Artfremd

Über den Steinbock Seppl, Landeshauptmann Erwin Pröll und moslemische Gebetstürme.

Vom Gebirge hoch kam Seppl und stieg herab in die Ebene. Seppl, ein Steinbock, der eigentlich auf Felswänden zu klettern pflegt, fühlt sich seit Frühling dieses Jahres im Ybbstal wohl. Fast wäre ihm aber sein Abstieg vom Hochschwab nicht gut bekommen. Er hat Glück gehabt. Die Bezirkshauptmannschaft hatte gefragt, was wohl eine Bergziege am flachen Land zu suchen habe, dekretierte, dass Seppl in seiner Wahlheimat „artfremd“ sei, und gab ihn zum Abschuss frei. Schon schwärmten die Jäger aus, um das Tier zu erlegen. Das Volk aber hatte Seppl lieb gewonnen. Es murrte gegen die mordlüsternen Bezirksbürokraten und die schussbereiten Waidmänner. Der Ruf „Seppl darf nicht sterben“ ertönte immer lauter. Dem konnte sich schließlich auch der Landesvater von Niederösterreich nicht verschließen. In einem Gnadenakt hob Erwin Pröll schließlich den Abschussbefehl für Seppl auf. Der darf sich weiter auf den Sandbänken der Ybbs sonnen und herumspringen. Seppl ist gerettet.

Wenige Monate später, Anfang September, ging es wieder um „Artfremdes“. Da war der mächtige ÖVP-Landespolitiker nicht mehr so gnädig wie beim Seppl. „Minarette sind etwas Artfremdes, und Artfremdes tut auf Dauer in der Kultur nicht gut.“ So begründete er im ORF-„Report“, warum er in seinem schönen Niederösterreich keine Minarette sehen will. Offenbar hat ihn die Diskussion um den artfremden Seppl angeregt. So verwendete er diesen Begriff auch für die Moscheen, die offenbar in unserem christlichen Land nichts zu suchen hätten.

Nun ist es wohl so, dass Pröll nicht weiß, dass der Begriff „artfremd“ – vielleicht in der Terminologie der Biologie und in der Sprache der Jäger unproblematisch –, auf Menschen, auf Personengruppen und auf die Kultur angewandt, zutiefst belastet ist. Es stammt aus der „Lingua Tertii Imperii“, aus der von Victor Klemperer so genannten Barbarensprache des Dritten Reiches, aus dem Lexikon der Nazi-Unworte. „Artfremde Rassen“ wurden in den Konzentrationslagern und Gaskammern umgebracht, „artfremdes“ Kulturgut verboten, zerstört, verbrannt, „ausgemerzt“.

Einem führenden Politiker sollte solch ein verbaler Ausrutscher nicht passieren. Wirklich aufregend ist aber, dass dieser kaum jemanden aufgeregt hat. Da und dort wurde Pröll ironisch in den Rubriken der skurrilen Aussprüche zitiert, ein kleines kritisches Kommentärchen im „Standard“ geschrieben und böse Postings ins Net gestellt – sonst aber Funkstille. Welche Entrüstung gab es doch, als einst ein niederösterreichischer FP-Politiker das SS-Motto „Unsere Ehre heißt Treue“ propagierte. Da half es ihm nichts, dass er beteuerte, nicht zu wissen, woher der unsinnige Satz stammt. Seine politische Karriere dauerte danach nicht mehr lange.

Noch erschütternder aber als der Mangel an Reaktionen auf Prölls Äußerung ist der Grund, warum das Ganze nicht zum Skandal wurde: weil der Mainstream in Österreich inhaltlich mit Pröll übereinstimmt.

Als Jörg Haider zunächst in Kärnten ein Minarett-Verbot erwog, nahm man das nicht ernst: Der Landeshauptmann aus dem Süden ist bekanntlich durchaus eigenwillig. Dass H. C. Strache, dessen FPÖ schon mal „Daham statt Islam“ und „Pummerin statt Muezzin“ dichtete, bei der Hetze gegen Moscheen sich von seinem ehemaligen Vorbild xenophobisch nicht überholen lassen will, war zu erwarten. Als dann aber respektable Kirchenfürsten wie der Grazer Bischof Egon Kapellari vehement für den Verzicht der Moslems auf ihre Gebetstürme eintraten, wurde es ungemütlich.

Die Minarett-Ablehnung hat aber auch schon im humanistischen Lager Einzug gehalten. Der so zivilisierte Wiener Kardinal Christoph Schönborn wollte sich zwar seinem steirischen Amtskollegen nicht anschließen, aber auch er meinte, man sollte beim Bau von Moscheen „Traditionen nicht außer Acht lassen“ – zu Deutsch: keine islamischen Türme, die ja tatsächlich keine Tradition bei uns haben. Selbst ein so über jeden Zweifel erhabener Liberaler wie Hans Rauscher meinte in einer Glosse, die berühmte Hagia Sophia in Istanbul hätte ja auch keine: Es müssten nicht immer Minarette sein.

Warum eigentlich nicht? Welcher Geist weht da durchs Land? Ganz klar machte das nun, aufgeganselt von der Verhaftung der islamistischen Terrorverdächtigen in Wien, ÖVP-Generalsekretär Hannes Missethon. Natürlich stimme er Prölls Äußerungen zu, bekräftigt er trotzig. Es gehe eben um unsere „Lebensart“, die bedroht sei. Es genüge nicht mehr, dass Ausländer sich an unsere Gesetze halten. Das reiche nicht aus: „Denn wir merken am Verhalten von einem Teil der Muslime, dass sie anders sind.“

Und in der Wiener Brigittenau demonstriert eine Bürgerinitiative gegen die Vergrößerung eines islamischen Zentrums. Minarette sind nicht geplant. Nicht nur die blaue, auch die schwarze Bezirkspartei unterstützt die Bewegung gegen die Moslems. Es ist widerwärtig.

Man muss sich nur ausrechnen, wie viele Minarette in Österreich in den Himmel ragen müssten, hätten die Moslems gleiche religiöse Rechte wie die Katholiken: Im Lande stehen etwa 8000 Kirchtürme, die das Land flächendeckend mit Glockengebimmel beschallen. Und es gibt 5,7 Millionen österreichische Katholiken. Die vierhunderttausend bei uns lebenden Moslems müssten also, wenn’s gerecht zuginge, ihre Muezzins von hunderten Minaretten zum Gebet rufen hören können: Die meisten stünden in Wien. Das will aber eh niemand. Es gibt im ganzen Bundesgebiet nur zwei (!) Moscheen mit Minaretten, deren Muezzins darüber hinaus auf öffentliche heilige Gesänge verzichten. So viel zur Gefahr der „Islamisierung Österreichs“.

Die Story des artfremden Steinbocks Seppl ist ein schönes Märchen mit einem Happy End. Jene der artfremden Minarette eine Gruselgeschichte aus einem bösen und verkommenen Land. Ein glückliches Ende ist nicht in Sicht.