Die Evolution der Religion

Naturwissenschafter suchen nach den biologischen Wurzeln des Glaubens.

Selbst eingefleischten Atheisten musste das Spektakel einen Hauch von Ehrfurcht abringen: Eine viertel Million Menschen, eine dicht gedrängte Ansammlung von Italienern, Deutschen, Lateinamerikanern, sogar Indern, darunter auffallendviele Junge, steht einen ganzen Tag lang in strömendem Regen; tanzend, winkend, singend, Fahnen schwenkend – und zugleich geduldig das Erscheinen eines ihnen völlig unbekannten Mannes in weißer Tracht herbeisehnend.

Bevor Jorge Mario Bergoglio, 76, um 20.16 Uhr am Mittwoch der Vorwoche auf den Balkon des Petersdoms trat und die Welt in diesem Moment Franziskus erblickte, den 266. Papst der Kirchengeschichte, war ein streng normiertes Ritual abgespult worden, der denkbar größte Kontrast zu den Gepflogenheiten des digitalen Zeitalters: geheime, angeblich stumm verlaufende Wahlgänge, keinerlei Kontakt zur Außenwelt, Kommunikation der Entscheidung per Rauchzeichen, was um 19.06 Uhr geschah. Anschließend jenes präzise Protokoll bis zum Öffnen des roten Vorhangs, welches jedes Wort und jede Geste vorschreibt.

Die große Zeremonie ist das spirituelle Rückgrat jeder Religion, pompöse Architektur gleichsam ihre Heimat. Acht Jahre Arbeitszeit investierten die Baumeister, bevor sie im Sommer 1483 die Sixtinische Kapelle ihrer Bestimmung übergaben – jenes Gebäude, gut 40 Meter lang und halb so hoch, in dem das Konklave vonstatten geht. Vier Jahre war Michelangelo allein mit der Anfertigung derDeckenfresken beschäftigt. Noch beeindruckender erscheinen sakrale Monumente wie Angkor in Kambodscha, die größte Tempelstadt der Welt, errichtet über den Zeitraum eines halben Jahrtausends. Angkor Wat, der opulenteste Tempel in dem Areal, gilt als gewaltigstes religiöses Bauwerk, ist bestückt mit fünf Türmen und mit Reliefs, die 2000 himmlische Tänzerinnen zieren. Aber schon in der Steinzeit unternahmen die Menschen respektable Anstrengungen, um ihren Glauben in Stein zu meißeln ...

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