineswegs. Es müssen schon viele sein, und zwar immer neue, einer fantastischer als der andere; denn dieser Mann ist ein Nimmersatt. Einer freilich, der sich ungern allein an den Tisch setzt, den er angerichtet hat. Jeder darf daran Platz nehmen, den es nach einem solchen Mahl verlangt. Bitte sehr!, ruft der Veranstalter des Unmöglichen. Hereinspaziert! Hier ist immer noch Platz!

Ja, er braucht viel Platz. Da müssen Zelte her, Grotten, Arkaden, Manegen, Parks, am besten ganze Landstriche. Man hat es allerdings mit einem friedlichen Eroberer zu tun, auch wenn er es auf alle vier Elemente abgesehen hat. Er erfindet hängende Gärten, feurige Spektakel, funkelnde Wasserspiele, und weil er eben ein flüchtiges Element, will sagen, ein Luftmensch ist, hat es ihm besonders der Himmel angetan; unermüdlich, so scheint es, ist er mit der Aufhebung der Schwerkraft beschäftigt.

Was immer er anzettelt, nie ist es eine One-Man-Show. André ist das Gegenteil eines Alleinunterhalters. Immerzu und in allen Richtungen der Windrose sucht er Verbündete: chinesische Akrobaten, afrikanische Tänzer, indische Artisten; sogar ganz in der Nähe, in einer Wiener Vorstadt, findet er Wunderkünstler, von denen man geglaubt hätte, ihre verblüffenden Talente wären längst ausgestorben.

Im Lauf der Jahre haben sich ihm hunderte, wenn nicht gar tausende solcher Zauberer anvertraut. Wie macht er das? Gewiss, er ist ein großer Manipulator, anders könnte er mit den Heerscharen seiner Komplizen gar nicht fertig werden; aber die Peitsche schwingt er nicht, sondern er verführt sie zu derselben Disziplin, die er sich selber auferlegt hat, und lässt sich von ihnen verführen. Das wirkt ansteckend auf alle und macht seine Zuschauer zu Mitspielern, die am liebsten anfingen, selber zu tanzen, zu trommeln und zu springen.

Ein Unternehmer ist er obendrein, eine seltene Erscheinung, wenn man darunter einen versteht, der kein Risiko scheut und jedes Mal alles auf eine Karte setzt. Damit verdient er sogar Geld, viel Geld, aber nur, um es mit vollen Händen wieder hinauszuwerfen. Er ist und bleibt ein Verschwender.

Natürlich lässt die Bewunderung, die er erregt, die Neidhammel nicht ruhen. Manchmal ärgert er sich, aber meistens prallt ihr Räuspern und ihr Sticheln an ihm ab. Der Verdacht, den er auf sich zieht, hat viele Gesichter. Ist André Heller seriös? Diese bange Frage ist von Leuten, die es besonders ernst meinen, nicht selten gestellt worden. Oscar Wilde hat sie mit seiner unsterblichen Komödie ein für alle Mal beantwortet. The Importance of Being Earnest liegt darin, dass es ungesund ist, sich und andere zu langweilen.

Ja, es stimmt, Heller geht oft und gern zu weit. Das missfällt der unsichtbaren Zensur, die der Kunst im Nacken sitzt und die er schamlos ignoriert. Vor dem Sentiment, das die Priester der Nüchternheit scheuen wie der Teufel das Weihwasser, hat er keine Angst; das Ornament, das die Puritaner abschaffen wollten, ist ihm heilig; und selbst, was den Kitsch angeht, so scheint er ihm ein geringeres Übel als die Entsagung zu sein. Die Grenzen des guten Geschmacks zu respektieren fällt ihm, wie allen Träumern, nicht im Traume ein.

Auch die zahllosen Verwandlungen, die er sich leistet, gehen der Missgunst auf die Nerven. Das oft geäußerte Verlangen, er möge doch bei seinen Leisten bleiben, kann er nicht erfüllen, schon weil er alles Mögliche ist, ein Schauspieler, ein Regisseur, ein bildender Künstler, ein Feuerwerker, ein Dichter, ein Gärtner, ein Sänger, meinetwegen sogar ein Blender – alles, nur kein Flickschuster.

Vogliamo tutto! Wir wollen alles! So nannte sich vor langen Jahren eine kleine italienische Gruppe, die sich vorgenommen hatte, die Welt aus den Angeln zu heben. Ein naiver, ein kindlicher Wunsch, an dem jede Politik scheitern muss; nur dass er sich der Menschheit nicht austreiben lässt. Uns einen Abglanz des Unmöglichen vor die Augen zu bringen, vielleicht ist das André Hellers Sendung.