Arena-Jubiläum: Kindergarten der Rebellion

Mit der Besetzung der „Arena“ vor 30 Jahren feierte die österreichische Protestkultur ihr reichlich verspätetes Debüt.

Wiens Veranstaltungskultur wird gegenwärtig von einem Schlagwort dominiert: Ein Arena-Ritterfest lockt mit Bogenschießen, Spanferkeln und Met. Ein Arena-Ball will sich vom „Life Ball“ durch ein „feines musikalisches Programm“ und „Kulinarisches für jeden Geschmack“ unterscheiden. Unter dem Motto „Arena Calls for Graffiti Gladiators“ dürfen Jugendliche auf behördlich genehmigten Flächen demonstrieren, wofür ihnen sonst saftige Strafen drohen. Ach ja, anlässlich George W. Bushs Wien-Besuch am 21. Juni erregt man sich auch politisch – mit einem „Rock gegen Bush“-Konzert.

Mit derartigen Events sucht der Verein „Forum Arena“, eine von der Stadt Wien subventionierte Veranstaltungsorganisation, ein Ereignis zu vereinnahmen, das vor genau dreißig Jahren das soziokulturelle Leben der Stadt Wien gründlich aufmischte. Architekturstudenten, bildende Künstler, Musiker und Autoren solidarisierten sich damals mit Lehrlingen, Sandlern, Obdach- und Arbeitslosen und Drogenabhängigen. Sie alle besetzten das 70.000 Quadratmeter große Areal des ehemaligen „Auslandsschlachthofs“ im Stadtteil St. Marx und träumten einen heißen Sommer lang von selbst verwalteter Jugendkultur und selbst bestimmtem Leben. Zeitweise lebten weit über tausend vorwiegend junge Menschen auf dem Gelände.

Anlass für diese in Wien bis heute beispiellose Aktion war der geplante Abriss des St. Marxer Schlachthofs, den die Stadt Wien als Eigentümerin der Modefirma Schöps für ein geplantes Textilzentrum angeboten hatte. Zwei Jahre lang hatte das weitläufige Gelände den Wiener Festwochen als alternative Spielstätte einer für ein neues, junges Publikum konzipierten Programmschiene mit dem Titel „Arena 70“ gedient. Heimische Musikgruppen wie Misthaufen oder die Schmetterlinge wechselten im Programm mit internationalen Produktionen. Als Sensation wurde 1976 der „Grand Magic Circus“ von Jérôme Savary gefeiert.

Eine Gruppe von Architekturstudenten, darunter der heutige Leiter des Architekturzentrums Wien (AZW), Dietmar Steiner, hatte den Auslandsschlachthof zum Thema ihrer Semester-Seminararbeit gemacht und verteilte eine Woche vor Ende der Festwochen ein Flugblatt, in dem die bis dahin von der Gemeinde Wien heruntergespielten Abrisspläne publik gemacht wurden. Der Folder gipfelte in der kämpferischen Forderung „Der Schlachthof darf nicht sterben!“.

Christo-Absage. Inzwischen lief, parallel zu den Festwochen, unter dem Namen „Supersommer 76“ am Wiener Naschmarkt eine von dem später in die World Champions League ihrer Branche aufgestiegenen Architektenduo Coop Himmelblau (Wolfgang Prix und Helmut Swiczinsky) kuratierte Veranstaltung, an der in- und ausländische Avantgardegruppen wie Missing Link, Haus-Rucker-Co oder Superstudio Firenze teilnahmen. Der frühere ORF-Programmdirektor Helmut Zilk, damals Ombudsmann der „Krone“, diskutierte über Stadtverbesserung, Höhepunkt sollte die Verpackung des Flakturms im Esterhazypark durch Christo sein. Das Projekt wurde jedoch von den Gemeindeverantwortlichen mit Entsetzen abgelehnt.

