Archäologie: Die Schlacht um Ephesos

Wie Misswirtschaft, Nepotismus und Neid unter österreichischen Forschern und Ministerialbeamten eine der weltweit bedeutendsten Antike-Ausgrabungen in Verruf bringen.

Am Institut herrscht dicke Luft: Der alte Chef ist nach einem vernichtenden Prüfbericht entmachtet, ein neuer noch nicht gefunden. Die potenziellen Nachfolger kämpfen mit allen Mitteln um den Chefsessel, intrigieren und intervenieren nach allen Regeln der Kunst. Solche Vorgänge sind in der österreichischen Forschungslandschaft nicht einzigartig und wären auch nicht weiter erwähnenswert – ginge es nicht um das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI). Dessen wichtigstes Aufgabengebiet ist es, die Ruinen von Ephesos in der heutigen Türkei auszugraben.

Kein anderes Grabungsfeld eröffnet so detaillierte Einblicke in den Alltag zu Zeiten der römischen Kaiser. Für Österreichs Wissenschaft ist Ephesos ein Vorzeigeprojekt. Bis zu 70 Archäologen sind im Sommer vor Ort, nirgendwo sonst arbeiten mehr heimische Ausgräber. Und selbst im internationalen Vergleich sticht Ephesos heraus: Es ist die größte Stadtausgrabung der Welt. Überall werden die Resultate der Wissenschafter verfolgt, und jedes Jahr schlendern mehr als zwei Millionen Touristen durch die ehemalige Metropole. So viel Aufmerksamkeit hat auch potente Sponsoren wie Siemens, die VA Tech und die ÖBB angelockt – ein für Archäologen höchst seltener Glücksfall.

Noch haben die Österreicher exklusiv das Recht, diesen Steinbruch der Geschichte auszubeuten. Doch angesichts der derzeitigen Querelen in Wien könnten sich türkische Behörden entscheiden, eine andere Nation zum Zug kommen zu lassen. Ein Beobachter warnt: „Die Amerikaner würden sofort und mit großem Engagement einspringen.“ Und dabei wahrscheinlich weniger Staub aufwirbeln als derzeit die Österreicher.

Auslöser für die Turbulenzen ist ein Bericht des Rechnungshofes, der das ÖAI einer gründlichen Prüfung unterzog. Ein erstes Resultat der Nachforschungen: Von 2000 bis 2005 hat das ÖAI sein Budget um durchschnittlich 2,5 Millionen Euro pro Jahr überzogen. Viel Geld für eine Forschungseinrichtung mit gerade 25 angestellten Mitarbeitern. Als besonderes finanzielles Abenteuer erwies sich laut Rechnungshof die Überdachung der so genannten „Hanghäuser“. Um diese äußerst heiklen Ausgrabungen vor Regen und sengender Sonne zu schützen, errichteten die Österreicher eine spektakuläre Schutzkonstruktion aus Spezialfolie und Stahlmasten. Albert Hochleitner, ehemaliger Siemens-Österreich-General und engagierter Chef der Gesellschaft der Freunde von Ephesos, war von dem Projekt so angetan, dass er bei heimischen Konzernen nach eigenen Angaben 2,2 Sponsormillionen für das Dach lukrieren konnte. Trotzdem, so moniert der Rechnungshof, wird der Steuerzahler mehr als sechs Millionen Euro zuschießen müssen. Eine beachtliche Summe, waren doch zu Projektbeginn im März 1997 die Gesamtkosten des Dachs auf insgesamt bloß 2,9 Millionen Euro geschätzt worden. Und Schuld an der Differenz trägt nicht Hochleitner.

Vom Wissenschaftsministerium mit dem Management des Riesenprojekts betraut war Friedrich Krinzinger. Der Archäologe war ÖAI-Chef und Leiter der Grabungen in Ephesos. Ihm wirft der Rechnungshof nun vor, mehrere Rechnungen zweimal vorgelegt und so einen Schaden von 170.000 Euro verursacht zu haben. Krinzinger bestreitet dies vehement, er habe Auslagen zunächst aus seinem regulären Institutsbudget vorgeschossen und später die Beträge von jenem Kreditkonto eingehoben, das vom Ministerium für den Dachausbau eingerichtet worden war. Im Ministerium versucht nun die Innenrevision den Sachverhalt zu klären.

Rechtsbruch. Abgesehen von Budgetlöchern und eigenartigen Finanzierungsmethoden, legt der Rechnungshofbericht aber auch ein denkwürdiges System offen, das jahrelang reibungslos funktionierte: Krinzinger war der Mann vor Ort, kräftig unterstützt von Bürokraten im Wissenschaftsministerium, die so manches in Bewegung setzten, um die Ausgrabungen voranzutreiben. Offenbar auf kürzestem Amtswege wurden wichtige Entscheidungen getroffen: Als die Sanierung der Archäologenunterkunft in Ephesos anstand, verfiel man auf die Idee, das Gebäude kurzerhand aus Mitteln der Studentenheimförderung zu finanzieren. Für den Rechnungshof ein klarer Rechtsbruch.

