"Auf eine nette Weise grausam": Der Historiker Manfred Flügge im Interview

Der deutsche Historiker Manfred Flügge über Gabrielle Chanel als NS-Kollaborateurin und ihre Weißwaschung nach dem Krieg.

Interview: Philip Dulle

profil: In Ihrem Buch bezeichnen Sie Chanel als große Lügnerin.
Flügge: Gabrielle Chanel litt unter Mythomanie, einem Phänomen, dem vor allem Erfolgsmenschen verfallen sind, weil sie die Wahrheit über ihr Leben nicht ertragen können.

profil: Was hatte Hans Günther von Dincklage, Chanels deutscher Geliebter während der NS-Okkupation, für eine Funktion für das Regime?
Flügge: Dincklage hatte den Ruf eines Spions. Wann sich Chanel und der Botschaftsangestellte kennen lernten, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Er sollte später die Verbindung zu Walter Schellenberg, dem SS-Obergruppenführer, herstellen, der unter Billigung Heinrich Himmlers Kontakte zu den Westmächten knüpfte.

profil: Winston Churchill kannte Chanel ja aus ihrer Zeit in England. War ihr Wunsch, vermittelnd für eine vorzeitige Beendigung des Zweiten Weltkriegs agieren zu können, naiv?
Flügge: Man hat es ihr vielleicht eingeredet, friedensstiftend tätig sein zu können. Aber in Wahrheit war sie Marionette in einem Spiel, das viel größer war, als sie überhaupt sehen konnte. Das Unterfangen war von vornherein zum Scheitern verurteilt.

profil: Wie sehr beeinflusste die Okkupation von 1940 Chanels Alltag?
Flügge: Man konnte in der Position von Frau Chanel relativ ruhig leben. Sie ging ins Thea­ter, zum Trabrennen und lebte vollkommen abgehoben. Sie war ja auch völlig unsentimental, hatte ein großes Mundwerk und war auf eine nette Weise grausam. Dass irgendwo Krieg herrschte, bekam sie wohl nur am Rande mit. Paris kam bis Anfang 1944 einer regelrechten Scheinwelt gleich.

profil: Als die Alliierten bereits im Vormarsch waren, reiste Chanel noch nach Berlin, um Rapport zu erstatten.
Flügge: Dies wäre die Filmszene, die ich gerne im Kino sehen würde. Chanel bei Schellenberg und wahrscheinlich auch Heinrich Himmler im Bunker unter den Bomben. Eine unvorstellbar gruselige Szene. Leider werden wir diese Szene im Film wohl nie zu Gesicht bekommen.

profil: Gabrielle Chanel wurde kurz nach der Befreiung von Paris als Kollaborateurin festgenommen und nach ein paar Stunden befreit.
Flügge: Im Gegensatz zu anderen Frauen, denen ein Verhältnis zu Deutschen nachgesagt wurde, schor man ihr nicht auf offener Straße die Haare. Sie hatte Beziehungen, um dieser Schmach zu entgehen.

profil: War Chanel ideologisch von Hitler-Deutschland fasziniert?
Flügge: Mit Politik hatte die nichts am Hut, das passte nicht zu ihrem Wesen. Es ging ihr vielmehr darum, sich weiterhin einen Platz zu sichern und ihr Haus weiterführen zu können.