Bei einer „Supersommer“-Veranstaltung, dem „Anti–Schleifer-Fest“ gegen das Bundesheer, rief man am Sonntag, dem 27. Juni, auf dem Naschmarkt dazu auf, am gleichen Abend noch zum Abschlussfest der Festwochen-Arena in den Schlachthof zu kommen. Ohne Internet- und Handykommunikation versammelten sich in Folge zu später Stunde weit über tausend Leute, die trotz Polizeieinsatz lauthals Besetzung, Selbstverwaltung und Erhaltung des Schlachthofs als Kulturzentrum ohne kommerzielle Nutzung forderten. Der Intendant der Wiener Festwochen, Ulrich Baumgartner, solidarisierte sich mit den Besetzern. Wiens Kulturstadträtin Gertrude Fröhlich-Sandner setzte auf Zeitgewinn, indem sie noch in der Nacht die Polizei zurückpfiff und alternative Lösungen versprach. Ihr Verhältnis zur Alternativkultur war jedoch belastet, seit sie ein paar Jahre zuvor miterleben musste, wie sich der Künstler Friedensreich Hundertwasser bei einer Protestveranstaltung vor ihr nackt ausgezogen hatte.

Die Besetzer argumentierten, dass der Verkauf, den die Gemeindetochter Wibag ein Jahr zuvor „unwiderruflich“ versprochen hatte, ohne den noch ausstehenden Sanktus des Wiener Gemeinderats ungültig sei. Die SPÖ war zudem in eine schiefe Optik geraten, da der SP-Nationalratsabgeordnete Kurt Heindl gleichzeitig Geschäftsführer von Schöps war. Daraus suchten Teile der ÖVP politisches Kapital zu schlagen, allen voran Vizebürgermeister Erhard Busek, der die Gelegenheit, in der Arena ein neues Wähler-Klientel zu rekrutieren, nicht ungenützt an sich vorüberziehen lassen wollte.

International gesehen war die Arena-Besetzung ein kulturpolitischer Anachronismus. Der heillos überzogene Slogan von der „Mischung aus Pariser Mai und Woodstock“ beschwor Nostalgie. Vergleichbare Initiativen wie die Züricher Jugendkrawalle, Hausbesetzungen in Hamburg, Frankfurt oder Rotterdam und das große Vorbild des selbst verwalteten Stadtteils Christiania in Kopenhagen waren inzwischen längst gescheitert, kriminalisiert oder verbiedermeiert.

Verschlafen. Aber die Entdeckung der Langsamkeit war schon immer eine österreichische Domäne. Trotz einer damals bereits sechs Jahre dauernden Kreisky-Regierung dümpelte die Kulturszene im „verschlafen sozialdemokratisch monarchischen Wien“ , so der Architekturpublizist Dietmar Steiner, noch immer im Nachkriegsmief vor sich hin. Der wegen Herabwürdigung der „österreichischen Symbole“ und „Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit“ 1968 verurteilte Wiener Aktionist Günter Brus wurde erst 1976, übrigens wenige Wochen vor der Arena-Besetzung, begnadigt.

Wer damals Avantgarde suchte, fuhr zum steirischen herbst nach Graz. Das Wiener Stadtleben war, besonders in den Sommermonaten, von überbordender Tristesse geprägt. Die Lebensmittelgeschäfte hatten die Rollläden heruntergelassen; die Cafés und Gasthäuser waren oft bis zum September geschlossen; die Stadt war generell von Kinderfeindlichkeit und Überalterung dominiert.

Aber im kulturellen Untergrund der Stadt zeichnete sich kontinuierlich ein Umbruch ab: in Avantgarde-Zellen wie der Galerie St. Stephan, in der Oswald Oberhubers legendäre „Kunstgespräche“ stattfanden, der Sektion N, die Design und Alltagskultur vernetzte, und dem Museum des 20. Jahrhunderts gegenüber dem Südbahnhof, in dem anfangs auch die alternative Festwochen-Schiene Arena 70 ihre Heimstätte gehabt hatte.