Auch ein altes legistisches Problem konnte die Ephesos-Gemeinschaft in kleinem Kreise lösen: Der österreichische Grabungspionier Otto Benndorf hatte vor 110 Jahren viel versprechende Grundstücke in Ephesos gekauft. Seine zahlreichen Erben hatten theoretisch ein Mitspracherecht bei jedem Grabungsvorhaben. Zwar waren sie auf Anfrage bereit, ihre Anteile dem ÖAI zu überlassen. Doch ein ausländisches Institut kann laut türkischem Recht nicht Grundeigentümer sein. Also kam – wiederum aus dem Ministerium – die Idee, dass die Erben ihre Anteile auf eine natürliche Person überschreiben sollten. Die Wahl fiel auf Krinzinger. Der bekam die Anteile tatsächlich überschrieben und brachte sie in eine Privatstiftung ein, die nun auch im türkischen Grundbuch eingetragen ist. Im Vorstand der Stiftung: Krinzinger sowie zwei hohe Beamte des Wissenschaftsministeriums. Pikantes Detail: Als Grabungsgebühr verrechnete Stifter Krinzinger dem ÖAI jährlich 6000 Euro.

Seit dem Auftauchen der Rechnungshofprüfer ist der einträchtige Paarlauf mit dem Ministerium indes abrupt beendet. Die damalige Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer sagte noch im Herbst 2006 kurzfristig ihren Besuch zur Präsentation der fertig gestellten Hanghausdächer ab. Stattdessen sperrten die Beamten eilig das Baustellenkonto. Krinzinger musste als ÖAI-Chef zurücktreten, die Grabungsleitung in Ephesos gibt er im November ab, die Grabungsgebühr für die Stiftung wurde auf 3000 Euro halbiert.

Dass Krinzinger in dieser Situation keinen Rückhalt in seinem Institut findet, schreibt er sich selbst zu. Es sei ihm in den zehn Jahren seiner Leitung nicht gelungen, das Vertrauen leitender Mitarbeiter zu gewinnen, so der Wissenschafter gegenüber dem Rechnungshof. Doch das ist noch eine Untertreibung: ÖAI-Forscher beklagen Krinzingers autokratischen Stil. Eine Archäologin erinnert sich, dass er Mitarbeiter mit Zündkerzen verglichen habe: „Wenn sie nicht funktionieren, tausche ich sie aus.“ Auf den Vorhalt, zu wenig mit den Mitarbeitern kommuniziert zu haben, reagiert er verständnislos – und viel sagend: Die letzte Institutssitzung habe ohnehin erst im Jahr 2005 stattgefunden. Mit seinem fehlenden Feingefühl für Mitarbeiter setzt Krinzinger eine lange Tradition am ÖAI fort. „Schon seine Vorgänger haben es verabsäumt, eine vernünftige Personalpolitik zu machen, in der Leute von internationalem Format heranwachsen können“, so ein langjähriger Beobachter.

Hauen und Stechen. Dabei wäre Fingerspitzengefühl notwendig: Für ambitionierte Archäologen gibt es in Österreich nur zwei Karriereziele: entweder die Grabungsleitung in Ephesos oder den Chefsessel im ÖAI. Alle Anwärter kennen einander seit langen Jahren. Nur ein gewiefter Gruppendynamiker könnte die Beteiligten dazu bringen, an einem Strang zu ziehen.

Im Kampf um Krinzingers Nachfolge ist den Kandidaten so manches Mittel recht: Im vertraulichen Gespräch mokieren sich manche über angeblich fehlende fachliche und menschliche Qualifikationen der Konkurrenz. Auch wird versucht, auf Gutachter Einfluss zu nehmen, und es werden anonym dicke Dossiers verschickt – mit angeblich kompromittierenden Details aus den intimsten Lebensbereichen aussichtsreicher Kandidaten. Und umgekehrt: Ein gut positionierter Kandidat wird als bereits feststehender Nachfolger genannt – offenbar in der Absicht, eine tatsächliche Nominierung zu torpedieren.

Offiziell soll das ÖAI als wissenschaftliche Basisstation für die Grabungen von Grund auf saniert werden. Der neue Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat das chronisch knappe Budget um ein Drittel erhöht, jetzt wird an einem klaren Forschungsauftrag für das ÖAI gearbeitet. Eine neue interne Struktur mit Mitspracherecht für die Mitarbeiter wird ebenfalls entwickelt. Mit einem Ruck soll die Forschungskultur des Antike-Instituts in die Gegenwart katapultiert werden.

Wie schnell dies gelingt, ist ungewiss. Fix ist derzeit nur: Ende August hat sich eine verdiente Rentnerin in Ephesos angesagt, und der dann noch amtierende Grabungsleiter Krinzinger wird persönlich die Führung der Dame übernehmen. Der Name des Gastes: Elisabeth Gehrer.

Von Gottfried Derka