Eine junge Generation von Architekten war gerade im Begriff, eine Brücke von der Bewahrung wertvoller historischer Bausubstanz zu qualitätvollen Neubauten zu schlagen. Bernhard Leitner setzte sich für Otto Wagners Schützenhaus und das Wittgensteinhaus ein; Hermann Czech, Burkhardt Rukschio und Roland Schachel reanimierten Adolf Loos, Max Peintner und Heinz Geretsegger machten sich für eine neue Otto-Wagner-Rezeption stark. Das „Wiener Gruppe“-Mitglied Friedrich Achleitner begründete Österreichs Architekturkritik in der „Presse“, später wurde sie von Otto Kapfinger und Dietmar Steiner prägend fortgesetzt.

Auch die Medienszene hatte sich verändert. Der ORF war nach einer Reform von 1967 zumindest in Nischen bemerkenswert liberal geworden. Hubert Gaisbauer kreierte Sendungen wie die „Ö 3 Musicbox“, in der eine neue Generation von Journalisten wie Wolfgang Kos stilprägend wirkte. Die ORF-Jugendsendung „Ohne Maulkorb“ wurde wegen ihrer Arena-freundlichen Berichterstattung von „Presse“ und „Kronen Zeitung“ heftig attackiert.

Kurzer Sommer. Die Printlandschaft war seit Oscar Bronners Gründung von profil 1970 sowieso im Umbruch. Das junge profil-Team war angetreten, um die gängigen journalistischen Konventionen zu durchbrechen, und hatte dies gegen alle Einschüchterungsversuche politischer und wirtschaftlicher Macht- und Interessenverbände durchgehalten.

Es war kein Zufall, dass der damalige profil-Redakteur Joachim Riedl (siehe Kolumne Seite 84) sich so mit der Arena-Bewegung identifizierte, dass er den Schreibtisch in der Redaktion mit den Plenumsdiskussionen im Schlachthof vertauschte. Die Berichterstattung besorgte im Weiteren Erhard Stackl, heute leitender „Standard“-Redakteur, dessen profil-Cover „Arena: Besetzt. Anarchisten im Angriff?“ vom 20. Juli 1976 die erste umfassende Hintergrundanalyse der Auseinandersetzung um den Arena-Schlachthof war. Im Inneren des Hefts trug sie den prophetisch-poetischen Titel „Die Freiheit eines kurzen Sommers“.

„Eine wunderschöne Zeit, voll naiver Hoffnungen und Träume, die aber letztlich in einer neuen Subventionsschublade der harmonisierenden sozialdemokratischen Wiener Kulturpolitik endete“, resümiert Dietmar Steiner heute. Unter den immer mehr zerstrittenen Arena-Fraktionen siegte nämlich jene, die schließlich das Angebot eines von der Gemeinde finanzierten Veranstaltungszentrums im wesentlich kleineren, benachbarten Inlandsschlachthof annahm.

Von den Hardlinern als „Verräter“ beschimpft, sollte Dietmar Steiner danach nie mehr die Arena betreten. Joachim Riedl kehrte in die profil-Redaktion zurück und kaufte sich Krawatten. Dieter Schrage, Kulturwissenschafter, Kunstpädagoge und der wahrscheinlich charismatischste Arena-Besetzer, bedauert heute noch, dass damals die Drogenabhängigen auf der Strecke blieben, während alle anderen zu ihren Berufen zurückfanden.

Die Naivität der Besetzungspolitik verwandelte sich in Pragmatismus. Eine im Jahr darauf von der „Wiener Arbeitsgruppe Alternativen“ veranstaltete Ausstellung, in der Arena-Erfahrungen aufgearbeitet wurden, trug den Titel „Schluss mit der ewiggestrigen Zukunft“. Ein bisschen sehr zu Unrecht. Denn rückblickend war die Arena eine Art Kindergarten der Rebellion, in der die österreichische Protestkultur ihre ersten Gehversuche unternommen hatte. Ohne die Arena hätte es die Anti-AKW-Bewegung, die Grünen und den „Falter“ zwar vielleicht auch gegeben. Aber möglicherweise noch später.

Von Horst Christoph
Umfrage: Sebastian Hofer